Geistesblitz: Der Ökosystemforscher

31. Juli 2007, 20:27
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Michael Mirtl gewinnt interdisziplinär Daten von Naturräumen

In Sachen Ökosystemforschung ist man seit wenigen Wochen in der vierten Dimension angekommen. Angefangen hatte alles mit Stichproben, bald wurden Trends gemessen, aber die Ursachen blieben unklar. Seit über zehn Jahren wird in definierten Einzugsgebieten Ursache und Wirkung parallel erfasst. Die vierte Dimension ist nun das Europäische Netzwerk für ökosystemare Langzeitforschung (Long Term Ecosystem Research, kurz LTER), wo arbeitsteilig Daten aus 80 charakteristischen Naturräumen - quer über die Klima- und Höhenzonen - gewonnen und ausgewertet werden sollen.

"Wir glauben, Prozesse und Zusammenhänge zu kennen, weil wir schon lange Daten sammeln", sagt Michael Mirtl, erster Chairman von LTER-Europe und Abteilungsleiter im Umweltbundesamt (UBA). "Die Quantität sagt aber noch nichts über die Qualität und den Kontext aus", so Mirtl. Nur mit aussagekräftigen Daten zum Naturraum - gekoppelt mit dem "Faktor Mensch" - können Fragen zum Zustand des Kontinents beantwortet werden.

Österreich repräsentiert mit der "Forschungsplattform Eisenwurzen" die "montane Stufe auf Kalk" und stellt mit Michael Mirtl den ersten Chairman von LTER-Europe. Der Abteilungsleiter im Umweltbundesamt (UBA) Mirtl begleitet den hindernisreichen Weg zur integrierten Langzeitforschung schon lang: "Ich wurde gewählt, weil ich das strategische Wissen und den Dreck an den Bergschuhen kleben habe", sagt er selbstbewusst und ironisch zugleich.

Während des Landwirtschaftsstudiums auf der Boku fing er noch ein Studium irregulare "Ökologie und Umwelttechnik" an: 270 Wochenstunden an acht Fakultäten auf vier Unis. Die Bewilligung sollte mehr als ein Jahr dauern, das er in Südamerika verbrachte. Mit dem Rad fährt er ebenso lang, weil er damals zwischen den Unis und heute zwischen Klosterneuburg und Wien pendelte. Eine extrem nützliche Eigenschaft für seine jetzige Aufgabe zeichnete sich ebenfalls zu der Zeit ab: "Wenn ich an etwas glaube, kann ich ziemlich viel Energie und Zeit einsetzen, um es durchzuziehen."

Eine solide Datenbasis ist ihm einfach ein Anliegen: Für das Diplom baute er ein zerlegbares, luftgekühltes Photosyntheselabor, um für die Dissertation drei Jahre - in Baumkronen hängend - zu messen.

Am Anfang zahllose Fachgruppen

Über die Anfänge interdisziplinärer Ökosystemforschung ärgerte sich der heute 44-Jährige maßlos: "Unzählige Fachgruppen, die neben- statt miteinander arbeiteten, ohne gemeinsame Hypothese, Austausch und Sicherung der teuer gewonnenen Daten."

In die Projektleitung für integriertes ökologisches Langzeitmonitoring der UN Economic Commission for Europe am UBA rutschte der vielseitige Ökologe von der Uni kommend hinein. Die Infrastruktur für den Standort "Zöbelboden" im Nationalpark Kalkalpen, der Teil der Region Eisenwurzen und ein LTER-Musterstandort ist, musste er aus dem Boden stampfen. Seit 1996 werden dort ohne Unterbrechung 600 biotische und abiotische Parameter gemessen.

LTER Europe beginnt endlich, Forschung und Monitoring zu vereinen. Durch die Zusammenarbeit werden Ergebnisse repräsentativer und leistbarer: Bisher wurde in 1800 Einrichtungen für Langzeitforschung nur ein einziger Parameter überall gemessen - und der mit verschiedenen Methoden.

Zum Ausgleich für den 60-Stunden-Job und 24 Auslandsaufenthalte 2006 spielt er Gitarre, verbringt Zeit mit seinen zwei Kindern und arbeitet manuell: Neben dem "Zöbelboden" hat er ein Haus gebaut. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 1. August 2007)

  • Vermisst den Naturraum Europa: der Ökologe Michael Mirtl.
    foto: der standard/uba wien

    Vermisst den Naturraum Europa: der Ökologe Michael Mirtl.

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