Neulich im Büro des Wissenschaftsministers

25. Oktober 2007, 15:59
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"... und treibts ma die Brinek auf!" - Trialogisches zum Streit um den Hochschulzugang von Oliver Vitouch

Der Minoritenplatz. Kurz vor Sonnenuntergang. Lange Schatten allenthalben. Der Bundesminister wälzt ein unpopuläres Problem. Eintreten Sektionschef Fleißzang und Dr. Altmeister.

Der Bundesminister (ärgerlich am Bart nestelnd): Fleißzang! Fleißzang, kummen S' her. Sagn S', hat sich das mit den Massenstudien jetzt schon gebessert? Geb'n die BWLer und Psychologen a Ruh? Hört der Badelt auf, Expertisen zu beauftragen, dass einem schwindlig wird? Is' der Pechar endlich stad? Machen einem selbst den eigenen Wissenschaftsrat rebellisch ... Dös hat ma dann von dera Internationalität!

Fleißzang: Selbstverständlich, Herr Bundesminister. Provisorien haben sich ja bewährt in Österreich. Das lass' ma auf kleiner Flamme köcheln, wie die letzten fünfundzwanzig Jahr'. S' is no nix anbrennt.

Der Bundesminister: Wenn des der alte Sektionschef Himmlinger noch erlebt hätt ... Obwohl, selbst der fallt einem ja in Interviews in den Rücken! Et tu, Himmlinger! Wie soll man das Thema da ruhig halten. Hergott, das muss doch gehen, Weltklasse mit drei-, vierhundert Studierenden pro Professor. Sollen sich halt ein bisserl anstrengen! Wächst mir ein Kornfeld aus der hohlen Hand? Und als Philosoph soll man dann all die Probleme von denen Universitäten flugs lösen...

Altmeister (hinzu): Gestatten, Herr Bundesminister, es ist halt, das mit dem freien Zugang allein, da wird es da und dort ein bissl eng -

Der Bundesminister (brüsk): Ja es hilft nix, Altmeister, da müss' ma so weitermachen. Wissen S', es is, wie wenn ein Haufen Patienten zum Arzt kommt und sagt, Herr Doktor, ich leide unter Bildungsferne, und es schmerzt! Schaun S', genau hier; und der Arzt sagt, ah, da tamma ein bisserl freien Hochschulzugang drauf, dann wird das schon wieder, der Näxte bitte, ...

Altmeister: Aber Herr Bundesminister, erlauben, der Anteil an Studierenden aus "bildungsfernen" Familien liegt seit Jahr und Tag bei sechs Prozent - geringer is er europaweit nur noch in Belgien. Könnt' da nicht vielleicht das System ...

Der Bundesminister: Geh, nerv' er mich nicht. Haben doch gehört, Provisorien haben sich bewährt! Sie klingen ja schon wie diese Konservativen. Ich halt's da ganz mit den Linken: "Freier Zugang über alles!" So dermirkt's keiner, dass die eigentlichen Probleme ganz woanders liegen. Obwohl, da gibt's neuerdings so reaktionäre Abweichler, die Nimmervoll im Standard, den Hochadel vom Falter ... Na, so weit kommt's noch, dass wir was ändern wern! Gehts, gezz mir aus den Augen, das Ganze schlagt mir aufs Gemüt. Und treibts mir die Brinek auf! (Zu sich:) Wissenschaft, Expertisen, Daten - wenn ich das schon hör! Hab' ich für meine Diss auch nicht gebraucht. (Vorhang) (DER STANDARD Printausgabe, 4./5. August 2007)

Zur Person
Oliver Vitouch forscht (gelegentlich) und lehrt an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt.

Quellen
Badelt/Wegscheider/Wulz (2007), Hochschulzugang in Österreich. Grazer Universitätsverlag (Rektorenkonferenz)

Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Neuordnung des Universitätszugangs in Österreich (Juni 2007)

Diverse Medienauftritte von Johannes Hahn

  • Johannes Hahn - Österreichs Höchstverantwortungsträger für wissenschaftliche Angelegenheiten, von Beratern genervt, von Abweichlern umzingelt.
    foto: lechner/hbf

    Johannes Hahn - Österreichs Höchstverantwortungsträger für wissenschaftliche Angelegenheiten, von Beratern genervt, von Abweichlern umzingelt.

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