Test für Fortschritte bei Wiederaufbau und Aussöhnung - Eine Nachlese
Frankfurt/Main - Joggen verboten: Bis nach der Präsidenten-
und Parlamentswahl in Sierra Leone will die Polizei keine Läufer mehr
in der Hauptstadt Freetown sehen. Als Grund nennt die Zeitung
"Concord Times" einen gewaltsamen Zwischenfall und Bedenken, dass
sich militante Parteiaktivisten als Jogger tarnen könnten. Die
Sicherheitsmaßnahme ist kurios, wirft aber ein Schlaglicht auf die
Bedeutung des Urnengangs am Sonntag, der als Test für die
Fortschritte bei Wiederaufbau und Aussöhnung nach langem Bürgerkrieg
gilt.
Erste Wahlen ohne UN-Aufsicht
Es sind nicht die ersten Wahlen seit Ende des hauptsächlich aus
dem Diamantengeschäft finanzierten Kriegs 2002, aber die ersten seit
Abzug der UN-Friedensmission vor zwei Jahren. Bei den Parlaments- und
Präsidentenwahlen 2002 und den kommunalen Abstimmungen 2004 stand die
11.000 Mann starke UNAMSIL der Regierung mit Logistik und
Sicherheitsapparat zur Seite. Jetzt muss Sierra Leone beweisen, dass
es den Urnengang selbst - wenn auch nicht ganz ohne Unterstützung der
Vereinten Nationen - abwickeln kann.
Die neue Wahlkommission präsentiert sich nach Einschätzung der
unabhängigen Konfliktforschungsorganisation International Crisis
Group (ICG) vielversprechend: Sie habe einen guten Start hingelegt
und wecke Vertrauen. Die Herausforderungen sind jedoch nicht zu
unterschätzen. Auch fünf Jahre nach Kriegsende liegt die
Infrastruktur in dem westafrikanischen Land, das zu den ärmsten
der Welt zählt, weiter im Argen.
Mit Betrugsvorwürfen ist zu rechnen
Dass der Wahltermin in die Mitte der
Regenzeit fällt, macht die Sache nicht einfacher. Und bei den zu
erwartenden Vorwürfen der Manipulationen und des Wahlbetrugs muss die
Kommission beweisen, dass sie kompetent und überparteiisch reagiert.
"Sierra Leone ist noch immer ein zerbrechlicher Staat", heißt es
im jüngsten ICG-Bericht. Der Frieden sei erst gesichert, wenn die
Wahl fair und ohne Gewalt verlaufe und die neue Regierung die Quellen
der Unzufriedenheit abgraben könne. Dazu zählten an erster Stelle
Korruption, Machtmissbrauch, die enorme Jugendarbeitslosigkeit und
die schwierige Wiedereingliederung der ehemaligen Kämpfer.
Große Erwartungen in neue Partei
Als stärkste Kräfte stehen sich die regierende Volkspartei von
Sierra Leone (SLPP) und die frühere Einheitspartei APC gegenüber.
Eine besondere Dynamik erhält die Wahl aber durch das Auftreten eines
neuen Spielers: der Volksbewegung für Demokratischen Wandel (PMDC),
die sich kürzlich von der SLPP abspaltete und damit der
Regierungspartei im Kampf um den Machterhalt einen Strich durch die
Rechnung machen könnte.
Die SLPP von Präsident Ahmed Tejan Kabbah gibt sich
zuversichtlich, den Löwenanteil der insgesamt 124 Parlamentssitze
abräumen zu können. Auf der Habenseite hat sie einige Erfolge beim
Wiederaufbau vorzuweisen: Der Schulbesuch ist deutlich gestiegen,
Krankenstationen wurden wieder aufgebaut, Straßen befestigt.
Mitte 2008 soll das mit internationaler Hilfe errichtete Bumbuna-Wasserkraftwerk nach zehnjähriger Verzögerung ans Netz gehen und die Hauptstadt Freetown mit billiger Energie versorgen. Bisher sind Unternehmen auf Dieselgeneratoren angewiesen, was die Produktionskosten in die Höhe treibt. Besonders die schnell wachsende Telekommunikations-Industrie und ausländische Minenkonzerne beklagen die hohen Transportkosten, die für die Treibstofflieferung an entlegene Standorte anfallen.
Jugend unzufrieden
Das Auftreten der PMDC habe einerseits zu neuen Spannungen
geführt, andererseits die etablierten Parteien aber auch zu einer
Verjüngung und zur Modernisierung ihrer Strukturen gezwungen, erklärt
die ICG. Vor allem die Anliegen der jungen Wähler würden damit
stärker ins Bewusstsein gerückt. Und die dürfen nicht unterschätzt
werden: Mehr als 50 Prozent der 2,6 Millionen registrierten Wähler
sind nach UN-Angaben jünger als 32. Bislang hätten die
Wiederaufbaubemühungen die junge Bevölkerung zu stark vernachlässigt,
urteilt die ICG.
Dies könnte dem Präsidentschaftskandidaten der regierenden SLPP,
Vizepräsident Solomon Berewa, zum Nachteil gereichen. Sein
PMDC-Konkurrent Charles Margai war ebenfalls bis vor zwei Jahren Teil
des Systems und distanzierte sich erst im Streit um die Nachfolge von
Staatschef Kabbah von der Regierungspartei. Ernest Koroma vom APC
gilt als aufrichtig und relativ unbelastet, doch die APC-Herrschaft
von 1968 bis 1992 ist laut ICG vielen noch als repressives System in
Erinnerung. (red/AP/APA)