"A Hawk And A Hacksaw and The Hun Hangár Ensemble"

    16. September 2007, 16:54
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    Jeremy Barnes und Heather Trost aus Neu-Mexiko vertiefen in Ungarn ihre Studien in europäischer Volksmusik

    Jeremy Barnes ist eine Schau. Beim grandiosen Wiener Konzert von A Hawk And A Hacksaw vor ein paar Monaten sorgte die männliche Hälfte des Duos für offene Münder. Barnes begnügte sich nicht mit seinem Zieharmonika-Spiel, sondern lieferte eine spektakuläre Ganzkörperperformance: bediente mit seinen Beinen diverse Trommeln, schüttelte den Kopf um die dort sitzende Schellenkappe zum Klingen zu bringen und neigte dann das Haupt auch schon einmal zielsicher zur Seite, um mit Hilfe eines an der Mütze applizierten Stöckchens auch noch eine Tschinelle in Aktion zu setzen.

    Als die Musik anhub und Barnes' kongeniale Partnerin Heather Trost ihre Violine angestimmt hatte, zauberte das allerdings rasch verzücktes Lächeln in die auditorischen Antlitze. Virtuos dialogisierend woben die beiden ein Amalgam aus osteuropäischer Volksmusiken, jüdischem Klezmer und anglo-amerikanischen Folk-Elementen. Einmal unwiderstehlich tanzbar, dann wieder so voller Melancholie, dass so manche Träne ins Slivowitz-Glas fallen mochte.

    "Stellt euch vor, es würde hier noch ein Haufen Ungarn neben uns stehen", meinte Barnes einmal - und spielte damit auf die aktuelle Kollaboration der beiden mit dem Hun Hangár Ensemble an. Nun liegt mit einer - leider auf 4000 Exemplare limitierten - EP ein erstes Dokument dieser Zusammenarbeit vor. Sie umfasst acht Lieder, nebst zwei Originalen Traditionals, denen Trost/Barnes behutsam eigene Melodien beigefügt haben. Auf Gesang wird, im Gegensatz zum Bruder im Geiste Zach Condon, aka Beirut, bewusst verzichtet. Barnes: "Ich will Musik machen, die eine Geschichte ohne Worte erzählt, möchte die und ihre Bilder aber dem Hörer überlassen. Ich habe meine eigenen im Kopf, aber sie sollten nicht ausgestellt werden."

    Eine dem Album beiliegende DVD dokumentiert die nun beinahe schon zwei Jahre ununterbrochen andauernde Fahrt von Barnes und Trost durch Europa. Beide glauben an Spontanität und Unmittelbarkeit. Ihre Songs werden im Geist improvisierter Field Recordings dort aufgenommen, wo Sessions mit neuen Bekanntschaften gerade stattfinden. Im vorliegenden Fall in Wohnzimmern von Budapest und Albuquerque.

    Von dort war Barnes einst als junger Spund ausgezogen um sein musikalisches Glück zu suchen. Er trommelte bei Neutral Milk in Chicago und fand sich dann vor einigen Jahren als Briefträger im englischen Leicester wieder ("Es war schrecklich, aber ich bin immer noch stolz auf meine Uniform von der Royal Mail"). In unserem Zusammenhang wichtiger: An den Wochenenden als Freiwilliger in einem Zenrum für Flüchtlinge mitarbeitend, kam Barnes in Kontakt mit Menschen aus der ganzen Welt - und mit ihrer Musik.

    Er kehrte nach Neu-Mexiko zurück - und traf in Heather Trost, Mitglied der lokalen Klezmer-Gruppe in Albuquerque, jemanden, der mit eben jenen Einflüssen großgeworden war, die Barnes immer brennender zu interessieren begannen: "Wir übten und hörten Musik aus Griechenland, Ungarn, der Türkei und Rumänien."

    Die eingeübte Praxis der Expedition, schon bei der Erarbeitung des Vorgänger-Albums "The Way The Wind Blows" (2006) zum Einsatz gekommen, wurde beibehalten. War Barnes damals ins östlichste Rumänien vorgedrungen, um mit den fuliminanten Roma-Blechbläsern von Fanfare Ciocarlia zu spielen und in einem improvisierten Studio aufzunehmen, folgte nun - gemeinsam mit Trost - eine Reise nach Budapest.

    Im einschlägigen Budapester Plattengeschäft Fonó stieß man dann auf die zukünftigen Mitmusiker, alle zwar in ungarischem Folk geeicht, darüber hinaus jedoch auch mit Erfahrungen aus ganz anderen Ecken ausgestattet. Dies erlaubt einen pragmatischen Zugang zur Tradition, die akademische Erstarrtheit nicht aufkommen lässt. Wiewohl Barnes/Trost ihre Quellen in der Annäherung hörbar ernst nehmen, begeben sie sich nicht auf den Holzweg der Suche nach Authentizität.

    Vier Mann bilden das Ensemble: Béla Ágoston (Ungarischer Dudelsack, Klarinette, Saxofon), Ferenc Kovács (Trompete, Violine) Zsolt Kürtösi (Bass) und Balázs Unger (Hackbrett). Condon steuert auf einem Song den Trompetenpart bei. Dass das fesselndste Stück des Albums, "Romanian Hora And Bulgar", ein Live-Take ist ("irgendwo in Europa, 2006") ist kein Zufall - hier sind A Hawk And A Hacksaw ganz bei sich. (Michael Robausch)

    • A Hawk And A Hacksaw and The Hun Hangár Ensemble (Leaf/Soulseduction 2007)

      A Hawk And A Hacksaw and The Hun Hangár Ensemble (Leaf/Soulseduction 2007)

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