Auf dem Arbeitsstrich: "Krank sein gibt's nicht"

12. September 2007, 10:54
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Abseits jedes arbeitsrechtlichen Schutzes sind Probleme mit Arbeitgebern und Polizei für zig Migranten alltäglich - Reportage

Die Arbeitssuche treibt alleine in Wien täglich zig Migranten auf den Arbeitsstrich. Abseits jedes arbeitsrechtlichen Schutzes sind Probleme mit Arbeitgebern und Polizei alltäglich. Die Politik schiebt die Verantwortung für das bekannte Phänomen hin und her.

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Wien - Um die zwanzig Männer sammeln sich in den frühen Morgenstunden vor dem Baumarkt in der Triesterstraße. Am schmalen Randstein sitzend, harren sie dort täglich aus - Stunde um Stunde. Auf die Frage, worauf sie warten, reagieren sie nervös. Wollen nicht mit Medien reden.

Ein etwas abseits stehender schmächtiger Mann in rotem T-Shirt hat schließlich doch Interesse. Er selbst spricht kaum Deutsch und verweist auf seinen Kollegen, der vor der Tankstelle um die Ecke sitzt. Der Kollege heißt Soeren und stammt aus Rumänien. Als er vor zwei Wochen in Wien angekommen ist, hat ihm ein Freund sofort erklärt, wo er hingehen soll: "Entweder hierher, zum Prater oder in die Herbststraße. Da kriegt man Arbeit." Und diese braucht er dringend.

Vor allem kleine Baufirmen und Privatleute, die Hilfe beim Renovieren oder Umziehen brauchen, würden seitdem seine Arbeitskraft kaufen - schwarz versteht sich. Ab vier Euro in der Stunde bieten er und seine Kollegen ihre Fähigkeiten im Malen, Fliesenlegen oder Spachteln an. Die Arbeitgeber beschäftigen sie illegal, ohne arbeitsrechtlichen Schutz oder Steuerabgaben.

Auch in der Herbststraße treibt die Arbeitssuche Dutzende Männer aus Polen, Rumänien oder der Ukraine auf die Straße. Von der Ecke Lerchenfelderstraße an aufwärts stehen sie an beiden Straßenseiten aufgefädelt und warten, bis jemand aus einem vorbeirollenden Auto Interesse bekundet.

Viele von ihnen seien Facharbeiter, erzählt einer, der es wissen muss. Seit fast vier Jahren steht der 53-jährige Nazir hier. Ungefähr zwei- bis dreimal in der Woche bekommt er so Arbeit. Die Frage, was er tut, wenn er krank wird, löst bei ihm Unverständnis aus: "Krank sein gibt es nicht", sagt er kopfschüttelnd. Ins Krankenhaus würde er ohnehin nicht gehen. Die würden nur Fragen stellen. Wer Geld braucht, müsse eben auch arbeiten, wenn es ihm schlecht geht.

Zu schaffen macht den Männern aus der Herbststraße manchmal auch die Zahlungsmoral ihrer Arbeitgeber. Fast alle können Geschichten davon erzählen, für die erbrachte Arbeit nicht den zuvor vereinbarten Lohn erhalten zu haben. "Für drei Wochen Arbeit habe ich einmal nur Geld für eine Woche bekommen", erzählt der 25-jährige Thomas. Machen könne man da nichts, meint er. Zur Polizei könnten er ja schlecht gehen.

"Verstellen des Weges" Mit der stehen die Männer ohnehin auf Kriegsfuß. Fast täglich fahren Streifenwagen vorbei und heben Verwaltungsstrafen von den Wartenden ein. Die 21 Euro kassiert die Polizei wegen "Verstellen des Gehweges", erklärt der Polizeijurist Johann Schabenböck. Das sei die einzige Handhabe gegen die Arbeitssuchenden. Schließlich würden vor Ort keine Arbeitsverhältnisse eingegangen.

Nazir schüttelt ärgerlich den Kopf, wenn er über die "Strafe nur fürs Herumstehen" spricht. Er müsse Geld verdienen: "Zum Wohnen, Duschen, Essenkaufen." Dass das ein Verbrechen sein soll, gehe ihm nicht in den Kopf.

Dass sich mitten in der österreichischen Hauptstadt täglich Menschen ohne jeden Arbeitsschutz verkaufen, ist auch an Wiener Landespolitikern nicht vorübergegangen. Aus dem Büro der Stadträtin für Integration, Sandra Frauenberger (SPÖ), heißt es dazu, man müsse vor allem bei den neuen Zuwanderern ansetzen, sie über den Arbeitsmarkt informieren, weiterqualifizieren und bei der Arbeitssuche unterstützen. Für jene, die schon länger hier sind, wäre aber das Wirtschaftsministerium zuständig. Der Wiener ÖVP-Gemeinderat Fritz Aichinger dagegen erklärt gegenüber dem Standard, man müsse die Arbeitssuchenden selbst zur Verantwortung ziehen: "Jede einzelne Person muss schauen, wie sie zu einem Job kommt und sich am Arbeitsmarkt richtig integriert." Die Grüne Stadträtin Monika Vana sieht die Verantwortung im Gegenteil bei den Unternehmen, die für die Nachfrage verantwortlich wären, und fordert verschärfte Kontrollen und abschreckende Sanktionen für die Unternehmer.

Der 25-jährige Thomas hofft derweil auf einen milden Winter. Das Warten sei dann einfacher. (Sylvia Kuba, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.08.2007)

  • Auch die Wiener Herbststraße im 16. Gemeinde-bezirk gehört seit Jahren zu den amtsbekannten Adressen, an denen der illegale "Arbeits-strich" floriert. Die Politik schaut weg.
    foto: standard/christian fischer

    Auch die Wiener Herbststraße im 16. Gemeinde-bezirk gehört seit Jahren zu den amtsbekannten Adressen, an denen der illegale "Arbeits-strich" floriert. Die Politik schaut weg.

  • Ein Arbeitssuchender mit dem Porträt des verstorbenen NirvanaSängers Kurt Cobain auf dem T-Shirt in der Wiener Triesterstraße.
    foto: standard/christian fischer

    Ein Arbeitssuchender mit dem Porträt des verstorbenen NirvanaSängers Kurt Cobain auf dem T-Shirt in der Wiener Triesterstraße.

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