Dejan Savicevic: "Habe mich nie vom Ball getrennt"
Redaktion, 5. Februar 2008, 11:10
Inhalt der neuen Ausgabe (Nr. 29, August/September 2007)
SCHWERPUNKT: JUGOSLAWIEN
Verhinderte Weltmeister
Die Geschichte des jugoslawischen Nationalteams Marxist und »alter Jugoslawe«
FC Basel-Kapitän Ergic: »Nationalismus tut keinem gut« Kriegsauftakt im Maksimir-Stadion
Die wegweisenden Ausschreitungen vom 13. Mai 1990 Lost Ground
Stara Plinara – der Hajduk-Platz am Entbindungsheim Der letzte Romantiker
Dragoslav Šekularac – heißblütiger Held der 50er und 60er Österreich-Legionäre
Von Alexandar Ivos bis Boban Dmitrovic
Außerdem im neuen ballestererfm:
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Savicevic über die Geheimnisse der jugoslawischen Fußballschule und seine Zeit bei Rapid
ballestererfm: Wie sehen Sie als Präsident des montenegrinischen Fußballverbandes
die Zukunft des Fußballs in Ihrem Land?
Dejan Savicevic: Unsere Vereine haben jetzt begonnen, international zu spielen – in der Qualifikation für den UEFA-Cup und die Champions League. Wir haben ein zufrieden stellendes Niveau im nationalen Fußball und können sicherlich noch weiter vorankommen, aber dazu müssen wir die Probleme mit der Infrastruktur beheben. Es fehlt vor allem an Trainingsplätzen, Talente haben wir genug. Stevan Jovetic, Jahrgang 1989, spielt bei Partizan Belgrad seit einem Jahr fix in der Kampfmannschaft. Wir haben Simon Vukevic bei Sporting Lissabon, Igor Burzanovic bei Roter Stern Belgrad, Mirko Vucinic bei AS Roma und Branko Boskovic bei Rapid. Wir haben also fünf, sechs ausgezeichnete Fußballer. Wir werden ein gutes Nationalteam auf die Beine stellen können. Ein Problem haben wir auf den Positionen im defensiven Mittelfeld.
ballestererfm: Was kann sich Rapid noch von Branko Boskovic erwarten?
Dejan Savicevic: Ich habe mit ihm kurze Zeit bei Roter Stern Belgrad gespielt, dann ging er zu PSG. Mir ist absolut nicht klar, warum er sich in Paris nicht durchsetzen konnte, weil der Bursche wirklich fußballerische Qualitäten hat. Ich glaube weiter an ihn, weil er ein guter Spieler ist.
ballestererfm: Boskovic ist der einzige Montenegriner in der österreichischen Bundesliga. Insgesamt spielen diese Saison 22 Legionäre aus dem ehemaligen Jugoslawien in Österreich. Warum hat dieses Land immer so viele ausgezeichnete Fußballer hervorgebracht?
Dejan Savicevic: Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht liegt die Erklärung darin, dass dieser Sport so geliebt wird wie kein anderer. Vielleicht hat es auch mit den Klima zu tun. Wir haben hier 1.500 km Küste, ihr habt dafür gute Schifahrer, weil es in Österreich viel Schnee gibt. Vor allem haben wir aber diese Liebe zum Ball. Als ich ein kleiner Bub war, habe ich mich nie vom Ball getrennt. Dieses Ding war das Allerwichtigste in meinem Leben – nur der Ball und sonst nichts.
ballestererfm: Worin besteht die »jugoslawischen Schule« im Fußball?
Dejan Savicevic: Wir haben sehr viel an der Technik gefeilt damals. Als wir gesehen haben, dass Technik allein nicht ausreicht, haben wir auch angefangen zu laufen. Aber es ist auch heute noch so, dass das Laufen nicht alles ist: Wenn du keinen Techniker hast, der dir im richtigen Moment den Ball zuspielt, dann nützt das ganze Laufen nichts. Dann ist alles umsonst.
ballestererfm: Wie hat Ihre eigene Karriere begonnen?
Dejan Savicevic: Damals, als ich ein Kind war, habe ich sehr viel »mali fudbal« (Anm.: der im ehemaligen Jugoslawien sehr beliebte Kleinfeldfußball; meist fünf gegen fünf auf Handballtore) gespielt, schon als 13- bis 14-Jähriger gegen Erwachsene, dabei lernt man einiges. Dann hat mich ein mittlerweile verstorbener Freund zu Mladost gebracht, dort war ich ein einhalb Jahre, dann ging ich zu Buducnost Podgorica. Die folgenden Jahre mit Roter Stern waren wunderbar. Wir zauberten in Jugoslawien. Damals hatten wir ein einschüchternd starkes Team, ein außerordentlich spektakuläres Team. Der Rest ist bekannt – absolute Höhepunkte waren die beiden Titel in der Königsklasse 1991 mit Roter Stern, ´94 mit dem AC Milan. Die Mosaiksteine haben sich schön aneinander gefügt. Traurig bin ich über meine Verletzung 15 Tage vor dem Champions-League-Finale 1995. Damals war ich in der Form meines Lebens.
ballestererfm: Wird es im Raum des ehemaligen Jugoslawiens jemals wieder eine Mannschaft wie das Nationalteam von 1992 geben können?
Dejan Savicevic: Sehr schwer. Seit dem Bosman-Urteil 1996 rinnt alles den Bach hinunter. Die reichen ausländischen Vereine kaufen einen 18- oder 19-Jährigen sofort, sobald er ein bisschen aufzeigt. Ich glaube, wir werden mit der Zeit gute Nationalmannschaften haben, aber keine starken Vereine. Die gesamtjugoslawische Liga war natürlich viel stärker. Heute gibt es allein bei Roter Stern, Partizan und OFK in Belgrad 16 Spieler der Jahrgänge ´88 und ´89, die fix in den Kampfmannschaften spielen.
ballestererfm: Wie haben Sie den Ausschluss Jugoslawiens von der EM 1992 erlebt?
Dejan Savicevic: Wir haben uns damals in Schweden miserabel gefühlt. Wir waren schon sieben Tage dort. Es war eine sehr schlechte Entscheidung, uns auszuschließen. Waren wir Spieler etwa Schuld am Krieg? Wir waren damals die erste Mannschaft, die sich für die Endrunde qualifiziert hat. Wir hatten auch negative Emotionen gegenüber den Mächtigen der UEFA, Lennart Johansson und Gerhard Aigner, weil gerade sie immer wieder betont hatten, dass Sport und Politik getrennt gehörten – und dann machen sie genau das Gegenteil.
ballestererfm: Ab wann haben Sie realisiert, dass das alte Jugoslawien am Ende ist?
Dejan Savicevic: Als die Slowenen und die Kroaten nicht mehr in einer gemeinsamen Liga spielen wollten, war das ein Teil vom Ende. Mir war klar, dass sich die Kroaten und Slowenen in die Unabhängigkeit verabschieden wollten, aber ich habe das nicht von Bosnien und Herzegowina erwartet. Bosnien war ethnisch sehr gemischt und als der Krieg dort losging, habe ich gewusst, dass das Land bis zu den Knien im Blut versinken wird.
ballestererfm: Sie sind 1999 beim EM-Qualifikationsspiel Restjugoslawiens gegen Kroatien in Zagreb auf offener Straße von einem Passanten beschimpft worden. Wird Ihnen das in Split beim UEFA-Cup-Auswärtsspiel von Buducnost bei Hajduk wieder passieren?
Die Auseinandersetzung auf offener Straße
Dejan Savicevic: Ich werde nicht hinfahren, aber ich glaube nicht auf diese Art und Weise. Aber es gibt überall Hooligans, auf allen Seiten. Es wird noch Jahrzehnte brauchen, dass bestimmte Spannungen in Ex-Jugoslawien vergehen.
ballestererfm: Sie haben sich bei der Volksabstimmung für die Unabhängigkeit Montenegros eingesetzt, was waren die Gründe dafür?
Dejan Savicevic: Als nur noch wir und Serbien übrig blieben, da habe ich mir gedacht, dass Montenegro ein selbständiges Land sein sollte. Wir haben eine sehr reiche Geschichte und eine ältere Staatlichkeit als andere Ex-Teilrepubliken. Wenn andere Staaten die Selbständigkeit erhalten haben, die nie Staaten waren, ohne Geschichte, ohne irgendetwas, dann sollte auch Montenegro ein eigener Staat sein. Unsere alte Hauptstadt Cetinje war während der osmanischen Herrschaft am Balkan 500 Jahre lang eine freie Stadt, nie hat ein türkischer Stiefel dieses Land betreten. Wir sind ein mutiges und stolzes Volk.
ballestererfm: Wie sind Ihnen die beiden Jahre bei Rapid in Erinnerung geblieben?
Dejan Savicevic: Ich habe zwei schöne Jahre bei Rapid verbracht und ich erinnere mich gerne an diese Zeit. Ich habe noch einmal wirklich befreit Fußball gelebt. Mir tut nur leid, dass wir nicht eine etwas bessere Mannschaft hatten, aber so war die Situation eben. Im ersten Jahr unter Weber hat es eigentlich ganz gut geklappt und ich weiß nicht, warum sie ihn abgelöst haben. Dann kam Dokupil und es ging langsam bergab. Ich habe immer versucht, so gut als möglich zu spielen und alles für den Klub zu geben. Es hat mir sehr wehgetan, dass man mir in einzelnen Momenten, wenn ich verletzt war, nicht geglaubt hat. Damals hatte mein Vater einen Herzinfarkt und ich habe ihnen gesagt: »Ich muss nach Hause fahren.« Sie meinten, dass das nicht möglich sei. Da habe ich ihnen erklärt: »Ich bin nicht gekommen, um um Erlaubnis zu bitten, sondern um zu sagen, dass ich fahre.« Ich ging mit einem Lächeln hinaus und fuhr nach Hause, um meinen kranken Vater zu besuchen. Aber vielleicht verstehen sie diese Art von familiären Bindungen nicht. Das habe ich ihnen sehr übel genommen.
ballestererfm: Was ist eigentlich im Kopf von »Il Genio« vorgegangen, wenn Sie alleine auf drei, vier Gegenspieler zugelaufen sind?
Dejan Savicevic:Das ist so: Wenn ich zu einem Dribbling ansetze, weiß ich natürlich nicht, wie sich der Gegenspieler verhalten wird. Aber mit bestimmten Körpertäuschungen versuche ich, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Du zuckst auf eine Seite und wenn er reagiert, gehst du auf der anderen Seite vorbei – wenn nicht, dann halt auf der anderen. Ich habe nie nur einen Trick auf Lager gehabt. Ich war ein Spieler, der geschaut hat, wie er die Gegner ins Wanken bringt. Dann habe ich entsprechend reagiert. Dahinter gibt es keine Philosophie.
ballestererfm: Wie war Ihr Verhältnis zu Ivan Osim, Ihrem Trainer beim jugoslawischen Nationalteam?
Dejan Savicevic: Ich hatte viele Probleme mit ihm, vier Jahre lang. Nur in den letzten eineinhalb Jahren nicht. Ich habe gedacht, dass ich immer spielen müsste, weil ich besser war als bestimmte Spieler, die er mir vorgezogen hat. Das glaube ich auch heute noch. Was seine Arbeit und seine Fähigkeiten als Trainer angeht, kann ich nur das Allerbeste über ihn sagen. Wo immer er arbeitete, hatte er Erfolg.
ballestererfm: Osim hat sich jetzt beim Viertelfinale des Asien-Cups im Elferschießen wieder in die Kabine zurückgezogen, wie 1990 in Florenz im WM-Match gegen Argentinien.
Dejan Savicevic: Er ist ein Mann, der bestimmte Situationen nur schwer aushält. Das ist eben nicht die Art seines Denkens. Aber er ist unter den Top drei meiner Trainer. Der beste war Capello. Aber auch mit ihm hatte ich Probleme.
ballestererfm: Wie geht es Ihnen gesundheitlich? Sie hatten vor zwei Jahren einen schweren Motorradunfall.
Dejan Savicevic: Ich fühle mich gut. Das ist ein trauriger Teil meiner Vergangenheit. Aber das ist vorbei. Ich mache noch eine kleine Therapie für die Hand, aber im Prinzip geht es mir gut.
ballestererfm: Spielen Sie noch Fußball?
Dejan Savicevic: Nein, aber das habe ich auch schon vor dem Unfall nicht mehr wirklich oft gemacht.
Das Gespräch führten Zarko Radulovic und Hans Georg Egerer.
Zur Person Dejan Savicevic (41) begann seine Karriere bei Buducnost Titograd (heute: Podgorica). Mit Roter Stern Belgrad gewann der Mittelfeldspieler 1991 den Europacup der Meister und wurde beim AC Milan zum Weltstar. 1999 wechselte er am Ende seiner Karriere für zwei Saisonen zu Rapid. Savicevic nahm 1990 und 1998 für Jugoslawien an WM-Endrunden teil. Heute ist "Il Genio" Präsident des jungen Montenegrinischen Fußballverbandes.
Die aktuelle Ausgabe des ballesterer fm ist ab sofort in 1.500 Verkaufsstellen österreichweit und an den Kiosken der großen deutschen Bahnhöfe erhältlich. Die nächstgelegene ballesterer-Verkaufsstelle finden Sie hier.
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il genio ...
als spieler heissgeliebt, menschlich (im hinblick auf ex-yu kriege) nicht wirklich ... wenn er von trennung des fußballs und politik spricht, dann sollte er manches anders formulieren und sich nicht mit einem passanten auf offener straße in primitive auseinandersetzungen einlassen...
wie manche andere "geniale" serbomontenegrinische spieler übrigens auch: allen voran sinisa mihajlovic oder dejan stankovic...
es gab aber auch positive beispiele: stojkovic, mijatovic usw...
Nicht umsonst nannte man ihn in Italien "il genio".
Vor allem man bedenke wie viel Wert die Italiener auf eine gute Abwehr legen und der ist da nicht einmal durchmaschiert Wahnsinn. Hatte das Glück ihn ein paar mal live zu sehen bei Rapid und das war schon sehr beeindruckend. Fußball ist ja ein Mannschaftssport aber mit Ihm war Rapid gleich um 2 Klassen stärker als ohne Ihn.
Wäre super wenn es noch vieeeel mehr solcher Spieler gäbe. CL-Finale Milan- Barcelona (4:0) 1994 da hat sich "il genio" ausgetobt (es hieß damals beste Abwehr gegen besten Angriff und Milan hat damals Barcelona mit den eigenen Waffen geschlagen)
da lohnt sich wieder der gute draht zum traffikanten: ich hab ihn gebeten, den ballesterer aufzulegen und inzwischen gehen selbst in meinem tiroler kuhdorf 10-20 stück pro nummer weg...
den ballesterer gibt es in österreich in mehreren hundert trafiken, die aktuelle nummer sollte seit montag aufliegen. falls es ihn in einer trafik nicht gibt, gibt es zwei möglichkeiten: den trafikanten ersuchen, ihn zu bestellen oder in eine größere trafik gehen (die größeren bahnhöfe sind jedenfalls immer gut bestückt).
und zu einem posting weiter unten muss ich noch anmerken, dass oleg blochin selbstverständlich in einem atemzug mit savicevic genannt werden kann, blochin war zu seiner besten zeit (in kiew, nicht in steyr) vielleicht sogar der beste spieler der welt. ich empfehle, filmaufnahmen aus der zeit anzusehen.
bei dieser gelegenheit darf ich darauf hinweisen, dass auch Diego A. Maradona Österreich beehrt hat. 1978 spielte der frischgebackene Weltmeister Argentinien im Wiener Stadion und der damals 18jährige machte unserem Friedl Koncilia beim 1:5 drei Türln, eines davon im Sitzen!
Der Hr. Maradonna war damals sozusagem für Hugo.
Das war jedoch leider nicht der einzige Fehlkauf in der jüngeren Geschichte. (z.B. Angelo Vier, Samuel Ipua, uisw..)
maradona mit doppel-n zu schreiben ist blasphemie!
aber dass euch zum thema "bester spieler in österreich" da die maradonas einfallen und nicht mario kempes, das wundert mich...
Der wurde großartig präsendiert (waren ca 1.000 Fans am Flughafen bei seiner Ankunft) spielte NIE, stellte sich dann als Sportinvalide heraus, liess sich 3 mal operieren und flog wieder heim.
Die Headline "MARADONNA BEI RAPID" war schon etwas gemein und verwirrte tausende Rapidfans noch zusätzlich.
Viele in Wien Schwechat wollten damals "die Hand Gottes" berühren.
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