Interview: "Baader lispelt, Ensslin glasklar"

10. Oktober 2007, 00:17
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"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust im STANDARD-Gespräch über die neu entdechten Todokumente

Der Wert der Stammheimer Tondokumente liegt auf atmosphärischer Ebene: Sie gewähren erstmals Eindrücke vom Klima im Prozess, erzählt Stefan Aust.

STANDARD: Wie war es, die Stimmen zu hören?

Aust: Andreas Baaders Stimme kannte ich vorher nicht. Es gab bis jetzt kein einziges Tondokument von ihm. Sie ist nicht so eindrucksvoll, wie man sich das bei einer Figur, die so eine finstere wie bedeutsame Rolle in der deutschen Geschichte gespielt hat, vorstellen würde: Er lispelt. Gudrun Ensslins Stimme kannte ich aus Interviews. Sie hat eine sehr klare, entschlossene, glasklare Stimme. Auch während des Prozesses. Ulrike Meinhof kannte ich. Mich erschütterte, wie sie im Laufe des Prozesses ihre Artikulationsfähigkeit verloren hat.

STANDARD: Die Bänder sollten eigentlich vernichtet werden. Glauben Sie, da hat jemand von den Archivaren vorausschauend gedacht?

Aust: Ein wirkliches System der Aufbewahrung kann ich nicht erkennen. Es gibt aber tatsächlich Stellen, die ich immer für besonders wichtig erachtet habe. Etwa die Erklärung Ulrike Meinhofs, in der sie die Möglichkeit des Ausstiegs aus der Gruppe formuliert. Allein diese Möglichkeit anzusprechen, galt als Verrat.

STANDARD: Worin besteht die historische Bedeutung der Bänder?

Aust: Inhaltlich gibt es keine wirklich neuen Erkenntnisse. Beim Hören der Bänder bekommt man aber einen Eindruck von der persönlichen Entwicklung der einzelnen Personen während der Haft und des Prozesses. Und man bekommt einen Eindruck vom Klima im Prozess. Von der Aggressivität zwischen den Angeklagten und dem Richter.

STANDARD: Hat sich Ihr Bild von der RAF mit den Bändern verändert?

Aust: Es hat sich verdichtet, aber die Geschichte der RAF muss nicht umgeschrieben werden. Das Bild, das ich 1985 in meinem Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" gezeichnet habe, muss ich nicht wesentlich verändern, höchstens ein Stück ergänzen.

STANDARD: Die Geschichte der RAF ist mit zahlreichen Büchern und Filmen dokumentiert. Was gibt es noch zu recherchieren?

Aust: Die Geschichte ist erzählt, das stimmt. Ich selbst habe Jahre recherchiert und unendlich viel zusammengetragen. Und doch gibt es immer noch eine ganze Menge neuer Materialien und neuer Erkenntnisse.

STANDARD: Zum Beispiel?

Aust: Diese Tonbänder. Aber mehr möchte ich eigentlich nicht sagen. Wir wollten die Tonbänder eigentlich nicht vor der TV-Dokumentation im September veröffentlichen. Seit die Mitschnitte im Staatsarchiv sind, sind sie für jedermann zugänglich. So hat sich herumgesprochen, dass da sehr interessante Sachen im Archiv sind. Wir waren gezwungen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, um uns wenigstens das Urheberrecht nicht nehmen zu lassen.

STANDARD: Zuletzt lehnte der deutsche Bundespräsident die Begnadigung Christian Klars ab. Hat er richtig gehandelt?

Aust: Ich weiß, dass der Bundespräsident sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hat. Ich habe selbst mit ihm mehrmals darüber geredet. Eines kam dabei sehr deutlich heraus: Er wollte sich ein eigenes Bild machen, ob Christian Klar in der Haft irgendetwas gelernt hat, ob er sich mit seinen Taten auseinandergesetzt hat. Wenn er den Eindruck gehabt hätte, er hätte sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt, dann hätte er die Begnadigung ausgesprochen. Sein Bild ist offensichtlich so ausgefallen, dass er nicht der Meinung war, dass er das tun sollte.

STANDARD: Sind Sie seiner Meinung?

Aust: Ich habe mich mit Klar nicht unterhalten, mein Bild stammt von dem grauenvollen Interview, das er einmal gegeben hat. Deswegen würde ich mich der Stimme enthalten. Man hat ein Recht auf Anhörung, aber nicht automatisch ein Recht auf Begnadigung. Ich glaube, es wäre für Christian Klar selbst besser, wenn er sich mit seinen Taten auseinandersetzen würde. STANDARD: Aber macht es Sinn, wenn derjenige, dem die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit angeordnet wird, lebenslange Haft vor sich hat?

Aust: Die Auseinandersetzung mit den eigenen Taten muss unabhängig von den Jahren passieren, die man im Gefängnis sitzt.

STANDARD: 30 Jahre "Deutscher Herbst" steht bevor. Wie entgehen Sie dem Vorwurf, am Mythos RAF weiterzustricken?

Aust: Dem Vorwurf kann man nicht wirklich entgehen. In dem Moment, in dem man sich mit diesem Fall und diesen Personen beschäftigt, stricken Sie mit. Mythos ist aber eigentlich der falsche Begriff. Indem man sich damit beschäftigt, die Fakten ausbreitet, wirkt man vielleicht an der historischen Berühmtheit der beteiligten Personen mit. Das lässt sich nun nicht vermeiden.

STANDARD: Vier Mitglieder der RAF sind immer noch auf der Flucht. Können Sie sich vorstellen, wo sie sind?

Aust: Ich weiß es nicht. Es kann doch aber sein, dass Leute sich aus der Gruppe absetzen, eine neue Identität annehmen und hoffen, dass ihnen niemand auf die Schliche kommt. So in etwa stelle ich mir das vor.

STANDARD: Halten Sie eine Wiederbelebung der RAF für möglich?

Aust: Ich hoffe nicht. Aber wir wissen, dass der Terrorismus nicht am Ende ist. Wir wissen, dass er in unterschiedlichen Formen auftritt. Im Augenblick haben wir mit islamistischen Terrorgruppen zu tun. Ich will aber nicht ausschließen, dass in bestimmten historischen Situationen die Kinder der eigenen Gesellschaft sich nicht wieder auf so einen Irrsinnstrip begeben. Das kann man nicht ausschließen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.8.2007)

  • Zur Person:


Um seine Nachfolge als "Spiegel"-Chefredakteur ist bereits ein interner Machtkampf entbrannt. Stefan Aust (61) ist seit 1994 an der Spitze des Magazins und war bis vor Kurzem Geschäftsführer von "Spiegel TV".
    foto: der spiegel

    Zur Person: Um seine Nachfolge als "Spiegel"-Chefredakteur ist bereits ein interner Machtkampf entbrannt. Stefan Aust (61) ist seit 1994 an der Spitze des Magazins und war bis vor Kurzem Geschäftsführer von "Spiegel TV".

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