Machen wir's den Briten nach?

Redaktion, 25. Oktober 2007 15:59

Sozialdemokraten unter den Wahlreformern sollte interessieren, dass Mehrheitswahlsysteme im Allgemeinen zu sozial selektiveren Politikformen führen als das Verhältniswahlrecht - Von Hubert Sickinger

Welcher Beobachter unserer innenpolitischen Szenerie würde sich nicht gelegentlich wünschen, die verbreiteten strukturellen Blockaden und Verfilzungen mit einer einfachen Reform zu zerschlagen und in einem Aufwaschen auch gleich dem schrillen Populismus den Boden zu entziehen? Die Anhänger der Mehrheitswahl glauben, den Schlüssel zu kennen: Diese würde zu einem Zweiparteiensystem und einer klaren parlamentarischen Mehrheit der stärksten Partei führen, die ohne Verwässerung durch einen Koalitionspartner ihr Programm umsetzen könnte. Die Wähler hätten dann klare Entscheidungsgrundlagen, nämlich die Wahlprogramme der Großparteien und die Leistungsbilanz der jeweils regierenden Partei.

Typisch österreichisch an der gegenwärtigen Diskussion ist, dass sogleich beschwichtigend hinzugefügt wird, dass Kleinparteien durch eine Art Minderheitenschutz (etwa in Form eines "minderheitenfreundlichen Mehrheitswahlrechts") mit an Bord gebracht werden sollten.

Dabei bauen Mehrheitssysteme gerade darauf auf, kleinere Parteien entweder zu Wahlabsprachen mit einer Großpartei zu zwingen (Beispiel Frankreich, in diesem Fall haben die Wähler die Auswahlmöglichkeit zwischen Parteiblöcken) oder zu marginalisieren. Denn die Ergebnisse der Wahlarithmetik sind den Wählern ja bekannt, weshalb diese vernünftigerweise allenfalls als zweitbeste Lösung eine der beiden Großparteien wählen sollten, um nicht ihre Stimme an eine chancenlose Kleinpartei zu verschwenden. Die Großparteien wiederum müssten die bisher von den Kleinparteien repräsentierten Interessen abzudecken versuchen, um mehrheitsfähig zu sein.

Diese Argumente werden seit den 1960er Jahren unverändert wiederholt. Sie basieren auf der für Demokratiereformer im deutschsprachigen Raum sehr attraktiven Außenwahrnehmung Großbritanniens der 1930er (als faschistische Strömungen auch durch das Wahlsystem klein gehalten wurden) bis 1960er Jahre (der Phase des Konsenses zwischen den britischen Parteien vor Manifestwerden der "British disease"). Ignoriert werden die seither gemachten Erfahrungen, welche die Übertragung des britischen Modells auf Österreich eher nicht nahe legen.

Zweifelhaftes Modell

Die angelsächsische Mehrheitswahl ist die einfachste Form der Mandatszuweisung: In (ungefähr gleich großen) Wahlkreisen wird ein Abgeordneter mit relativer Mehrheit gewählt.

Die Einfachheit (und die Tatsache, dass sie in einigen der ältesten Demokratien zu finden ist) ist kein Zufall, da sie in einer Zeit ohne moderne Kommunikationsmittel und vor dem Entstehen moderner Parteien entwickelt wurde. Das Modell stellte ursprünglich auf persönliche Repräsentation des Wahlkreises ab, und diese starke Personalisierung ist auch sein einziger unbestrittener Vorzug. Hingegen ist das heutige Hauptargument, dass es zu klaren parlamentarischen Mehrheiten führen würde, eher ein zufälliger Nebeneffekt (der sein politisches Überleben in Zeiten der parteienstaatlichen Demokratie ermöglicht hat). Bereits seit den 1970er Jahren ist die Integrationswirkung des britischen Modells deutlich schlechter als sein Ruf unter ausländischen Demokratiereformern - sichtbar daran, dass zuletzt die drittstärkste Partei (die Liberaldemokraten) entgegen jeder Logik des Wahlsystems 22 Prozent der Stimmen (wenngleich aufgrund mangelnder regionaler Hochburgen nur 10 Prozent der Mandate) erreichte. Labour erzielte hingegen mit nur 35,2 Prozent der Stimmen und 3 Prozent Vorsprung auf die zweitplazierten Tories 55 Prozent der Mandate. Es ist auch kein Zufall, dass die Wahlbeteiligung bei Unterhauswahlen (zuletzt knapp über 61%) deutlich unter vergleichbaren Staaten mit Verhältniswahlrecht liegt. Bei Lokalwahlen existiert das - ohnehin nur scheinbare - nationale "Zweiparteiensystem" nicht mehr. Die Verdrossenheit mit unserer gegenwärtigen großen Koalition in Ehren, aber im UK ist die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung keineswegs geringer als bei uns.

Fragwürdige Hoffnung

Oft wird behauptet, das britische Modell würde Parteien belohnen, die sich mit moderaten Programmen um die Wähler der Mitte bemühen. Fast eineinhalb Jahrzehnte war allerdings just das Gegenteil der Fall: Die Konservativen unter Thatcher konnten ab 1979 eine (auch innerparteilich umstrittene) radikal neoliberale Politik umsetzen, während sich Labour bis in die späten 1980er Jahre links außen positionierte - insofern unterstützt vom Wahlsystem, da dieses den Aufstieg der moderateren Mitte-links-Kräfte (das Bündnis aus Liberalen und von Labour abgespaltenen Sozialdemokraten) verhinderte.

Sozialdemokraten unter den Wahlreformern sollte interessieren, dass Mehrheitswahlsysteme im Allgemeinen zu sozial selektiveren Politiken als Verhältniswahlsysteme führen. In der Mehrheit der Wahlkreise steht die Mehrheit nämlich von vornherein fest, weshalb sich Wahlkampfanstrengungen und inhaltliche Angebote auf Wahlkreise fokussieren, in denen die Mehrheit offen ist - wobei typischerweise nicht Interessen marginalisierter Gruppen zum Zuge kommen.

Österreich ist nicht das Vereinigte Königreich, in dem das Parlament als der eigentliche Souverän gilt und zumindest verfassungsrechtlich kaum Reformblockaden existieren. Dass eine (bei uns blockierte) Reform des Gesundheits- oder Bildungssystems in Großbritannien besser gelungen wäre, widerspricht trotzdem der empirischen Erfahrung. In Österreich wäre auch weiterhin für viele grundlegende Reformen eine Verfassungsmehrheit (falls Länderkompetenzen betroffen sind auch im anders beschickten Bundesrat) erforderlich. Die Verfechter der Mehrheitswahl haben sicher recht, dass über dieses Modell diskutiert werden kann - das sollte aber anhand tatsächlicher Erfahrungen und konkreter Folgenabschätzung für eine mögliche Übertragung auf Österreich, nicht nur aufgrund von Hoffnungen und modelltheoretischen Erwartungen geschehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2007)

Der Autor ist Politikwissenschaftler am Institut für Konfliktforschung in Wien, Arbeitsschwerpunkte: Parteienfinanzierung und politische Korruption; 2002 erschien im Braumüller-Verlag sein Buch "Demokratie in der kleinen Einheit - eine Fallstudie"
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Dyl Ulenspegel
15.08.2007 16:11
Welche Verrenkungen immer, nichts ist adäquat der direkten Demokratie!

Von den Politkern gefürchtet, aber zufrieden Bürger !

Wieso diese Angst?

Es bleibt die Vorstellung, käme eine Bürgerkontrolle in die Ämter müßte man manche vor dem Lynchen schützen?

orga
12.08.2007 20:44
koalitionswahlrecht??

hmm... wurde irgendwo mal angedacht, nicht einzelne Parteien zu wählen, sondern statt der Partei das gewünschte Wahlergebnis anzugeben? Also dass man prozentuale Verteilung der einzelnen Parteien (meinetwegen in 5%-Schritten) angibt. Und daraus dann nach einem Schlüssel das am ehesten gewünschte Wahlergebnis berechnet wird.
Rein intuitiv würde ich vermuten, dass der Wählerwille so nicht nur besser erkennbar wäre sondern auch eher umgesetzt würde, da der Wähler dann direkter die un-/möglichen Koalitionen bestimmen könnte.
Ideen, Kommentare willkommen ;)

da Maier
12.08.2007 14:00
grossbritannien als vorbild...?

man kann ja über alles und jedes jammern, und in österreich tun wir das besonders gerne. aber grossbritannien als vorbild zu verwenden ist einfach nur schwachsinn. diese insel ist das ätzendste und rückständigste, was man westlich von belarus finden kann. einfach nur ein alptraum. mir ist absolut garnichts bekannt, was in diesem land besser sein soll als im rückständigsten kaff in den zentralalpen.

als faustregel könnte gelten: wenn die briten ein problem nach methode a lösen, scheidet diese methode automatisch als option für österreich (oder D, F, E, I....) aus. sie ist nämlich mit sicherheit die schlechtestmögliche aller optionen.

Elmer J. Fudd
12.08.2007 14:07
mir ist absolut garnichts bekannt, was in diesem land besser sein soll als im rückständigsten kaff in den zentralalpen.

oh doch. die tun ihre mannerschnitten in schoko umhüllen.

time for a break - time for a kit kat.

Global NeoCon Guerilla
12.08.2007 10:39

Griechenland hat so ein Mehrheitswahlrecht mit Minderheitenschutz.

1) Die erste Partei wird überproportional gestärkt.

2) Die zweit Partei wird überproportional geschwächt.

3) Die Kleinparteien werden überproportional gestärkt.

Damit hat sich der sozialistische Linksnationalist Andreas Papandreou 25 Jahre Herrschaft gesichert.

Das eigentliche Problem in Kontinentaleuropa ist aber nicht das Wahlsystem sondern das Fehlen einer liberal-demokratischen Tradition.

Die Leute sind entweder Säkular-Sozialistisch oder Christlich-Sozialistisch. Was für die einen "Das Kapital" ist, ist für die anderen "Die Bibel". Sonst gibt es kaum Unterschiede. Juden und Kapitalisten mag man hier einfach nicht.

Da nützt auch das beste Wahlsystem nicht.

Igor Gassner
12.08.2007 14:37
Bitte was sind liberal-demokratische Traditionen

und was sollen die bewirken ich kann nämlich nichtb erkennen dass sich in den USA oder in England irgend was anderes durchsetzt als der Mainstream
und was das Kapital angeht einen Blick aug die zusammengebrochene Brücke in den USA das Englische Eisenbahnsystem die Kathastrophe in New Orleance und so weiter zeigt wieso wir uns in Mitteleuropa schon im 1870 dazu entschieden haben einen anderen Weg zu gehen weil liberealer Kapitalismus unöknonomisch und Zukunftslos ist und antigemeinschaftlich agiert. ( Anticommunal)

out of order
 
12.08.2007 09:49
Polizeistaat Österreich

Ein Beispiel Ortstafeln. Eine Minderheit diktiert die Mehrheit. das ist doch nicht der Sinn einer Demokratie.
oder??

Fritz Meyer
11.08.2007 21:47
Den Demokratieschwund und Überwachungswahn...

dieser Insel imitieren wir bereits freudig!

Fritz Meyer.

Intellectually Ltd.
11.08.2007 20:09
Das Problem in Österreich ist, dass das Wahlrecht in Österreich den Typus von Politikern geschaffen hat, der uns jetzt regiert.

Die Änderung des Wahlrechts hätte m. M. zur Folge, dass politische Entscheidungen und deren Auswirkungen vom Wähler viel direkter Parteien und Politiker zuordenbar wären. Politisches Handeln hätte viel direktere Konsequenzen.

Im jetzigen System ist es nur sehr schwer möglich eine Partei abzuwählen.

In Koalitionen überwiegt immer parteipolitisches Taktikieren gegenüber dem Durchsetzen notwendiger politischer Maßnahmen.

Die Auswirkungen politischen Handelns ist viel schwerer konkreten politisch Verantwortlichen zuordenbar.

Alleine die Umstellung VWR auf MWR würde die österreichischen Innenpolitik und das öffentliche Interesse daran beleben.

E. Pagliacchi
13.08.2007 11:10

Vollkommen richtig.

Elmer J. Fudd
11.08.2007 22:10
nein.

solange die Bundesregierung bei allen Initiativen und Gesetzen sich mit 9 Landesregierungen, einem Städtebund, der Landeshauptleutekonferenz, der WK, der AK, dem Bauernbund, der IV, dem Wirtschaftsbund, und der freiwilligen Feuerwehr arrangieren muss, solange kann sie (einigermassen fundiert) die Verantwortung an eine oder mehrere dieser Nebenregierungsinstanzen abschieben.

das hat mit dem wahlrecht nichts zu tun.

es ist eine tatsache, dass GB sehr viel zentralistischer regiert wird wie ö. wenn sie sich danach sehnen, sagen sie das. aber tunS nicht mit dem wahlrecht vermischen.

E. Pagliacchi
15.08.2007 08:32

Ja, Ihre Aufzählung hat mit dem Wahlrecht tatsächlich nichts zu tun. Ich stimme Ihnen zu, dass das alles Probleme sind. Aber man sollte angesichts DIESER von Ihnen erwähnten Probleme nicht blind für die von Ihrem Vorgänger erwähnten werden. Wir haben eben mehrere Baustellen in Ö.

JonBut
11.08.2007 12:42
Vereinigtes Königreich

In einem Geb(f)ilde, wo KönigINNEN noch eine Existenzberechtigung genießen, ist es wohl ein Affront, von einer Demokratie zu sprechen.
Will mal Säkularismus gar nicht andiskutieren, dann wären alle nämlich noch in den Kinderschuhen was Aufklärung anbelangt.

m3a
11.08.2007 18:28

mein lieber, demokratie und republik sind zwei paar schuhe. bitte bissi nachdenken bevor JonBut posten tut.

gino 1
11.08.2007 13:37
bisserl ein Problem

Staats- u. Regierungsform zu unterscheiden ?

JonBut
11.08.2007 14:09
Ja

Unterscheiden Sie es mir, sodass auch ich die Existenz einer Königin heute in einer der ältesten "Demokratien" akzeptieren kann, um sie als Pluralis Majestatis auch respektieren zu können.

gino 1
12.08.2007 14:09
die Staatsform

beschreibt die Art wie der Staat organisiert ist, die Regierungsform wie er regiert wird. Ist ja nicht so schwer

JonBut
12.08.2007 18:56

Das rechtfertigt aber nicht die Existenz einer Königin, oder was meinen Sie zu Gleicheren?

Elmer J. Fudd
12.08.2007 23:11
das ist der unterschied

zwischen einem organisch gewachsenen system und einem am reissbrett nach einer revolution entworfenen.

die macht des monarchen ist in england seit dem mittelalter schrittweise eingedämmt worden, heute ist sie wahrscheinlich weniger als bei den meisten präsidenten von republiken. mit all diesen schritten ist aber in den köpfen der "untertanen" das bewusstsein für ihre rechte und freiheiten gewachsen.

ist gar nicht so übel.

gino 1
12.08.2007 19:04
was hat jetzt der

Gleichheitssatz hier verloren. Ein Staat heiszt Republik, wenn der Typ an der Spitze Praesident heiszt und wenn er sich Monarch nennt, ist es eine Monarchie. Das ganze gibts konstitutionell rechtstaatl. wie UK, E, DK, S, NL,B, ect o. autoritaer wie die Rep. Kongo, Haiti, Kuba ect.

gino 1
12.08.2007 19:48
Venezuela

hab ich vergessen

E. Pagliacchi
11.08.2007 15:51

Haben Sie aus denselben Gründen dann auch Schwierigkeiten mit Schweden, Norwegen, Belgien, Niederlande, Dänemark, Spanien, Japan?

JonBut
12.08.2007 18:58

Ja hab ich.
Ist das etwas Abnormales?
Ich kann nunmal Gleichere nicht ausstehen, Sie vielleicht?

gino 1
12.08.2007 19:37
bitte, befassen

sie sich ein bisserl mit Staatslehre. Das ist voelliger Unsinn, den sie da von sich geben. Es geht ums Amt, nicht um den Amtsinhaber

JonBut
13.08.2007 17:12
Es geht ums Amt

Waw, das ist aber ein Ding.
Also amtet der König/die Königin nur.
Starkes Verstandnis eines Lakai.
Bravo&Danke für die Staatslehren.

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