Gaberln gegen Lärm

7. September 2007, 14:40
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Bei der Aktion "Kunstgaberln im Gemeindebau" erlernen Kinder und Jugendliche Tricks und Tipps zum raffinierten Ballestern

Schließlich macht Gaberln weniger Lärm als den Ball einfach an die Hauswand zu knallen – und hilft, Konflikte spielerisch zu vermeiden.

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Wien – „Eins, zwei, drei“, zählt Michael Moritz. Im Rhythmus köpfelt ein blonder Bub den Ball in die Höhe, lässt ihn vor seinen Füßen aufkommen und gaberlt ihn geschickt auf. Aber das ist noch gar nichts: Die Kinder, die sich im Fußballkäfig im Hugo-Breitner-Hof in Penzing zum „Kunstgaberln“-Workshop versammelt haben, üben das klassische Gaberln, also den Ball so lang wie möglich hochzuspielen, lassen ihn über das Genick von einem Arm zum anderen rollen oder in trickreichen Manövern um die Knöchel tanzen.„Das ist toll, was die Kids können“, lobt Workshop-Leiter Moritz, Trainer, Choreograf und Dozent an der Kunst-Universität, die Kunstfertigkeit des Nachwuchses. Und der findet die rund 50 Tricks, Slides und Moves, die Moritz im Programm hat, „urleiwand“.

Dass der Sinn der Ballakrobatik nicht nur im Geschicklichkeitstraining liegt, wird deutlich, sobald ein fehlgeleiteter Schuss am Gitter endet: Es scheppert ordentlich durch die gepflegten Grünanlagen des Hugo-Breitner-Hofs, der mit über 1100 Wohnungen zu den größten Gemeindebauten Wiens gehört und schon durch seine unmittelbare Nähe zum Hanappi-Stadion oft mit Fußball konfrontiert ist.

Station im Gemeindebau

„Jugendliche und Ballspielen ist ein großes Thema“, erklärt Christoph Floner von der zuständigen Gebietsbetreuung. Eine Woche lang machen er und seine Kollegen gemeinsam mit Ballkünstler Moritz in vier Gemeindebauten im 14., 15. und 16. Bezirk Station, um einerseits den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass „man durchaus was anderes machen kann, als den Ball gegen das Gitter oder die Hausmauer zu knallen“ und andererseits einen verständnisvolleren Umgang der Erwachsenen mit dem Bewegungsdrang der Kinder zu erreichen. Lärm und daraus resultierende Nachbarschaftskonflikte stehen an zweiter Stelle der Beschwerden im Gemeindebau, gleich nach Problemen mit Hunden und ihren Hauferln. Und dass Radau im Hof mitunter für Aggressionen sorgt, ist nicht erst seit den Schussattentaten auf spielende Kinder in Favoriten bekannt.

„Seid's einmal leise!“ Diesen Satz bekomme er oft zu hören, erzählt Dominik, der „sicher fünf bis sechs Mal die Woche“ im Käfig kickt. „Aber so ist das Leben“, nimmt’s der 12-Jährige gelassen und versucht seinen Gaberl-Rekord von 148 Mal zu übertreffen. „Die meisten können die Tricks nur mit dem Daumen“, stößt Trainer Moritz immer wieder auf Vorkenntnisse aus Computerspielen. Richtiges Gaberln erfordere aber eine gewisse Disziplin, die erst erlernt werden müsse. „Kommst du morgen wieder?“, würden ihn die Kinder fragen – das beste Zeichen dafür, dass die Aktion gut ankommt. Auch bei Mädchen: „Sie haben oft mehr Ballgefühl und werden dadurch mehr anerkannt von den Jungs“, weiß Floner, der sich eine Ausweitung des Projekts wünscht.

Augen und Ohren

„Der Lärm ist schon sehr störend“, hofft eine ältere Bewohnerin des Hugo-Breitner-Hofs auf eine Senkung des Pegels durch die Arbeit der Gebietsbetreuung. Diese wird jedenfalls mehr geschätzt als Kontrolle durch Videoüberwachung, wie sie in einigen Wiener Gemeindebauten geplant ist. „Des brauch‘ ma net“, meint eine junge Frau. „Ich glaub’, der Gemeindebau hat Augen und Ohren genug.“ (Karin Krichmayr/DER STANDARD-Printausgabe, 10.8.2007)

  • Ballgefühl und Akrobatik sind gefordert beim Gaberl-Workshop im Gemeindebau.
    foto: christian fischer

    Ballgefühl und Akrobatik sind gefordert beim Gaberl-Workshop im Gemeindebau.

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