Gesalzene Preise für Nahrung

20. September 2007, 13:57
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Der Handel jubelt über Umsatzausweitung, und immerhin ein Viertel der derzeit niedrigen Inflation von zwei Prozent entfällt im heurigen Jahr auf teureres Brot und Fleisch

Wien – "Langfristig gesehen bewegen sich die Lebensmittelpreise noch immer unter dem Durchschnitt der Inflation, aber es tut sich was", sagt Alexandra Beisteiner, Expertin in der Direktion Volkswirtschaft der Statistik Austria.

Die trockenen Zahlen des Statistikamtes belegen, dass im Halbjahr 2007 die Lebensmittelpreise stärker gestiegen sind als viele Jahre zuvor: Um 3,1 Prozent hat diese Ausgabengruppe im Vergleich zum Vorjahreshalbjahr zugelegt. "Damit sind Lebensmittel für ein Viertel der Inflationsrate von derzeit zwei Prozent verantwortlich", erklärt Beisteiner. Für den österreichischen Lebensmittelhandel ein Grund zum Jubeln: mehr Umsatz dank höherer Preise ergibt die Untersuchung des Handels-Beratungsunternehmens Regioplan. Als weitere Faktoren für Wachstum in der Branche wird die Flächenexpansion und eine Erhöhung des so genannten Non-Food-Anteils im Sortiment angegeben. 2006 betrug die nominelle Umsatzsteigerung 3,3 Prozent; für heuer rechnet Regioplan mit einem Umsatzplus von drei Prozent auf einen Gesamtumsatz von 16,1 Mrd. Euro.

Laut Statistik Austria kam es vor allem in der Ausgabengruppe „Fleisch und Fleischwaren“ zu einem Preisauftrieb, und hier wiederum besonders bei Rindfleisch. Kalbschnitzel und Rindslungenbraten zogen heuer um acht Prozent an. Bei Milch, Käse und Eiern (plus 4,6 Prozent) verteuerten sich insbesondere Gouda und Joghurt um sieben Prozent. Brot und Getreideprodukte zogen um 3,7 Prozent an, hier insbesondere Weißbrot.

Armut

Mit einer solchen Teuerungswelle umzugehen sei für Haushalte mit niedrigen Einkommen bereits schwierig, sagte Martin Schenk, Sozialexperte der Armutskonferenz im ORF-"Morgenjournal". Bereits jetzt müssten ärmere Haushalte bis zu ein Drittel ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben – wohlhabenden Haushalten reicht dafür etwas mehr als ein Zehntel. Viel bedenklicher aber findet er die Entwicklung bei den Wohnkosten, die mit einem Plus von neun Prozent die Steigerung bei den Lebensmittelpreisen in den Schatten stellen. Die Untersuchung belegt außerdem, dass die Preiserhöhungen bei Nahrung schon viel früher einsetzten, nämlich etwa zeitgleich mit der Einführung des Euro. So beträgt die Inflationsrate von 2001 bis zum ersten Halbjahr 2007 kumuliert 10,9 Prozent, die Preise für Ernährung und Getränke aber stiegen etwas stärker um 11,7 Prozent.

Der Euro also als Teuro? – So könne man dies nicht sehen, meint Statistikerin Beisteiner. Nach dem EU-Beitritt Österreichs seien die Lebensmittelpreise bis 2001 nur unterdurchschnittlich gewachsen. Auch legte das allgemeine Preisniveau seit dem EU-Beitritt um etwa ein Viertel stärker zu als jenes für die Warengruppe Nahrung und Getränke. Aus diesen Gründen hat die Statistik Austria auch erst 2005 den Warenkorb dahingehend geändert, dass Ernährung/Getränke schwächer gewichtet wurde; die Produktgruppe steht seither für rund zwölf Prozent des Verbraucherpreisindex. In dem Warenkorb sind 40.000 Preise für Waren und Dienstleistungen enthalten, die jedes Monat in 4200 Geschäften überprüft werden. Insgesamt sind seit der Einführung des Euro die Verbraucherpreise in Österreich um 7,4 Prozent gestiegen. Mehrheitlich, und zwar zu rund einem Viertel, ist diese Veränderung durch Preissteigerungen bei Betriebskosten für Wohnen und bei flüssigen Brennstoffen zurückzuführen. Die größten Preisrückgänge waren im Jahr des EU-Beitritts im Jahr 1995 zu beobachten. Damals wurden Vollmilch um zehn Prozent, Weizenmehl um 29 Prozent, sowie Eier, Brot und Fleisch billiger. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 09.08.2007)

  • Die erst kürzlich angekündigten Preiserhöhungen sind noch gar nicht eingerechnet. Typische Lebensmittel des Warenkorbs aber haben sich heuer bereits empfindlich verteuert.
    foto: standard: matthias cremer

    Die erst kürzlich angekündigten Preiserhöhungen sind noch gar nicht eingerechnet. Typische Lebensmittel des Warenkorbs aber haben sich heuer bereits empfindlich verteuert.

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