ÖBB: Upgrading zur Schlafzelle

5. Oktober 2007, 10:31
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Die neuen Schlafwagenabteile der Bundesbahnen sind teilweise geschrumpft

Wien – Schlafwagen ist nicht gleich Schlafwagen. Diese eisenbahntechnische Erkenntnis musste der Wiener Michael N. im Wortsinn erfahren. Denn die 13-stündige Rückreise von Hamburg in die Bundeshauptstadt verlief deutlich ungemütlicher als die Hinreise – obwohl beide in Waggons der ÖBB absolviert worden sind.

"Bei der Hinfahrt war es noch ein herkömmliches Abteil. Meine Frau und ich konnten am Fenster auf gegenüberliegenden Bänken sitzen, die später auch als Bett genutzt worden sind", schildert Herr N. im Gespräch mit dem Standard. Umso größer die Überraschung, als das Paar nach einem ausgedehnten Skandinavienurlaub am Bahnhof der Hansestadt das Schlafabteil für die Rückreise sah.

Ein mal zwei Meter: "Kleiner, komfortabler Salon"

"Der Raum war ziemlich genau einen Meter breit und nicht ganz zwei Meter lang", beschreibt Herr N. das, was auf der Homepage der ÖBB als "kleiner, komfortabler Salon" angepriesen wird. Dass er für einen Quadratmeter Fläche 159,90 Euro zahlen musste, ist Herrn N. dabei noch relativ gleichgültig. Wirklich ärgerlich findet er, dass die Enge das Ergebnis einer Modernisierung ist – denn erst 2005 priesen die Bundesbahnen die erneuerten Waggons mit den "13 geräumigen Abteilen" in einer Presseaussendung an.

Bei den ÖBB nimmt man die per E-Mail an mehrere Medien versandte Beschwerde durchaus ernst. Der Marketingleiter antwortet Herrn N. (und allen anderen Adressaten) und beteuert, die Sache werde "intensiv und mit oberster Priorität behandelt."

"Upgrading"

Katja Blum, ÖBB-Pressesprecherin, gesteht ein, dass beim als "Upgrading" bezeichneten Umbau der alten Waggons nicht alle Abteile gleich groß geworden seien. Doch auch im vorliegenden Fall seien es laut Plan 2,4 Quadratmeter Fläche. Die ÖBB dürften sich aber des Problems bewusst sein, derzeit werde ein "völlig neues Nachtverkehrskonzept entwickelt", das dem Aufsichtsrat noch präsentiert werden muss.

Ob 2,4 Quadratmeter für zwei Personen nicht doch wenig Platz sind? Das europäische Anti-Folter-Komitee rät in einer Empfehlung für Polizeihaft einer Person immerhin: "Für die Anhaltung über Nacht werden Zellen mit 4,5m² als kaum akzeptabel erachtet." Nun, die Enge sei durch die Zwänge des Zugs bestimmt, bedauert Blum. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 8.8.2007)

  • Der Blick vom Bett an die Wand in 2,4 Quadratmeter Schlafwagen stellt nicht jeden Reisenden zufrieden. Die ÖBB denken über neue Nachtverkehrskonzepte nach
    foto: privat

    Der Blick vom Bett an die Wand in 2,4 Quadratmeter Schlafwagen stellt nicht jeden Reisenden zufrieden. Die ÖBB denken über neue Nachtverkehrskonzepte nach

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