Falsche Liebe bringt neuen Schnee

31. Juli 2007, 20:58
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Nach fünfmonatiger Probenzeit entpuppte sich Percevals prognos­tiziertes Festspiel-Highlight "Molière. Eine Passion" als dürftiger Spruchband-Abend aus "Liebe ist ..."-Sätzen

Hallein - Der Tapezierersohn Jean-Baptiste Molière sollte Jurist werden, wählte aber mit großem Effekt für die Nachwelt doch das Komödienfach. Anklagen und Verteidigungsreden konnte er auch als Komödiendichter weiterführen; der Verlogenheit seiner in konzentrischen Kreisen um den Sonnenkönig angesiedelten Gesellschaft mit feuriger (und leider auch feurig kontrollierter) Feder entgegentreten. In diesen leidenschaftlichen Menschen, der sich die "bonne societé" wie einen Nagel eingetreten hatte und dessen innerste humanistische Verpflichtungen in den Mühlen höfischer Vergnügungssucht zermahlen wurden - in diesen atemlosen Kämpfer muss sich Luk Perceval verliebt haben.

Mit den ihm treu gesinnten Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel schiebt der flämische Regisseur ("Mein Schreibanteil bestand im Kürzen und Verdichten") in einer Koproduktion der Berliner Schaubühne mit den Salzburger Festspielen Leben und Werk des französischen Barockdichters in eins.

In Molière. Eine Passion kulminieren die Protagonisten von vier Charakterkomödien mit der getriebenen Existenz des Dichters selbst in einer großen tragischen Figur. So, als wollte Perceval dem Möchtegern-Tragöden (Molières Neid auf Corneille und Racine war groß) hiermit seinen Frieden schenken.

Aus vier Komödien wird eine Tragödie. Einer nimmt sie alle in sich auf: Thomas Thieme, der sächselnde Schauspielgigant, der seit Percevals historischem Shakespeare-Marathon Schlachten! 1999, ebenfalls auf der Perner-Insel, für immer und ewig zu den größten Raumverdrängern seiner Zunft gezählt wird. Im Embonpoint seiner mitunter nackten Erscheinung türmt er sie aufeinander: den dickköpfigen Nörgler Alceste aus Der Menschenfeind, den zum rasenden Kopulierer verdammten Don Juan, den bigotten Eindringling Tartuffe und schließlich den alten Harpagon aus Der Geizige.

Die Synthese aller ergibt bei Perceval/Zaimoglu/Senkel ei-ne einzelne, ungeheuerliche Schattenfigur (Thieme). Sind die Ursprungsherren in ihren angestammten Stücken noch im sozialen Gefüge des heiteren Intrigenpersonals aufgehoben - hier ist Sense. Nichts mehr, keine Luft mehr. Schluss mit lustig, Spiel verloren. Kein Dialog, kein In-die-Augen-Schauen, die Welt ist menschenleer. Es schneit.

Die dumpfe Unendlichkeit dieses im Verlauf von viereinhalb Stunden unter Hauben von Schneeschnipseln versinkenden Raums (Bühne: Katrin Brack) ist Molières Kopf, sein Gehirn, sein Büchner'scher "leerer Tanzsaal".

Hier wohnt die dämonisch keuchende Stimme, hier tanzt sie aus dem Mund Thiemes hart am Mikrofon ihren Totentanz. Folgerichtig sind die einzigen Requisiten verschiebbare Lautsprecherboxen. Auf ihnen hängen die abgewrackten Figuren des restlichen Komödien-Personals, die dämlichen Hofschranzen (Ulrich Hoppe, Kay Schulze, Felix Römer), die lachhaften Besserwisser (Thomas Bading), die verschwiegenen Eminenzen (Karin Neuhäuser, Horst Hiemer) und - natürlich allen voran - die dummen Gören (Patrycia Ziolkowska, Christina Geisse).

Denn reichlich Männerfantasien befördert dieser vom Versagen und Selbsthass, von der Schmach des Ungenügens angetriebene Abgesang auf die "beschissene Liebe". Von nichts anderem als der falschen, unerreichbaren, missratenen, perfide gottgewollten Liebe handelt diese Passionsgeschichte, die weit über Molière hinausschießt und mit ihrer (vielfach unverständlich gebrabbelten) Spruchbandlyrik ins Leere trifft.

Die Inkontinenz-Windel

Einmal, zum Schluss, passt es. Am Ende des Lebens, wenn ER (Thieme als "Der Geizige"), in eine Krankenhaus-grüne Inkontinenz-Windel gesteckt, in dieser Welt rein gar nichts mehr zu erhoffen hat, triumphiert das kitschige Liebesmantra über sein Schicksal. "Liebe ist Palaver. Liebe ist Papperlapapp" / "Liebe ist, wenn ich die Liebe verfehle, ganz knapp" et cetera.

Der Text Molière. Eine Passion hat mehr mit Xavier Naidoo zu tun als mit Molière. Die Inszenierung dann mehr mit Molière und am allermeisten wohl mit Perceval selbst. Den von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel halsbrecherisch gereimten, tiefen, tiefen Rap ("Ich bin ihr verfallen, ich brenne für sie. / In meinen Liebesträumen führt sie die Regie") lässt der Regisseur in seiner Inszenierung jedenfalls tragödisch verebben, er negiert ihn. Er stellt aber auch nichts an seine Stelle.

Wenn Perceval damit die Fallhöhe zwischen Billigreim und Tragödie nutzen wollte, so hat er die Gelegenheit verpasst. Er gelangt mit der mikrofontechnisch jämmerlich unpräzisen Überbringung bei auch noch so viel Schnee nicht an den Gefrierpunkt dieses vertanen Lebens. Alles bleibt, wie bei Sprüchen üblich, an der Oberfläche kleben. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 01.08.2007)

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    Auch noch so verrenkt – wird einem von Molière nichts geschenkt: Thomas Thieme (re.) nimmt auf der Halleiner Perner-Insel als Mikrofonakrobat das Schicksal von gleich vier Typenkomödianten auf seine breiten Schultern. Foto: Techt/APA

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