"Grantig" wegen Buch der Mutter

5. September 2007, 23:27
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Natascha Kampusch ist keineswegs erfreut über das Enthüllungsbuch ihrer Mutter

Wien - Natascha Kampusch habe auf die Nachricht, dass ihre Mutter ein Buch über das Verschwinden und Wiederauftauchen ihrer Tochter veröffentlichen werde, "grantig" reagiert, schildert der Psychiater Ernst Berger. Kein Wunder, hatte sich die junge Frau nach der Flucht aus der Gewalt ihres Entführers Wolfgang Priklopil doch mehrmals ausbedungen, dass - wenn überhaupt - nur sie selbst die Erlebnisse aus ihrer achteinhalbjährigen Kellerhaft und die Zeit danach zu Papier bringen wolle.

"Endlich verarbeiten"

Und jetzt erschien es dennoch, das Buch aus anderer Hand - von Kampuschs Mutter Brigitta Sirny und deren Ghostwriter - und wirft seine Schatten sozusagen voraus. "Beim Schreiben ist mir eine große Last von der Seele gefallen. Jetzt kann ich diesen Albtraum endlich verarbeiten", begründet Sirny selbst ihren Gang an die Öffentlichkeit.

Auf den Text von "Verzweifelte Jahre. Mein Leben ohne Natascha" in voller Länge sind Angehörige des ehemaligen Kampusch-Betreuerteams schon gespannt: Den auszugsweisen Vorabdrucken in der Kronen Zeitung war zu entnehmen, dass die 57-Jährige die Abschottung ihrer Tochter in den Monaten des weltweiten Medienhypes als unfaire Trennung durch Dritte empfand.

Große Reichweiten

Für den Vorabdruck des Sirny-Buches habe man ganz bewusst "in Österreich die Kronen Zeitung, in Deutschland Bild und in der Schweiz den Sonntagsblick ausgesucht", sagt Andrea Stricker-Prokorn vom Ueberreuter-Verlag: "Wir haben die Zeitungen mit der jeweils größten Reichweite gewählt." Die Höhe der Bezahlung für die Vorabdrucke sei "sekundär" gewesen. Natascha Kampusch habe "das Buch-Manuskript begutachten können". Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger will dazu "nichts sagen".

Die zu erwartenden Verkauferlöse für die Mutter werden auf bis zu 100.000 Euro geschätzt. Über die Frage, wie viel Geld die Tochter aus der Weiterverwertung von Interviews und Fotos verdient hat, existieren Spekulationen im Eineinhalb-Millionen-Euro-Bereich. Natascha Kampusch zahlt daraus ihren Lebensunterhalt, ihre Ausbildungs- und Therapiezeit wird noch länger dauern. Was die Spendengelder für die Kampusch-Foundation angeht, gibt es andere Pläne sowie einige Spekulationen.

Nach Natascha Kampuschs Flucht aus jahrelanger Kellerhaft am 23. August 2006 war der Run des heimischen und internationalen Boulevard überwältigend gewesen. Psychiater Berger und die anderen Mitglieder der Experten-Taskforce der Stadt Wien für Kinder und Jugendliche in Extremsituationen zogen daher nach nur wenigen Tagen Medienberater Dietmar Ecker hinzu: "Alles in allem haben wir diese ersten Monate so gut wie möglich über die Runden gebracht", fasst Berger im Standard-Gespräch die Erfahrungen zusammen.

Strategie der Stärke

Den Gang an die Öffentlichkeit habe Kampusch selber gewählt: "Das hat ihr auch Stärke gegeben." Diese "Strategie der Stärke", die sich auch in ihrem Standard-Interview im Oktober 2006 vermittelte, habe sie in dem Jahr seit ihrer Befreiung aufrechterhalten: "Natürlich haben wir die Gefahr eines psychischen Einbruchs gesehen. Aber der ist nicht eingetroffen. Natascha Kampusch geht es erstaunlich gut", sagt der Psychiater

Die inzwischen 19-Jährige lebt in einer eigenen Wohnung in Wien. Sie erhält Einzelunterricht in einer Schule und hat heuer zwei Prüfungen für den Hauptschulabschluss bestanden. Die Kontakte zu ihrer Mutter sind unregelmäßig. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 7. August 2007)

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    Mutter-Tochter-Harmonie fürs Fernsehen. Brigitta Sirny (li.), Natascha Kampusch (re.) im ORF-Thema spezial

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