Experte Tomandl fordert Total-Reform der Invaliditätspension

12. September 2007, 14:22
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Will gleiche Zugangsbedingungen für alle Berufsgruppen und Teil-Invaliditätsrente umsetzen - Arbeits­gruppe ab September

Wien - Pensionsexperte Theodor Tomandl tritt für eine Total-Reform der Invaliditätspension ein. Vor allem fordert der frühere Leiter der Pensionsreformkommission im Gespräch mit der APA gleiche Zugangsbedingungen für alle Berufsgruppen, sind doch bisher ungelernte Arbeiter und Selbstständige deutlich benachteiligt. Ferner plädiert Tomandl dafür, eine Teil-Invaliditätsrente zu etablieren. Eine Arbeitsgruppe des Sozialministeriums beginnt im September ihre Arbeit.

"Ungerechtigkeit"

Derzeit sind ungelernte Arbeiter im Vergleich zu Facharbeitern und Angestellten unterprivilegiert, da ihr Berufsschutz wesentlich geringer ausgebildet ist. Sie müssen unabhängig von ihrer Vortätigkeit jede Arbeit annehmen. Facharbeiter können nur in verwandte Bereiche verwiesen werden, Angestellte wiederum nur auf Posten, deren Kollektivvertragsstufe maximal eine unter der im davor ausgeübten Job liegt. Selbstständige haben bis 50 überhaupt keinen Berufs- oder Einkommensschutz, bei Älteren wird auf die Tätigkeit davor verwiesen.

Für Tomandl ist diese Zersplitterung des Systems eine "große Ungerechtigkeit". So könne man auch nicht sagen, ob die Invaliditätspension nun zu einfach zugänglich sei: "Es gibt welche, für die der Zugang zu schwer ist und welche, für die er zu leicht ist."

Deshalb müsse man sich überlegen, wie man das System und dabei die Messung der Invalidität vereinheitlicht. Grundsätzlich gibt es zwei mögliche Konzepte: entweder man stellt auf den Verdienst ab - also ob der Betroffene noch eine Tätigkeit ausüben kann, mit der er einigermaßen an sein Einkommen davor herankommt - oder auf die Zeit, die der Erkrankte noch pro Tag zu arbeiten imstande ist.

Teil-Invaliditätspension

In diesem Zusammenhang plädiert Tomandl für die Einführung einer Teil-Invaliditätspension. Derzeit werde nur zwischen vollständig invalide und weiterhin arbeitsfähig unterschieden. Sinnvoller wäre es aus Sicht des Experten, wenn man eine Teilrente für jene Fälle einführen würde, wo es zwar eine erhebliche Beeinträchtigung gebe, jedoch noch immer eine Restarbeitsfähigkeit vorhanden ist. Zum Beispiel wird in Schweden und Deutschland zwischen Invaliden, Teil-Invaliden und voll Arbeitsfähigen nach dem Kriterium entschieden, wie viele Stunden pro Tag eine Arbeit möglich wäre.

Zu viele Invalide

Grundsätzlich vertritt Tomandl die Auffassung, dass es zu viele Invalide in Österreich gibt. Daher müsse man in erster Linie dabei ansetzen, das Auftreten von gesundheitsbedingten Beeinträchtigungen zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Zusätzlich hielte es der Pensionsexperte für besser, Personen, die der Stressbelastung in ihrem Beruf nicht mehr gewachsen sind, nicht einfach eine Pension zu geben, sondern ihnen einen Job zu verschaffen, in dem sie weiter arbeiten können, aber nicht mehr so stark unter Druck stehen.

Von der Systematik der Invaliditätspension her wäre es aus Sicht Tomandls vernünftiger, die Finanzströme in Richtung Krankenversicherung zu verlagern. Denn die Invaliditätspension passe von den Grundsätzen her nicht mit dem allgemeinen Pensionskonto zusammen. Da man nicht wisse, ob und wann jemand invalid werde, könne man dafür auch nicht ansparen. Daher wäre es wohl klüger, ein System ähnlich jenem in skandinavischen Ländern zu etablieren, in denen die Invalidität als Krankheitsfolge verstanden und durch ein erhöhtes Krankengeld ausgeglichen wird. (APA)

  • Pensionsexperte Theodor Tomandl tritt für eine Total-Reform der Invaliditätspension ein: "Es gibt welche, für die der Zugang zur Invaliditätspension zu schwer ist und welche, für die er zu leicht ist."
    foto: standard/cremer

    Pensionsexperte Theodor Tomandl tritt für eine Total-Reform der Invaliditätspension ein: "Es gibt welche, für die der Zugang zur Invaliditätspension zu schwer ist und welche, für die er zu leicht ist."

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