Horizontale Preistransparenz

4. Juli 2007, 18:00
64 Postings

Was Escort-Girls pro Nacht verlangen, verriet eine Info-Illustrierte. Das andere Ende der Preisskala wird in Ottakring per Aushang verkündet

Es war am Sonntag. Da hat M. dann zurückgerufen und gesagt, dass sie ihre Freundin jetzt ungefähr fünfmal verschärft befragt habe. Aber die Antwort sei jedes Mal gleich gewesen: Das Bild sei echt. Und das Setting auch. Sie – also M.s Freundin – sei selbst, am Freitag und tatsächlich persönlich an dem Fenster in der Ottakringer Nebengasse vorbeigegangen.

Zuerst, ließ M.s Freundin ausrichten, habe sie ja nur deshalb auf den Zettel geschaut, weil sie sich gewundert habe, was ein Kinderbrief in einem Fenster neben einem club-ähnlichen Lokal solle. Und dann, als sie die Buchstaben entziffert hatte, habe sie gar nicht anders können, als zur Handycam zu greifen – und das Bild umgehend zu verschicken.

Zufall

Natürlich war es Zufall gewesen, dass wir – als das Bild auf M.s Telefon eintrudelte – uns gerade über die aktuelle Coverstory in News amüsiert hatten: Die Illustrierte hatte uns den Sex der Wiener Escortgirls versprochen – und eine Fotostrecke mit Bildern von recht knackigen Damen präsentiert, die alle sehr stark nach "Eyes Wide Shut"-Szenenfotos aussahen: die Mädchen waren maskiert – und konnten deshalb im Text (wenn man ihn hechelnd las) ganz ganz ganz ehrlich erzählen, was sie wo mit wem wie am liebsten täten. Und was sie dafür verlangten: Sommer-Journalismus mit Bildungsauftrag.

Just als M. das sagte und irgendwer die Frage einwarf, was all die da beschriebenen Herrlichkeiten denn im weniger exquisitem Ambiente wohl kosten mögen, zirpte das MMS mit dem Bild aus Ottakring herein.

Skepsis

M. war begeistert. Aber skeptisch. Und fragte sofort nach. Jaja, alles echt, erklärte die Freundin. Aber niemand glaubte ihr. Doch M. ließ die Sache nicht auf sich beruhen – und bohrte weiter und weiter. Schließlich, sagte sie, sei das ja wohl prinzipiell allgemein und speziell für sie als Nicht-Zielgruppe interessant, ein bisserl was über die Preise im "Millieu" zu erfahren: Angesichts der Escortgirl-Speisekarte habe sie sich nämlich beinahe Sorgen um das Familienbudget tausender Männer (und in Folge ihrer Frauen und Kinder) gemacht. Aber am Sonntag, meint sie dann, sie sei jetzt beruhigt. Halbwegs.

Freilich, meinte M. dann, sei noch etwas zu tun. Schließlich gehöre sie zu einer minimalen Minderheit unter den News-Lesern. Die große Masse aber habe keine Ahnung, wie günstig Sex (zumindest in der Bachgasse) zu haben sei. Die Preisliste zu veröffentlichen habe also Sinn, da derlei Informationen der Preistreiberei entgegenwirken könnten. Auch, meinte M., um Frauen, deren Männer das Geld ins Puff trügen, zu beruhigen. Zumindest in diesem einen Punkt. Obwohl, gab sie dann zu, das vielleicht doch ein wenig naiv sei. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 6.8.2007)

  • Artikelbild
    foto: privat
  • Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

    Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

Share if you care.