"Die Spielregeln müssen sich ändern"

31. Juli 2007, 19:26
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Am italienischen Arbeitsmarkt fehle es an Wettbewerb, die meisten Jobs würden an Bekannte vergeben, sagt Autor Alessandro Rimassa im STANDARD-Interview

STANDARD: Herr Rimassa, ihr Buch "1000-Euro-Generation" ist bereits in vier Sprachen übersetzt und erscheint auch in Japan und China. Überrascht Sie dieser Erfolg?

Rimassa: Wir freuen uns darüber. Doch dieser Erfolg unseres Buches beweist vor allem eines: dass dieses Problem der prekären Arbeitsverhältnisse in vielen unterschiedlichen Ländern hochaktuell ist und dass wir damit Precari in der ganzen Welt angesprochen haben. Das gibt uns ein Gefühl großer Genugtuung.

STANDARD: Wer gehört denn der 1000-Euro-Generation an?

Rimassa: Ein Heer von 20- bis 40-Jährigen mit prekärem Arbeitsverhältnis und einer in jeder Hinsicht unsicheren Zukunft, die meistens keine Lebensplanung erlaubt und zahlreiche finanzielle Probleme und andere Sorgen mit sich bringt. Eine Familie zu gründen oder einen Wohnungskredit aufzunehmen wird da zum unüberwindbaren Problem. Man lebt von Tag zu Tag. Sparen ist ein Fremdwort. Man muss schon froh sein, keine Schulden zu haben. Und man muss verzichten lernen. Zu den Precari gehören auch viele Frauen über 40, deren Zukunft nicht abgesichert ist.

STANDARD: Träumen alle "milleuristi" von der Festanstellung?

Rimassa: Keinesfalls. Wir fordern eine Änderung der Spielregeln. Italiens Arbeitsmarkt ist festgefahren. 70 Prozent aller Jobs werden an Bekannte oder Verwandte vergeben. Es gibt keinen Wettbewerb. Ein Empfehlungsschreiben ist wichtiger als die Qualifizierung. Viele Stellenwettbewerbe sind auf bestimmte Kandidaten zugeschnitten. Das Durchschnittsalter der Universitätsprofessoren und Lehrer liegt weit über dem EU-Durchschnitt. Chancengleichheit existiert nicht. Die Schwarzarbeit ist weit verbreitet. In Italien gibt es 45 verschiedene Formen von Kurzzeitverträgen. Es braucht dringend neue Regeln.

STANDARD: Die Regierung Prodi hat jetzt ein Maßnahmenpaket für Precari versprochen ...

Rimassa: Ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Grundproblem ist, dass wir keine Interessenvertretung haben. Italien ist ein überaltetes Land, mit einer alten Regierung, in der es keine jungen Minister gibt. Und in den Gewerkschaften sind 60 Prozent der Mitglieder Rentner. Man gibt denen, deren Zukunft bereits gesichert ist - auf Kosten der Jungen. Regierung, Gewerkschaften, Parteien interessieren sich nicht für die Probleme der jungen Generation - eine fatale Entwicklung für die Zukunft Italiens, die nicht ohne Folgen bleiben wird.

STANDARD:: Ist für Sie und Mitautor Antonio Incornaia der

Bucherfolg ein Wunder von San Precario? Blicken sie jetzt in eine gesicherte Zukunft?

Rimassa: Nein, mit einem solchen Buch wird man nicht reich. Unser Leben hat sich nicht geändert. Und das Schicksal von Millionen Precari ist uns keineswegs gleichgültig. Ich arbeite nach wie vor als freier Mitarbeiter für einige Zeitschriften. Und wir kümmern uns um unsere Webseite www.generazione1000.com. Der Erfolg gibt uns Mut weiterzumachen - und wir sind ein bisschen zufriedener als vorher. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 01.08.2007)

Zur Person
Alessandro Rimassa (31) lebt als freier Journalist in Mailand.
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