Kopf des Tages: Der Chinese des mutigen Umweltherzens

Redaktion, 16. August 2007 09:24

Wu gab schon 2002 nicht auf, als er von lokalen Behörden verprügelt, schikaniert und 15 Tage eingesperrt wurde - Von Johnny Erling

Seit mehr als 15 Jahren zieht "Öko-Krieger Wu" gegen 3000 Chemiewerke in China zu Felde. Mit ihren Abwässern vergiften sie Chinas drittgrößten See Taihu. Am Freitag bekam der 39-jährige Umweltaktivist und Bauer Wu Lihong nun die Rechnung für seine Aktivitäten serviert. Nur eine halbe Stunde hatten sich die Richter zurückgezogen, bevor sie das druckreif formulierte Urteil verlasen: Wu muss für drei Jahre ins Gefängnis. Der Vorwurf: Er habe die Leiter von Chemiefabriken wegen Umweltproblemen erpresst. Seine Frau berichtete, Wu sei während der tagelangen Verhöre misshandelt worden.

Medien unterstützten ihn

Doch Wu gab schon im Jahr 2002 nicht auf, als er verprügelt, von lokalen Behörden schikaniert und wegen Störung der öffentlichen Ordnung 15 Tage eingesperrt wurde. Er zeigte die Verursacher der Umweltverschmutzung an und reichte Unterschriftenlisten ein. Medien unterstützten ihn. Die Umweltbehörde von Jiangsu schlug ihn 2005 für die Liste der "zehn landesweiten Umweltschützer Chinas" vor.

Die Schlinge zog sich jedoch zu, als er offen korrupte Verhältnisse anprangerte. Er schrieb, dass in einer der Taihu-Städte mehr als die Hälfte der Mitglieder des Stadtparlaments in den Chefetagen der Chemiewerke sitzen.

Wasserproben

Er schilderte, wie Pekings Inspektoren getäuscht würden. Unmittelbar vor ihrer Visite würden in verseuchte Gewässer Frischwasser eingeleitet und Fische ausgesetzt. Wu mobilisierte die Auslandspresse, als seine Heimatstadt Yixing von der Umweltbehörde Sepa einen Preis als Umwelt-Modellstadt erhielt. Er wollte darauf in Peking die Sepa und Yixing vor Gericht wegen Täuschung der Öffentlichkeit anzeigen. Fünf Monate lang sammelte er dafür Fotos und Wasserproben über die Vergiftung des Sees. Nach seiner Verhaftung bewahrheitete sich, wovor er immer gewarnt hatte.

Stinkende Algenteppiche

Ende Mai kam es zum Umwelt-GAU im Taihu-See, der sich mit stinkenden Algenteppichen bedeckte. Die Trinkwasserversorgung der Millionenstadt Wuxi wurde unterbrochen. Die Regierung musste Wasser vom Yangtse-Strom in den See ableiten, tausende Tonnen Algen beseitigen und Fabriken schließen. Jiangsus Parteichef Li Yuanzhao verkündete, 2150 Chemiewerke bis Ende 2008 schließen zu wollen. Auch eine zweite Forderung, die Wu Lihong einst stellte, wurde wahr.

Am Samstag, einen Tag nach seiner Verurteilung, schrieb die Nachrichtenagentur Xinhua auf der Titelseite ihrer Tageszeitung, dass künftig alle Verschmutzer des Sees mit fünfmal höheren Geldbußen bis zu einer Million Yuan (100.000 Euro) bestraft würden.

Nach dem Urteil forderte Wu dazu auf, den Staatsrat zu informieren. Seine Pekinger Anwältin Zhu Xiaoye sagte, sie werde beim Gericht von Wuxi das Urteil anfechten. (Johnny Erling/ DER STANDARD Printausgabe 13.8.2007)

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