Dejan Savicevic: "Habe mich nie vom Ball getrennt"

    5. Februar 2008, 11:10
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    Savicevic über die Geheimnisse der jugoslawischen Fußball­schule und seine Zeit bei Rapid

    ballestererfm: Wie sehen Sie als Präsident des montenegrinischen Fußballverbandes die Zukunft des Fußballs in Ihrem Land?

    Dejan Savicevic: Unsere Vereine haben jetzt begonnen, international zu spielen – in der Qualifikation für den UEFA-Cup und die Champions League. Wir haben ein zufrieden stellendes Niveau im nationalen Fußball und können sicherlich noch weiter vorankommen, aber dazu müssen wir die Probleme mit der Infrastruktur beheben. Es fehlt vor allem an Trainingsplätzen, Talente haben wir genug. Stevan Jovetic, Jahrgang 1989, spielt bei Partizan Belgrad seit einem Jahr fix in der Kampfmannschaft. Wir haben Simon Vukevic bei Sporting Lissabon, Igor Burzanovic bei Roter Stern Belgrad, Mirko Vucinic bei AS Roma und Branko Boskovic bei Rapid. Wir haben also fünf, sechs ausgezeichnete Fußballer. Wir werden ein gutes Nationalteam auf die Beine stellen können. Ein Problem haben wir auf den Positionen im defensiven Mittelfeld.

    ballestererfm: Was kann sich Rapid noch von Branko Boskovic erwarten?

    Dejan Savicevic: Ich habe mit ihm kurze Zeit bei Roter Stern Belgrad gespielt, dann ging er zu PSG. Mir ist absolut nicht klar, warum er sich in Paris nicht durchsetzen konnte, weil der Bursche wirklich fußballerische Qualitäten hat. Ich glaube weiter an ihn, weil er ein guter Spieler ist.

    ballestererfm: Boskovic ist der einzige Montenegriner in der österreichischen Bundesliga. Insgesamt spielen diese Saison 22 Legionäre aus dem ehemaligen Jugoslawien in Österreich. Warum hat dieses Land immer so viele ausgezeichnete Fußballer hervorgebracht?

    Dejan Savicevic: Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht liegt die Erklärung darin, dass dieser Sport so geliebt wird wie kein anderer. Vielleicht hat es auch mit den Klima zu tun. Wir haben hier 1.500 km Küste, ihr habt dafür gute Schifahrer, weil es in Österreich viel Schnee gibt. Vor allem haben wir aber diese Liebe zum Ball. Als ich ein kleiner Bub war, habe ich mich nie vom Ball getrennt. Dieses Ding war das Allerwichtigste in meinem Leben – nur der Ball und sonst nichts.

    ballestererfm: Worin besteht die »jugoslawischen Schule« im Fußball?

    Dejan Savicevic: Wir haben sehr viel an der Technik gefeilt damals. Als wir gesehen haben, dass Technik allein nicht ausreicht, haben wir auch angefangen zu laufen. Aber es ist auch heute noch so, dass das Laufen nicht alles ist: Wenn du keinen Techniker hast, der dir im richtigen Moment den Ball zuspielt, dann nützt das ganze Laufen nichts. Dann ist alles umsonst.

    ballestererfm: Wie hat Ihre eigene Karriere begonnen?

    Dejan Savicevic: Damals, als ich ein Kind war, habe ich sehr viel »mali fudbal« (Anm.: der im ehemaligen Jugoslawien sehr beliebte Kleinfeldfußball; meist fünf gegen fünf auf Handballtore) gespielt, schon als 13- bis 14-Jähriger gegen Erwachsene, dabei lernt man einiges. Dann hat mich ein mittlerweile verstorbener Freund zu Mladost gebracht, dort war ich ein einhalb Jahre, dann ging ich zu Buducnost Podgorica. Die folgenden Jahre mit Roter Stern waren wunderbar. Wir zauberten in Jugoslawien. Damals hatten wir ein einschüchternd starkes Team, ein außerordentlich spektakuläres Team. Der Rest ist bekannt – absolute Höhepunkte waren die beiden Titel in der Königsklasse 1991 mit Roter Stern, ´94 mit dem AC Milan. Die Mosaiksteine haben sich schön aneinander gefügt. Traurig bin ich über meine Verletzung 15 Tage vor dem Champions-League-Finale 1995. Damals war ich in der Form meines Lebens.

    ballestererfm: Wird es im Raum des ehemaligen Jugoslawiens jemals wieder eine Mannschaft wie das Nationalteam von 1992 geben können?

    Dejan Savicevic: Sehr schwer. Seit dem Bosman-Urteil 1996 rinnt alles den Bach hinunter. Die reichen ausländischen Vereine kaufen einen 18- oder 19-Jährigen sofort, sobald er ein bisschen aufzeigt. Ich glaube, wir werden mit der Zeit gute Nationalmannschaften haben, aber keine starken Vereine. Die gesamtjugoslawische Liga war natürlich viel stärker. Heute gibt es allein bei Roter Stern, Partizan und OFK in Belgrad 16 Spieler der Jahrgänge ´88 und ´89, die fix in den Kampfmannschaften spielen.

    ballestererfm: Wie haben Sie den Ausschluss Jugoslawiens von der EM 1992 erlebt?

    Dejan Savicevic: Wir haben uns damals in Schweden miserabel gefühlt. Wir waren schon sieben Tage dort. Es war eine sehr schlechte Entscheidung, uns auszuschließen. Waren wir Spieler etwa Schuld am Krieg? Wir waren damals die erste Mannschaft, die sich für die Endrunde qualifiziert hat. Wir hatten auch negative Emotionen gegenüber den Mächtigen der UEFA, Lennart Johansson und Gerhard Aigner, weil gerade sie immer wieder betont hatten, dass Sport und Politik getrennt gehörten – und dann machen sie genau das Gegenteil.

    ballestererfm: Ab wann haben Sie realisiert, dass das alte Jugoslawien am Ende ist?

    Dejan Savicevic: Als die Slowenen und die Kroaten nicht mehr in einer gemeinsamen Liga spielen wollten, war das ein Teil vom Ende. Mir war klar, dass sich die Kroaten und Slowenen in die Unabhängigkeit verabschieden wollten, aber ich habe das nicht von Bosnien und Herzegowina erwartet. Bosnien war ethnisch sehr gemischt und als der Krieg dort losging, habe ich gewusst, dass das Land bis zu den Knien im Blut versinken wird.

    ballestererfm: Sie sind 1999 beim EM-Qualifikationsspiel Restjugoslawiens gegen Kroatien in Zagreb auf offener Straße von einem Passanten beschimpft worden. Wird Ihnen das in Split beim UEFA-Cup-Auswärtsspiel von Buducnost bei Hajduk wieder passieren?


    Die Auseinandersetzung auf offener Straße

    Dejan Savicevic: Ich werde nicht hinfahren, aber ich glaube nicht auf diese Art und Weise. Aber es gibt überall Hooligans, auf allen Seiten. Es wird noch Jahrzehnte brauchen, dass bestimmte Spannungen in Ex-Jugoslawien vergehen.

    ballestererfm: Sie haben sich bei der Volksabstimmung für die Unabhängigkeit Montenegros eingesetzt, was waren die Gründe dafür?

    Dejan Savicevic: Als nur noch wir und Serbien übrig blieben, da habe ich mir gedacht, dass Montenegro ein selbständiges Land sein sollte. Wir haben eine sehr reiche Geschichte und eine ältere Staatlichkeit als andere Ex-Teilrepubliken. Wenn andere Staaten die Selbständigkeit erhalten haben, die nie Staaten waren, ohne Geschichte, ohne irgendetwas, dann sollte auch Montenegro ein eigener Staat sein. Unsere alte Hauptstadt Cetinje war während der osmanischen Herrschaft am Balkan 500 Jahre lang eine freie Stadt, nie hat ein türkischer Stiefel dieses Land betreten. Wir sind ein mutiges und stolzes Volk.

    ballestererfm: Wie sind Ihnen die beiden Jahre bei Rapid in Erinnerung geblieben?

    Dejan Savicevic: Ich habe zwei schöne Jahre bei Rapid verbracht und ich erinnere mich gerne an diese Zeit. Ich habe noch einmal wirklich befreit Fußball gelebt. Mir tut nur leid, dass wir nicht eine etwas bessere Mannschaft hatten, aber so war die Situation eben. Im ersten Jahr unter Weber hat es eigentlich ganz gut geklappt und ich weiß nicht, warum sie ihn abgelöst haben. Dann kam Dokupil und es ging langsam bergab. Ich habe immer versucht, so gut als möglich zu spielen und alles für den Klub zu geben. Es hat mir sehr wehgetan, dass man mir in einzelnen Momenten, wenn ich verletzt war, nicht geglaubt hat. Damals hatte mein Vater einen Herzinfarkt und ich habe ihnen gesagt: »Ich muss nach Hause fahren.« Sie meinten, dass das nicht möglich sei. Da habe ich ihnen erklärt: »Ich bin nicht gekommen, um um Erlaubnis zu bitten, sondern um zu sagen, dass ich fahre.« Ich ging mit einem Lächeln hinaus und fuhr nach Hause, um meinen kranken Vater zu besuchen. Aber vielleicht verstehen sie diese Art von familiären Bindungen nicht. Das habe ich ihnen sehr übel genommen.

    ballestererfm: Was ist eigentlich im Kopf von »Il Genio« vorgegangen, wenn Sie alleine auf drei, vier Gegenspieler zugelaufen sind?

    Dejan Savicevic:Das ist so: Wenn ich zu einem Dribbling ansetze, weiß ich natürlich nicht, wie sich der Gegenspieler verhalten wird. Aber mit bestimmten Körpertäuschungen versuche ich, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Du zuckst auf eine Seite und wenn er reagiert, gehst du auf der anderen Seite vorbei – wenn nicht, dann halt auf der anderen. Ich habe nie nur einen Trick auf Lager gehabt. Ich war ein Spieler, der geschaut hat, wie er die Gegner ins Wanken bringt. Dann habe ich entsprechend reagiert. Dahinter gibt es keine Philosophie.

    ballestererfm: Wie war Ihr Verhältnis zu Ivan Osim, Ihrem Trainer beim jugoslawischen Nationalteam?

    Dejan Savicevic: Ich hatte viele Probleme mit ihm, vier Jahre lang. Nur in den letzten eineinhalb Jahren nicht. Ich habe gedacht, dass ich immer spielen müsste, weil ich besser war als bestimmte Spieler, die er mir vorgezogen hat. Das glaube ich auch heute noch. Was seine Arbeit und seine Fähigkeiten als Trainer angeht, kann ich nur das Allerbeste über ihn sagen. Wo immer er arbeitete, hatte er Erfolg.

    ballestererfm: Osim hat sich jetzt beim Viertelfinale des Asien-Cups im Elferschießen wieder in die Kabine zurückgezogen, wie 1990 in Florenz im WM-Match gegen Argentinien.

    Dejan Savicevic: Er ist ein Mann, der bestimmte Situationen nur schwer aushält. Das ist eben nicht die Art seines Denkens. Aber er ist unter den Top drei meiner Trainer. Der beste war Capello. Aber auch mit ihm hatte ich Probleme.

    ballestererfm: Wie geht es Ihnen gesundheitlich? Sie hatten vor zwei Jahren einen schweren Motorradunfall.

    Dejan Savicevic: Ich fühle mich gut. Das ist ein trauriger Teil meiner Vergangenheit. Aber das ist vorbei. Ich mache noch eine kleine Therapie für die Hand, aber im Prinzip geht es mir gut.

    ballestererfm: Spielen Sie noch Fußball?

    Dejan Savicevic: Nein, aber das habe ich auch schon vor dem Unfall nicht mehr wirklich oft gemacht.

    Das Gespräch führten Zarko Radulovic und Hans Georg Egerer.

    Zur Person
    Dejan Savicevic (41) begann seine Karriere bei Buducnost Titograd (heute: Podgorica). Mit Roter Stern Belgrad gewann der Mittelfeldspieler 1991 den Europacup der Meister und wurde beim AC Milan zum Weltstar. 1999 wechselte er am Ende seiner Karriere für zwei Saisonen zu Rapid. Savicevic nahm 1990 und 1998 für Jugoslawien an WM-Endrunden teil. Heute ist "Il Genio" Präsident des jungen Montenegrinischen Fußballverbandes.

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    • Inhalt der neuen Ausgabe (Nr. 29, August/September 2007) 

SCHWERPUNKT: JUGOSLAWIEN

Verhinderte Weltmeister
Die Geschichte des jugoslawischen Nationalteams
Marxist und »alter Jugoslawe«
FC Basel-Kapitän Ergic: »Nationalismus tut keinem gut«
Kriegsauftakt im Maksimir-Stadion
Die wegweisenden Ausschreitungen vom 13. Mai 1990
Lost Ground
Stara Plinara – der Hajduk-Platz am Entbindungsheim
Der letzte Romantiker
Dragoslav Šekularac – heißblütiger Held der 50er und 60er
Österreich-Legionäre
Von Alexandar Ivos bis Boban Dmitrovic

Außerdem im neuen ballestererfm:

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Wembley neu Sterile Kultstätte des englischen Fußballs
Stadionverbote Schweizer Fans gegen Willkür
SAK Klagenfurt  Zweisprachig ist cool 
Schulze-Marmeling »Meisl ist der Vater der EM 2008«
Dr. Pennwieser Das Fieberblaserl
Groundhopping Von Helsinki bis Jakarta

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      Marxist und »alter Jugoslawe«
      FC Basel-Kapitän Ergic: »Nationalismus tut keinem gut«
      Kriegsauftakt im Maksimir-Stadion
      Die wegweisenden Ausschreitungen vom 13. Mai 1990
      Lost Ground
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      Der letzte Romantiker
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