Debatte über die nutzlose Jugend

31. Oktober 2007, 15:43
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Mürzzuschlag im August 2007: Jugendliche aus ganz Europa finden sich zum Kongress zusammen, diskutiert wird über Lebenskonzepte und warum sich manche nutzlos fühlen

Mürzzuschlag - Nach einer Berg-und-Tal-Fahrt findet man sich im ländlichen Mürzzuschlag wieder. Für eine Woche ist dieser Ort Schauplatz eines internationalen Kongresses: des European Youth Congress (EYC). Fünf Gehminuten vom Bahnhof entfernt tauschen 60 Jugendliche aus Europa Ideen und die Erfahrung mit laufenden Projekten aus.

Es wird diskutiert und sinniert, als Mittagessen gibt es Bernerwürstel mit Gnocchi. "Sind Gnocchi typisch österreichisch?", fragt sich Bianca Jagsch aus Deutschland und ruft eine belustigte Verneinung ihrer österreichischen Nachbarin hervor. Jagsch von "Young Voices Germany" ist mit der Lokalität zufrieden: "In einer kleinen Stadt konzentrieren sich die Leute weniger auf Sightseeing, sondern aufeinander."

Einen Tisch weiter bahnen sich erste länderübergreifende Kooperationen an. "Vielleicht lassen sich unsere Ideen vereinen", meinen Juan Pique aus Spanien und Boris Radickovic aus Montenegro.

In den Workshops lernen die Teilnehmer in verschiedenen Gruppen, welche nach den umliegenden Bergen benannt sind, Grundlagen des Projektmanagements. Speziell Rax und Moschenkogel stellen die Nicht-Deutschsprachigen vor eine linguistische Herausforderung.

Als generelles Problem sieht David Woollcombe, Präsident von Peace Child International, die unklar definierte Rolle der Jugendlichen in der Gesellschaft: "Junge Leute fühlen sich heute nutzlos und können schwerer motiviert werden." Für ihn sind alle Teilnehmer Helden.

Am ersten Arbeitstag begab man sich auf die Suche nach Ideen und Konzepten für die Stadtentwicklung des Austragungsortes. Vor allem die fehlende Barrierefreiheit wurde workshopübergreifend thematisiert. "Selbst wenn es nur einen Behinderten in Mürzzuschlag gibt, darf er nicht ignoriert werden", kritisiert eine englische Teilnehmerin die vielen, überall anzutreffenden Stufen ohne Rampen.

Zeitgleich wird, am anderen Ende der Stadt, ein zum Seminarraum umfunktionierter Waggon zur Bühne für Erfolgsgeschichten, Helden und zukünftige Ideen.

Die Überlegung, was die Teilnehmer mit unbegrenzter Macht ändern würden, führt Rick Röder aus Deutschland zu den Regeln des globalen Handels: "Das jetzige System ist untragbar und fördert die Abhängigkeit." Als Gegenmodell erzählt der Workshopleiter Alpha Barry die Geschichte einer jungen Afrikanerin: Mit 700 Euro Fördergeld stellte sie Frauen Nähmaschinen zur Verfügung und brachte ihnen das Nähen bei. Der Effekt ist dauerhafte finanzielle Unabhängigkeit. (Alex Müller, Petra Polak/DER STANDARD Printausgabe, 9. August 2007)

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    foto: standard/jungwirth
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