Einmal weg, immer weg

3. September 2007, 12:24
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Polen und Rumänien schicken die größten Heere von Arbeitskräf­ten in die alte EU, die Hälfte will nicht mehr in ihre Heimat zurück

Nach dem EU-Beitritt versuchte Polens Regierung, in den alten Mitgliedsländern Ängste vor einer Welle polnischer Arbeitsemigranten zu zerstreuen. Die zählen inzwischen nach Schätzungen mehrere Millionen, und die Hälfte will nicht mehr in ihre Heimat zurück.

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Warschau - "Ich bin nur zu Besuch in Warschau. Ob ich je nach Polen zurückkomme, weiß ich nicht. London ist die schönste Stadt der Welt", sprudelt Magda Osowska (28) hervor. Am Kiosk einer Warschauer Metrostation trifft sie per Zufall Bekannte. Vor zwei Jahren noch arbeitete sie als Producerin in einem Warschauer Fernsehstudio. "Ich will immer noch große Kinofilme drehen", erzählt sie. "Bei der Aufnahmeprüfung für Regisseure in London bin ich zwar durchgefallen. Mein Englisch war noch zu schlecht. Aber jetzt weiß ich, worauf es ankommt. Beim nächsten Mal schaffe ich es!" Sie winkt kurz und hechtet die Treppen hinunter. Ihre Metro fährt gerade ein.

Wie viele Polen seit dem EU-Beitritt ihres Landes die Koffer gepackt haben, um im Ausland Arbeit und ein besseres Leben zu finden, weiß niemand genau. Viele kommen nach einer Saison Spargelstechen, Weinernte oder Erdbeerpflücken auch wieder zurück. Das polnische Arbeitsministerium schätzt ihre Zahl auf knapp zwei Millionen, Polens Medien gehen sogar von bis zu vier Millionen aus.

Erstmals hat nun das Warschauer Marktforschungsinstitut ARC eine umfassende Studie zu Polen in Großbritannien und Irland vorgelegt. "Emigranci: Nie wracamy - Wir kommen nicht zurück!" - titelte daraufhin Polens bedeutendste Tageszeitung Gazeta Wyborcza. "Die Hälfte der Polen will in nächster Zukunft nicht zurückkehren."

Anders als bisher angenommen, sind es nicht nur Arbeitslose und verzweifelte Niedrigverdiener, die alles auf eine Karte setzen, das Geld für eine Fahrkarte zusammenkratzen und ihr Glück im Ausland suchen. Vielmehr sind es oft gerade junge und gut ausgebildete Polinnen und Polen, die trotz der guten Konjunktur ihr Land verlassen.

Die Motive sind ganz unterschiedlich: der zu langsame Anstieg des Lebensstandards in Polen, die fehlende Perspektive für die eigene berufliche Karriere, die Provinzialität der polnischen Politiker.

Bau und Gastronomie Die Soziologin Krystyna Iglicka-Okolska vom Forschungszentrum für europäische Migration an der Warschauer Universität schätzt, dass rund 1,5 Millionen Polen das Land seit Mai 2004 verlassen haben. Die meisten Polen arbeiten auf dem Bau (20 Prozent), in der Gastronomie (15 Prozent) und im Hotelwesen (elf Prozent). Sie verdienen durchschnittlich 2000 Euro netto. In Polen würden sie weniger als die Hälfte auf die Hand bekommen. "Wenn die Kinder, die im Ausland geboren werden, dort auch zur Schule gehen, kommen die Familien nicht mehr zurück nach Polen", erklärt die Warschauer Soziologin.

Agnieszka ist so eine junge Mutter. Vor zwei Jahren kam sie mit ihrem Mann nach London. Obwohl die junge Lehrerin zunächst nur einen Job als Kellnerin finden konnte, sagt sie: "Ich will nicht zurück nach Polen. Bald wird meine Mutter nachkommen. Dann kaufen wir gemeinsam ein Haus auf dem englischen Land und werden dort leben."

Adam Czarnecki von ARC geht davon aus, dass gerade gut ausgebildete Polinnen und Polen im Ausland bleiben: "Der statistische Emigrant ist eher eine junge Person. Die meisten sind noch keine 30. Oft ist es nicht der erste Job nach dem Studium. Die meisten haben schon etwas Berufserfahrung in Polen gesammelt, waren aber mit dem Verdienst nicht zufrieden." (Gabriele Lesser, Warschau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.08.2007)

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    "Polen - Ich warte auf dich." Was nach dem EU-Beitritt als kecke Werbung um Touristen aus der alten EU gedacht war, kann inzwischen als Rückkehrappell an die polnischen Arbeitsemigranten interpretiert werden.

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