Hurrikanwarnung für das Mittelmeer

31. Juli 2007, 18:55
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Sollte sich die Erwärmung des Klimas fortsetzen, dann sind Hurrikane auch vor der Riviera oder der griechischen Küste denkbar

Noch ist das Mittelmeer zu kühl, um Wirbelstürme zu entfachen. Doch sollte sich die Erwärmung des Klimas fortsetzen, dann sind Hurrikane auch vor der Riviera oder der griechischen Küste denkbar, behaupten nun Forscher auf Basis neuer Simulationen.

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Toledo - Wenn die jüngsten Berechnungen von Klimaforschern stimmen, sind Waldbrände und Dürren in Zukunft nicht mehr das Schlimmste, was Mittelmeeranwohner zu befürchten haben. "Wir haben erstmals gezeigt, dass über dem Mittelmeer das Risiko von tropischen Wirbelstürmen besteht", schreibt eine Forschergruppe um Miguel Gaertner von der Universität von Kastilien-La-Mancha in Toledo in einer neuen Studie.

Als Folge der Klimaerwärmung könnten in Südeuropa und Nordafrika Hurrikane aufziehen. Tausende Küstenstädte und Ferienregionen wären bedroht.

Hurrikane gibt es bislang nur in den Tropen. Die Stürme beziehen ihre Energie aus erhitztem Meerwasser. Dort steigt feuchtwarme Luft auf, und sobald sich Wolken bilden, setzt die Luft Energie frei, die den Luftaufstieg weiter antreibt. Die Erddrehung zwingt die aufsteigenden Wolken in eine Kreisbewegung. Das Zentrum des Wirbels saugt immer mehr Luft an, bis die Luftmassen mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde wirbeln.

Noch ist das Mittelmeer zu kühl, um Hurrikane zu erzeugen. Gelegentlich wüten jedoch bereits kleinere Wirbelstürme über dem Mittelmeer. Am 15. Januar 1995 etwa staunten Meteorologen über einen Wirbel vor der Küste Griechenlands, der von einem Hurrikan kaum zu unterscheiden war.

Unrealistische Vereinfachung

In seinem Bericht vom Februar widersprach der UN-Weltklimarat IPCC zwar der Befürchtung, dass die Klimaerwärmung auch im Mittelmeer Wirbel mit Hurrikan-Stärke erzeugen könnte. Doch die zugrunde liegenden Berechnungen haben den Makel, dass sie nur ein grobes Bild der lokalen Wetterbedingungen im Mittelmeer liefern: Die Erdatmosphäre wurde in ein Raster mit einer Maschenweite von 200 Kilometern zerlegt. In einem Atmosphärenquader herrscht also einheitliches Wetter - eine gut zu bearbeitende, aber unrealistische Vereinfachung.

Miguel Gaertner aus Toledo hat nun die Genauigkeit erhöht. Mit mehreren Rechenprogrammen legte der spanische Forscher quasi eine "Lupe" auf die Klimaprognosen der UN und zerlegte die Mittelmeer-Region in ein Raster mit einer horizontalen Maschenweite von 50 Kilometern. Für die Simulationen wurde angenommen, dass die Menschheit ungebremst klimaschädliche Treibhausgase in die Atmosphäre pustet und sich die Kohlendioxid-Konzentration bis zum Ende des Jahrhunderts verdoppelt.

"Wir machten eine wahrhaft beängstigende Entdeckung", sagt Miguel Gaertner: Auf Karten, die das September-Wetter am Ende des 21. Jahrhunderts darstellen sollen, zeichneten sich Hurrikane ab, berichten er und seine Kollegen im Fachblatt Geophysical Research Letters (Bd.34, Seite L14711).

Merkmale eines Hurrikans

Auf dem Computerbildschirm zogen kreisrunde Areale mit extrem hohem Luftdruckgefälle zwischen Boden und oberer Luftschicht übers Mittelmeer - eindeutige Merkmale eines Hurrikans. Ihr Zentrum sei auffallend warm und auch die Wassertemperatur sei hoch - eine erwartete Folge der Klimaerwärmung, berichten die Forscher.

Die Forscher räumen ein, dass ihre Rechnungen mit Unsicherheiten behaftet sind. Die Ergebnisse fußen auf Modellen, die das weltweite Klima simulieren. Doch ob damit Änderungen der Luftzirkulation vorhergesagt werden können, ist ungewiss. Auch die Regional-Klimamodelle sind nicht ausgereift.

Gaertner und seine Kollegen haben dennoch Grund, ihre Prognose ernst zu nehmen. Das verwendete Simulationsprogramm neigte bislang nämlich nicht dazu, extreme Tiefdruckgebiete darzustellen. Am Ende dieses Jahrhunderts könnte demnach eine zunächst gewöhnliche Witterung einen fatalen Verlauf nehmen: Südlich eines Schönwetter-Gebiets zieht Regenwetter vom Atlantik Richtung Mittelmeer. Die mit Feuchtigkeit vollgesogene Warmluft über dem erhitzten Meer treibt den Luftaufstieg an. Der niedrige Luftdruck fällt damit dramatisch ab. Es bildet sich ein Wolkenwirbel, der sich beschleunigt - womöglich bis auf Hurrikanstärke. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 1. August 2007)

  • Bislang tobten sie nur in tropischen Regionen. Am Ende des 21. Jahrhunderts könnten sich Wirbelstürme aber auch über dem Mittelmeer bilden, warnen spanische Forscher.
    foto: der standard/wikimedia

    Bislang tobten sie nur in tropischen Regionen. Am Ende des 21. Jahrhunderts könnten sich Wirbelstürme aber auch über dem Mittelmeer bilden, warnen spanische Forscher.

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