Kugelsicherer Speisesaal inklusive

Redaktion, 14. August 2007, 09:39
  • Gerald Vorreiter, oberster Restaurantchef des Ritz Carlton, über den Dächern von Moskau. Rechts hinten ein Teil des Kreml.
    foto: steiner

    Gerald Vorreiter, oberster Restaurantchef des Ritz Carlton, über den Dächern von Moskau. Rechts hinten ein Teil des Kreml.

  • Das Ritz Carlton steht an der Stelle des einstigen "Intourist"
    foto: steiner

    Das Ritz Carlton steht an der Stelle des einstigen "Intourist"

Das soeben eröffnete "Ritz Carlton" gilt als nobelste Hoteladresse in Moskau. Gerald Vorreiter aus Zell am See gibt dort den kulinarischen Ton an

Wenn er einmal kurz verschnaufen will, wechselt er die Straßenseite. Für einen Espresso im kleinen Café des Artistes und eine kurze Unterhaltung mit Landsleuten muss allemal Zeit sein. Sonst kann sich Gerald Vorreiter derzeit ohnehin wenig gönnen. Seit das Hotel Ritz Carlton zu Beginn des Vormonats auf der anderen Seite von Moskaus berühmter Einkaufsstraße "Twerskaja" eröffnet hat, sind 16 Stunden ein normaler Arbeitstag für den Österreicher. "Sechs, meistens sieben Tage die Woche", sagt er. Eine gewisse Müdigkeit kann der 27-Jährige auch nicht verhehlen, besiegt sie aber mit dem jugendlichen Eifer und der Genugtuung darüber, in einer Stadt der schier unbeschränkten Möglichkeiten gelandet zu sein. "Mit dem österreichischen Know-how ist man hier voraus. Hier kann man führende Positionen um viele Jahre früher als im Westen einnehmen." Im Ritz kommt dem Koch aus Zell am See die Funktion des Chef Tournant und somit die Aufsicht über alle Restaurants des Hotels zu.

Das Ritz ist nicht irgendeine Herberge. In der Metropole mit ihren 14 Millionen Einwohnern gilt es als die nobelste Hoteladresse. Am Nordrand des Kreml, an der Stelle der einstigen Sowjetabsteige "Intourist", haben kasachische und türkische Investoren dafür 350 Millionen Dollar locker gemacht, um der Nachfrage nach Luxus zu entsprechen. Groß ist diese in einem Land mit 60 ausgewiesenen und mindestens noch einmal so vielen anonymen Dollarmilliardären.

Mit lediglich 6000 Zimmern internationalen Standards steht man hinter anderen Metropolen noch weit zurück. Das treibt den Preis. Deloitte & Touche hat einen Durchschnittszimmerpreis von 263 Euro in Moskau errechnet. Ergibt Platz eins in Europa vor London (185 Euro).

Ab 800 Dollar pro Nacht Über allen thront das Moskauer Ritz mit seinen 334 Betten. Dort stauen sich Bentleys und schwarze Mercedes. Eine Nacht beginnt bei 800 bis 1000 Dollar, die Präsidentensuite ist für 16.000 zu haben, schusssicherer Speisesaal inbegriffen. "Demokratisch" sagt man in Russland, wenn man "erschwinglich" sagen will. Im Ritz verkehren die Sieger eines autoritären Systems.

Obwohl es "finanziell hier interessanter ist als in Österreich", ist Vorreiter "Demokrat" geblieben: "Der Platz hier ist für die Karriere und für die eigene Charakterbildung wichtig", erklärt er. Vorreiter meint den Kampf mit Unwägbarkeiten: Keine Garantie, dass immer alle Produkte in der nötigen Frische erhältlich sind; russische Mitarbeiter seien gut ausgebildet, aber am feinen Schliff mangle es.

Die Herausforderung: "Man muss sich selber besser organisieren." Seinem Familiennamen entsprechend versteht sich der Salzburger auch als Pionier neuer kulinarischer Maßstäbe. Schon bis jetzt gaben in Moskau - abgesehen vom Restaurantimperium des Gastronomiezaren Arkadi Nowikow - die Hotels den kulinarischen Ton an. Etwa das Marriott Royal Aurora und das Marriott Grand Hotel, wo ebenso Österreicher Chefköche sind.

Im Ritz selbst wird Vorreiter vom Österreicher Leo Tschernko unterstützt. Er zeichnet im Hotelrestaurant "Jeraboam" unter der Schirmherrschaft des deutschen Spitzenkochs Heinz Winkler für Fine Dining verantwortlich. Für Vorreiter, der seine Auslandskarriere in Jordanien begonnen hat, ist das Ritz nicht die erste Arbeitsstelle in Moskau. Zuvor war er eineinhalb Jahre im Hotel Baltschug Kempinski an der Kreml-Südseite stationiert. Wie bei der Skiausrüstung, so würden die Russen auch beim Essen glauben, dass das Teuerste immer das Beste sei. "Die Preise in Moskau sind gepfeffert." Und die russische Küche? "Ein Traum - allein, meist zu wenig gewürzt." (Eduard Steiner/Der Standard/Printausgabe/14.8.2007)

Fotos: Steiner

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