"Bahn in drei Jahren fit für Verkauf"

4. September 2007, 12:55
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Die ÖBB streben einen neuen Passagierrekord an: Die Zahl der Fahrgäste soll 2007 um fünf Millionen steigen, Spitzenwerte soll auch der Güterverkehr einfahren

Wien - Die ÖBB wären laut ihrem Holding-Chef Martin Huber in zwei bis drei Jahren reif für den Verkauf. Verkehrsminister Werner Faymann (SP) hat zuletzt eine Privatisierung ausgeschlossen. Huber sagte am Mittwochabend, er "hätte eine Privatisierung ganz gerne früher gehabt". Er denke, dass sowohl Personen- als auch Güterverkehr "in zwei bis drei Jahren so weit" seien. Die Entscheidung liege jedoch beim Eigentümer, so der Vorstand.

Der ÖBB-Chef hält eine Privatisierung "grundsätzlich für sinnvoll", weil "private Mitaktionäre dafür sorgen würden, dass die Dynamik im Unternehmen steigt", wie er sagte. Ob die Staatsanteile seiner Meinung nach über die Börse oder an einen strategischen Partner - also an eine andere Bahn oder Spedition - verkauft werden sollten, darüber sei er sich "noch nicht ganz schlüssig". Dazu wolle er sich zunächst "die Erfahrungen in Deutschland ansehen", so Huber. Deutschland will sich 2009 über die Börse von bis zu 49 Prozent seiner Bahn-Anteile trennen.

Wachstumskurs

Die ÖBB sind nach Jahren des Sparens - nicht zuletzt aufgrund der guten Konjunktur - jetzt auf einen kräftigen Wachstumskurs eingeschwenkt. Nach rund 300 Mio. Euro Mehrumsatz 2006 erwartet ÖBB-Finanzchef Erich Söllinger heuer nach einem erfolgreichen ersten Halbjahr neuerlich ein Plus von 300 bis 400 Mio. Euro auf um die 5,8 Mrd. Euro. Die Umsätze seien damit stärker im Steigen als angenommen, betonten die Vorstände.

Bestätigen sich die Erwartungen, soll die Zahl der Fahrgäste heuer neuerlich um fünf Millionen auf 448 Millionen ansteigen - davon 248 Millionen beim Postbus und 200 Millionen bei der Bahn. Auch im Güterverkehr könnte sich die Tonnage 2007 noch einmal um bis zu fünf Millionen Tonnen auf 97 Millionen Tonnen erhöhen, sagte Söllinger. Der Gewinn (Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit - EGT) soll sich dabei auf 78 Mio. Euro mehr als verdoppeln, so der am Mittwoch veröffentlichte Forecast.

Im ersten Halbjahr ist Zahl der Fahrgäste gegenüber dem Vorjahreszeitraum bereits um eine Million auf 230 Millionen und die Tonnage von 44 auf 48 Millionen Tonnen gestiegen. Im Fernverkehr gab es einen Passagierzuwachs um 2,2 Prozent auf 13,8 Millionen Fahrgäste. Die Zahl der Zugfahrer im Nahverkehr hat um 1,9 Prozent auf 87,5 Millionen zugelegt. Die Gesamterträge des ÖBB-Konzerns erhöhten sich in den ersten sechs Monaten um 6,6 Prozent auf 2,69 Mrd. Euro, das EGT stieg um 99 Prozent auf 34,5 Mio. Euro an.

400 zusätzliche Jobs

Erhöht hat sich heuer im ersten Halbjahr wegen des starken Wachstums erstmals seit Jahren wieder auch die Zahl der ÖBB-Mitarbeiter - ÖBB-intern ist von knapp 400 zusätzlichen Jobs im Konzern seit Jahresbeginn die Rede. Söllinger sprach von einem "leichten Anstieg" auf 43.341 zum Stichtag 30. Juni. Seit 2003 habe sich der Mitarbeiterstand damit bereits um 9.000 verringert - schneller als ursprünglich geplant, sagte Huber. Daher flache die Entwicklung jetzt ab.

In einzelnen Bereichen bräuchten die ÖBB tatsächlich neue Mitarbeiter. Der Restrukturierungsprozess insgesamt sei aber noch nicht abgeschlossen. Über die nächsten Jahre werde der Mitarbeiterstand vor allem in der Verwaltung noch "weiter leicht sinken". Ob nach den Zuwächsen der ursprünglich vom Management prognostizierte Rückgang auf unter 40.000 Eisenbahner tatsächlich kommen werde, ließ Huber aber offen - "weil wir es nicht sagen können", räumte er ein.

Anstieg der Schulden

Im Steigen sind unterdessen auch weiter die ÖBB-Schulden. Heuer erhöhen sie sich laut Prognose von 7,8 auf 9,4 Mrd. Euro - bis 2012 sollen es 16,45 Mrd. Euro sein. Söllinger betonte, dass diese Mittel ausschließlich zum Schienenausbau verwendet würden, der eigentlich Sache des Staates sei. Das Modell verteidigte er aber mit der Begründung: "Wir investieren in Infrastruktur, die die nächsten 100 Jahre genützt wird. Warum soll der Steuerzahler jetzt dafür zahlen?"

Huber betonte dennoch, dass man "seriös überlegen sollte, wie sich die Infrastruktur über einen langen Zeitraum finanzieren" lasse. Die ÖBB wollen jetzt einen Plan über ein "Zielnetz" erstellen, der langfristig definieren soll, welche Schienenausbauten noch notwendig und welche Mittel dafür erforderlich sind bzw. bis wann die Ausbauten endgültig fertiggestellt werden können.

Die Privatisierung der Infrastruktur, wie in Deutschland ebenfalls langfristig geplant, ist für den ÖBB-Vorstand kein Thema. Ein solcher Schritt sei schwierig, weil er es "nicht für möglich halte, dass sich der Eigentümer (der Staat, Anm.) davon verabschiedet". (APA)

  • ÖBB-Chef Huber hält eine Privatisierung der Bahn "grundsätzlich für sinnvoll".
    foto: standard/regine hendrich

    ÖBB-Chef Huber hält eine Privatisierung der Bahn "grundsätzlich für sinnvoll".

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