Brigitta Sirny: "Gut kann es ihr noch nicht gehen"

5. September 2007, 23:27
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Auszüge aus einem Interview mit der Mutter von Natascha Kampusch

Wien - Im März 1998 wurde Natascha Kampusch auf dem Schulweg entführt. Achteinhalb Jahre lebte ihre Mutter Brigitta Sirny-Kampusch mit der Angst, ihre Tochter nie wieder zu sehen. Knapp ein Jahr nach der Flucht der jungen Frau vor ihrem Entführer hat die 57-jährige Wienerin ihre Erlebnisse der vergangenen neun Jahre niedergeschrieben. In dem Buch "Verzweifelte Jahre. Mein Leben ohne Natascha" hat sie ihre Erfahrungen aufgearbeitet. Im Gespräch mit der APA erinnerte sich Brigitta Sirny-Kampusch an die Rückkehr ihrer Tochter und die Schwierigkeiten der Vergangenheit. Wir bringen Auszüge aus dem Interview.

Frau Sirny, Sie berichten in Ihrem Buch über die "verzweifelten Jahre", in denen Ihre Tochter Natascha Kampusch verschwunden war. Wie geht es Ihnen und Ihrer Tochter heute, knapp ein Jahr nach der Flucht?

Ja, es wird. Ich kann sagen: Gut kann es ihr noch nicht gehen. Aber es wird von Tag zu Tag besser. Mir geht es eigentlich jetzt auch gut. Ich hab' das Buch fertig, und das war auch die Begründung, warum ich das Buch gemacht habe: Zur Aufarbeitung, damit ich das ganze Trauma - sage ich jetzt einmal - verarbeite.

Was hat sich in dem vergangenen Jahr, seit der Flucht, in Ihrem Leben verändert?

Es hat sich eigentlich wieder alles verändert. Es war genauso wie am 2. März 1998, als sie verschwunden ist. Da ist das Leben auch total verändert worden. Ich habe zu arbeiten aufgehört. Jetzt habe ich mich schon wieder gefasst und ich arbeite weiter, natürlich. Ja, aber es ist positiv. Aber unmittelbar nachher war es natürlich negativ.

Sie berichten in Ihrem Buch von der menschlichen Mauer, die zwischen Ihnen und Natascha kurz nach ihrer Flucht gebildet wurde. Wie ist das Verhältnis heute?

Ja, es sind schon einige weggefallen vom Betreuerstab. Aber es war eine Katastrophe. Es war wie eine zweite Entführung. Ich konnte nicht zu Natascha, eine ganze Woche lang. Ich wurde immer wieder vertröstet: Ich muss einsehen und ich muss Geduld haben. Ich habe dann zu Dr. Friedrich (Kinderpsychiater Max Friedrich, Anm.) gesagt: Entschuldige, ich habe acht Jahre lang Geduld gehabt, und jetzt auf einmal lässt man mich nicht zu meinem Kind.

Hat sich der Kontakt inzwischen verbessert, können Sie Ihre Tochter uneingeschränkt sehen?

Ja, wir treffen uns regelmäßig, jede Woche sehen wir uns. Sie ist bei mir, und wir machen auch sehr viel gemeinsam.

Wie ist der Umgang mit der Öffentlichkeit, können Sie sich uneingeschränkt bewegen?

Wenn einen jemand zufällig erkennt, dann wird man angesprochen oder belächelt oder gegrüßt. Irgendwelche Leute haben einige Fragen. Wir beantworten sie ganz souverän und gehen dann unserem Einkauf oder sonstigem nach.

Was sagen Sie zu Anschuldigungen, die weiterhin nicht verstummen wollen?

Eigentlich ist es lästig, dass ich dort hinfahren muss, dass ich die Zeit opfern muss und meine Energie verschwenden muss. Aber sonst berührt es mich nicht.

In den acht Jahren nach dem Verschwinden von Natascha gab es zahlreiche Suchaktion, Großfahndungen - Hoffnungen, die immer zerstört wurden. Haben Sie immer daran geglaubt, ihre Tochter lebend wiederzusehen?

Ich habe eigentlich immer zu mir gesagt, sobald sie mir nicht die Natascha präsentieren, lebt sie für mich. Und sie hat bis zum Schluss gelebt für mich.

Sie schreiben in dem Buch, dass Wolfgang Priklopil Ihrer Tochter einen Gefallen getan hat mit seinem Selbstmord. Was empfinden Sie heute bei dem Gedanken an den Tod dieses Menschen?

Also ich empfinde gar nichts. Wie gesagt: Ich bin ihm sehr dankbar, dass er so gehandelt hat, auch für meine Tochter. Weil ich glaube, das wäre ein sehr schwerwiegender und langer Prozess gewesen. Das wäre für sie schlimm, also schrecklich. Mir fehlen ganz einfach die Worte. Also es ist besser so.

Ihrer Tochter hat mehrfach den Wunsch geäußert, das Haus in Strasshof, in dem sie gefangen gehalten wurde, zu besitzen. Was sagen Sie zu diesem Wunsch?

Also ich meinerseits würde das nicht wollen. Aber wenn sie so entscheidet, ist es ihre Entscheidung.

Wie geht man als Mutter mit dem Wissen um, dass die eigene Tochter einen großen Teil der Kindheit und Jugend verpasst hat?

Das ist schrecklich, das kann ihr niemand zurückgeben und das tut mir schon sehr leid. Genauso wie ich: Ich habe auch die Entwicklung nicht miterlebt und, ja, das ist weg.

Versuchen Sie die Zeit nachzuholen bzw. kann man das?

Ja, in gewisser Weise schon. Die Pubertät, die Zwistigkeiten zwischen Mutter und Tochter, die kommen schon raus. Da ist sie dann noch ein Kind, in manchen Situationen, und das ist gut so.

Wie groß ist der Abstand zu den Geschehnissen nach einem Jahr?

Wenn ich irgendetwas lese, so wie jetzt bei den McCann's (Die vierjährige Tochter Madeleine des britischen Ehepaares wurde im Mai aus einer portugiesischen Ferienanlage entführt, Anm.), also da kommt das schon wieder zurück. Da bin ich dann dort, wo ich vor achteinhalb Jahren war mit den Gefühlen und den Gedanken. Dann erinnert mich das schon, aber sonst schaut man, dass man die Zeit - so gut es geht - vergessen kann.

Kann man damit abschließen?

Tja, abschließen nicht. Man kann nur das Beste daraus machen.

Das Buch haben Sie für Ihre Tochter geschrieben und ihr gewidmet. Was wollen Sie ihr damit sagen?

Ich will damit ausdrücken: die Zeit, die achteinhalb Jahre, ich will sie (Natascha Kampusch, Anm.) nicht damit bombardieren und ihr immer wieder davon erzählen. Wenn sie Lust hat, kann sie nachlesen. Und aus dem Grund habe ich das gemacht. Ist es nicht heute, ist es vielleicht in einem Jahr oder in fünf Jahren oder wann auch immer. Man weiß ja nicht, was er (Wolfgang Priklopil, Anm.) ihr erzählt hat. Damit sie dann weiß, was wirklich passiert und wie es mir und uns gegangen ist. (Das Interview führte Irene Zöhrer, APA)

  • Brigitta Sirny bei der Präsentation des Buches "Verzweifelte Jahre".
    foto: standard/hendrich

    Brigitta Sirny bei der Präsentation des Buches "Verzweifelte Jahre".

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