Kaffeepausen nutzbar machen

31. Juli 2007, 19:25
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Hemma Kocher ist Expertin für neue Formen des Wissensmanagements in Unternehmen - Ein STANDARD-Interview

Michael Freund sprach mit der derzeit bei einem Londoner Beratungsunternehmen tätigen Österreicherin über Wikis, Weblogs und E-Learning-Ideen.

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DER STANDARD: Was haben die Kommunikationsstrukturen im Netz mit Firmenkommunikation zu tun?
Kocher: Sehr viel. Nehmen wir Weblogs. Im Grunde sind Blogs Medien, die es ermöglichen, etwas innerhalb einer Organisation oder auch nach außen sehr einfach zu publizieren. Von der Struktur her sind sie "one to many" und haben eine Rückmeldeschleife eingebaut, sie sind also wiederum für Unternehmen interessant.

DER STANDARD: Wieso?
Kocher: Man muss sehen, dass Unternehmenskommunikation zwei Seiten hat: die offizielle, in der Information nach innen und außen vermittelt wird. Und die informelle. Die passiert sowieso, in Kaffeepausen, im Flur, wo immer. Sie reden über alles Mögliche und eben auch über Ihre laufenden Projekte. Blogs und Wikis ermöglichen es, diese Kommunikation einzufangen und zugänglich zu machen. Es kann vieles eingefangen und nutzbar gemacht werden, das sonst im Raum steht und nicht niedergeschrieben wird.

DER STANDARD: Warum sollen Mitarbeiter es plötzlich niederschreiben?
Kocher: Wir entwickeln zum Beispiel so genannte Projekt-Blogs und -Wikis. Teilnehmer tauschen sich über den Verlauf aus, über Probleme, darüber, was noch offen ist, welche weiteren Kontakte es gibt - alles Mögliche eben. Wir ermöglichen eine zusätzliche Kommunikationsebene, und zwar nicht "one to one", sondern "einer erreicht viele", ohne dabei E-Mail-Eingänge zu verstopfen. Bisher waren wir sehr auf E-Mails angewiesen, aber die sind kompliziert, man muss sehr genau auf den Kommunikationsfluss achten, bekommt entweder nichts mehr mit oder zu viel von allen möglichen Dingen, die man gar nicht braucht. In Blogs und Wikis kann man Schlagwörter vergeben, nach denen man einfach suchen und seine Anliegen wiederfinden kann.

DER STANDARD: Was machen Sie, wenn Sie einen Kunden aufsuchen?
Kocher: Wir schauen uns dessen Workflow an. Darauf basierend entwickeln wir interne und externe Einsatzmöglichkeiten für Blogs, Wikis, also eine Software, die es erleichtert, dass man gemeinsam an Dokumenten arbeitet, ohne einen Text downzuloaden, Social Tagging, RSS (Really Simple Syndication) oder Social Bookmarking. Mit Letzterem kann man "Favoriten" zentral abspeichern, sodass alle Mitarbeiter sie sehen können. So generiert und teilt man Ressourcen.
Sehen Sie sich zum Beispiel die Web-Adresse del.icio.us an, das ist ein sehr interessantes Beispiel. Mithilfe von RSS erhält man ein regelmäßiges Update von Favoriten, die andere zu einem bestimmten Themengebiet abgespeichert haben.

DER STANDARD: Das klingt sehr interessant und sehr fachenglisch. Aber auch wenn man als Mitarbeiter die technischen Handgriffe schnell beherrschen mag: Kann dieses Teilen in einer kompetitiv organisierten Arbeitsumgebung überhaupt funktionieren?
Kocher: Uns suchen Unternehmen auf, die mit traditionellem Wissensmanagement und traditioneller Kommunikation nicht mehr weiterkommen. Wir knöpfen uns dann nicht die gesamte Firma vor, sondern eine Pilotgruppe, eine Abteilung, die spezielle Probleme hat. Dort führen wir die Werkzeuge der sozialen Software ein, und wenn die Leute begeistert sind, dann wird weiter aufgebaut, wächst das Ganze durch Mundpropaganda.

DER STANDARD: Also bottom-up. Aber die Leitung muss trotzdem dahinterstehen.
Kocher: Natürlich. Wenn die sich engagiert, dann merken die anderen, dass es wichtig ist. Es geht ja eher um Verhaltensänderungen als um neue Technologien, und die funktionieren nur, wenn Interesse an Neuem besteht.

DER STANDARD: Sie waren Gast der Innsbrucker Microlearning-Konferenz der Researchstudios Austria: Welche Form des Lernens ist Microlearning aus Ihrer Sicht?
Kocher: Das ist ein noch unausgegorener Begriff. Er bezieht sich auf kleinste Inhalte, etwa in Blogs, und auf die Art und Weise, wie dadurch unser Lernen beeinflusst wird. Wir kooperieren mit verschiedenen Forschungseinrichtungen, um das Thema Corporate Learning bzw. Microlearning zu untersuchen. Doch wir sind ein Unternehmen, also in erster Linie interessiert uns die Arbeit mit Praktikern.

DER STANDARD: Das heißt, Sie kooperieren auch mit Partnern aus der Praxis.
Kocher: Ja. In Wien zum Beispiel mit der Firma Knallgrau. Sie hat die Blogging-Plattform Twoday, bisher die größte im deutschen Sprachraum, entwickelt.

Erklärungen

  • Wiki: Sammlung von Seiten, die von Usern nicht nur gelesen, sondern auch bearbeitet werden können. Bekanntestes Beispiel: die "freie Enzyklopädie" Wikipedia.

  • Blog: Ein mittlerweile weit verbreitetes Internetforum zu einem bestimmten Thema, in dem Blogger meist persönliche Erfahrungen wiedergeben. Beispiele sind auf derStandard.at zu mehreren Themen zu finden. So wird etwa das Thema Wissenschaftskommunikation unter anderem auf www.sciblog.at abgehandelt.

  • Really Simple Syndication (RSS): Ein elektronisches Nachrichtenformat, das dem User ermöglicht, Inhalte, so genannte RSS-Feeds, zu abonnieren und über Aktualisierungen Bescheid zu wissen. Sie können auch in andere Websites integriert werden.

  • Microlearning: Variante des E-Learning. Lernstoff wird in kleinen Häppchen vermittelt, zum Beispiel in Arbeitspausen über den Bildschirmschoner oder auch über das Handy. Das Researchstudio E-Learning-Environments etwa hat mehrere Projekte umgesetzt und veranstaltet einmal pro Jahr eine Konferenz zu diesem Thema. (DER STANDARD, Printausgabe 01.08.2007)
    • Von Murau nach London: Hemma Kocher berät Unternehmen, die ihr Wissensmanagement auf die Beine von Wikis, Blogs und anderen Kommunikationsformen von Web 2.0 stellen wollen.
      foto: privat
      Von Murau nach London: Hemma Kocher berät Unternehmen, die ihr Wissensmanagement auf die Beine von Wikis, Blogs und anderen Kommunikationsformen von Web 2.0 stellen wollen.
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