"Reggae ist Humanismus, nicht Politik"

31. Juli 2007, 18:09
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Jazzpianist Monty Alexander eröffnet morgen den 1. Wiener Klaviersommer

Wien – Jazzpianist Monty Alexander eröffnet morgen, Donnerstag, gemeinsam mit Stefan Vladar den 1. Wiener Klaviersommer in der Spanischen Hofreitschule. Mit dem Reggae sei es, so sagt Monty Alexander, wie mit dem Wiener Walzer: Nur die Menschen, in deren Mitte jene Musik entstanden sei, könnten diese wirklich spielen. "Natürlich gibt es auch gute Reggae-Musiker außerhalb Jamaikas", so Alexander. "Aber du kennst Jamaika und seine Musik nicht, bevor du dort gelebt hast, bevor du mit einer jamaikanischen Frau zusammen warst, bevor du die Luft, das Salzwasser, das Essen geschmeckt hast."

Die Erkenntnis, dass es folglich zwischen ihm, dem bedeutendsten Jazzmusiker Jamaikas, und Reggae, dem bedeutendsten Musikexport der Karibikinsel, eine besondere Verbindung gebe, ist dennoch eine relativ neue: Erst 1999 erschienen mit dem Bob-Marley-Tribute Stir it Up Monty Alexanders erste jazzpianistische Ganja-Rhythmus-Deutungen, 2006 hat der 63-Jährige mit Concrete Jungle (Telarc Jazz/Edel) eine zweite einschlägige Aufnahme nachgeschoben. Diese erhält ihren authentischen "Mehrwert" durch den Umstand, dass ihr Urheber dafür nach 47 Jahren erstmals wieder jene Studios in Kingston betreten hat, in denen 1958, als eine neue Musik namens Ska gerade im Brutkasten steckte, 14-jährig seine ersten Aufnahmen entstanden sind: Dieselben Aufnahmeräumlichkeiten, die Bob Marley einige Jahre vor seinem frühen Tod 1981 kaufte und "Tuff Gang Studios" genannt hat.

Monty Alexander verließ Jamaika bereits 1960 in Richtung USA, um dort zum gefeierten, von Oscar Peterson geförderten Jazzpianisten zu avancieren. Die Ende der 60er-Jahre losbrechende Reggae-Welle verfolgte er aus der Distanz, dem exakt acht Monate jüngeren Bob Marley ist er niemals persönlich begegnet. Anknüpfungspunkte gibt es für den Pianisten dennoch zur Genüge:

"Bob Marley hörte alle Arten von Musik. Er war sehr talentiert, er saugte alles auf, was er hörte. Und verarbeitete es in seiner Musik. Wenn du Bob Marley zuhörst, kannst du Jazzphrasierung hören, auch den Blues. Etwas an seinem Gesang erinnert mich an Billie Holiday. Er phrasierte wie Holiday, nach dem Beat."

Ob für Monty Alexander im Rahmen seiner Marley-Bearbeitungen – auf Concrete Jungle ist auch der Antikriegsreggae "No More Trouble" enthalten – der Umstand eine Rolle gespielt habe, dass sein Kollege in den Songs oft auch explizit politische Botschaften transportiert hat?

"Was Bob Marley gesagt hat, war eine Reflexion dessen, was alte, weise Menschen sagen", hält Alexander dem entgegen. "Für mich geht es dabei weniger um Politik als um allgemeine Grundsätze wie: Free your mind, free yourself. Für mich geht es um die Idee von Liebe über die Grenzen der Hautfarben hinweg, um Respekt und Selbstrespekt. Das ist wichtiger als Politik, das ist Humanismus. Für mich war Bob Marley ein Humanist, auf einer Stufe mit Martin Luther King, Malcolm X und Nelson Mandela."

Bleibt zu hoffen, dass Monty Alexander die gepflegte Mainstream-Routine, die er im Rahmen seines letzten Wien-Gastspiels im November 2006 walten ließ, morgen im Trio mit Hassan Shakur (Bass) und Herlin Riley (Schlagzeug) durch einige klingende Statements aus dem Oeuvre seines Landsmannes aufbricht. (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 01.08.2007)

2.–5. August: 1. Wiener Klaviersommer in der Spanischen Hofreitschule, u. a. mit Monty Alexander, Stefano Bollani, Gonzalo Rubalcaba und Stefan Vladar, Fazil Say, Ferhan und Ferzan Önder, Nelson Freire.
Karten und Info: (01) 960 96

Link
www.klaviersommer.at
  • Mit dem Reggae sei es wie mit dem Wiener Walzer, so Jamaikas Jazzpianist Monty Alexander: Nur wer mit ihm aufwuchs, kann ihn spielen. Wie er selbst. Morgen in Wien.
    foto: wildbild

    Mit dem Reggae sei es wie mit dem Wiener Walzer, so Jamaikas Jazzpianist Monty Alexander: Nur wer mit ihm aufwuchs, kann ihn spielen. Wie er selbst. Morgen in Wien.

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