Stets im Visier der Großmächte

31. Juli 2007, 19:12
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Afghanistan: Seit Jahrhunderten Schauplatz geopolitischer Konflikte - mit Infografik

Kabul/Wien – Sie sollen aus sehr empfindlichem Material, teils sogar aus leicht löslichen Lehm, gebaut worden sein. Dennoch thronten sie vermutlich seit über 1500 Jahren im Tal von Bamiyan, im heutigen Afghanistan. Unter der Herrschaft der Kuschanen, einem zentralasiatischen Volk, waren die beiden Buddha-Statuen, die eine 53, die andere 36 Meter hoch, errichtet worden. Am 12. März 2001 endete ihre Geschichte: Ein Kommando der Taliban sprengte die Statuen in die Luft.

Der internationale Aufschrei nach der Zerstörung war gewaltig. Gewaltiger als bei vielen der Gräueltaten, die die Menschen in Afghanistan in den vergangenen 30 Jahren erdulden mussten. Nach dem Krieg gegen die Sowjets und der Herrschaft der Taliban ist Afghanistan heute vor allem ein bitterarmes Land. Die Lebenserwartung liegt bei gerade 46 Jahren, schätzt der UN-Bericht über die menschliche Entwicklung 2006.

Über ein Fünftel der Kinder sterben, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreichen. Der Zentralstaat funktioniert nicht, die Wirtschaft liegt am Boden. Was bleibt ist der Opium-Anbau. Über 90 Prozent des weltweit hergestellten Opiums kommt aus Afghanistan. Knapp 29 Millionen Menschen sollen in dem Land leben, die größte Gruppe sind die überwiegend sunnitischen Paschtunen. Aber auch das sind nur Schätzungen: Seit 1979 verhinderten Krieg und Bürgerkrieg eine Zählung.

Die Entstehung des afghanischen Nationalstaates geht wie so oft auf kriegerische Konflikte zurück. 1837 marschieren die Briten aus Sorge vor dem wachsenden russischen Einfluss in der Region in Kabul ein und verjagen den Emir. Zwei britisch-afghanische Kriege später führt König Amanullah Khan Afghanistan in die Unabhängigkeit.

Der König wird aber selbst vertrieben, und erst Zahir Shah, der 1933 den Thron besteigt, festigt seine Regentschaft. Nach einem Putsch 1973 wird die Republik ausgerufen, fünf Jahre später übernimmt die kommunistische Demokratische Volkspartei die Macht. Als Moskau die Herrschaft der prosowjetischen Kräfte gefährdet sieht, entschließt es sich, einzugreifen. Afghanistan wird zu einem Hauptschauplatz des Kalten Krieges: Die Mudjahedin leisten den Sowjets mit US-Unterstützung Widerstand.

Washington soll hunderte Millionen Dollar für die Gotteskrieger bezahlt haben, gegen sowjetische Hubschrauber wurden Stinger-Raketen geliefert. Zwischen 700.000 und 1,3 Millionen Menschen sterben in dem Krieg. 1989 ziehen sich die Sowjets zurück. Der Krieg zwischen den Mudjahedin und einer von Moskau zurückgelassenen Regierung geht aber weiter. 1994 versprechen die Taliban – auch sie kämpften gegen die Sowjets – die Entwaffnung des Landes und die Wiederherstellung der Ordnung. 1996 erobern sie unter wohlwollender Duldung der USA Kabul und errichten einen Gottesstaat.

Das weitere Schicksal des Landes entscheidet sich in New York und Washington: Nach 9/11 und der Weigerung der Taliban, Osama bin Laden auszuliefern, beginnen die USA Luftangriffe. Am Boden rückt die Nordallianz vor. Im Dezember 2001 erteilt der UN-Sicherheitsrat das Mandat zum Einsatz der internationalen Schutztruppe Isaf. Bis heute konnten die 35.000 Isaf-Soldaten das Land nicht befrieden. (szi/DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2007)

  • Amanullah Khan proklamierte 1919 das unabhängige Afghanistan.

    Amanullah Khan proklamierte 1919 das unabhängige Afghanistan.

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