Der Chronist der Gefühle

31. Juli 2007, 18:13
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Der Filmregisseur Antonioni war einer der großen Modernisten des Nachkriegskinos, der der Befindlichkeit des Menschen in einer postindustriell geprägten Welt nachspürte

Am Montag ist er im Alter von 94 Jahren in Rom gestorben.

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Rom – Die Verabredung wird von keiner Person eingehalten, nur die Kamera findet sich an Ort und Stelle ein. Das berühmte Ende von L’eclisse (1962) bringt eine siebenminütige Montage von Schauplätzen des Films, von urbanen Räumen, die verlassen daliegen – von den Protagonisten, den beiden Liebenden fehlt fast jede Spur: Nur ihre Absenz wirkt weiter, Nachbilder, in denen das, was vor diesem Morgen nach einer Sonnenfinsternis geschehen ist, nicht greifbar wird. Was die beiden trennt, leuchtet aber auf unmittelbare Weise ein.

Es ist wohl nicht zu viel gesagt, dass diese sieben Minuten im Kino von Michelangelo Antonioni zu den großartigsten Momenten des Mediums überhaupt gehören. Vieles kommt hier zusammen: seine Faszination für den fragmentierten Raum, den so nur das Kino wieder zusammendenken kann; die Bereitschaft, die Notwendigkeit des Erzählens infrage zu stellen und das Offene an seine Stelle treten zu lassen; die Erkundung einer "Malaise des Eros", die für die Befindlichkeit des modernen Menschen charakteristisch geworden ist.

Die Anfänge des Kinos des 1912 in Ferrara geborenen Antonioni sind untrennbar mit der filmischen Erneuerungsbewegung im Italien der Nachkriegszeit verwoben: Mit dem Neorealismus antworteten Regisseure wie De Sica, Fellini, Pasolini und Rossellini auf die sozialen Verwerfungen ihrer Gegenwart und formulierten gemeinsam ein Kino, das mit dokumentarischen Anleihen durchsetzt war und nach 20 Jahren Faschismus der Hoffnung nach einer kulturellen Erneuerung Ausdruck gab. Italiens Weg in die Prosperität verlief zu dieser Zeit schnell – und marktwirtschaftliche Werte ohne die ersehnte soziale Gerechtigkeit wurden bestimmend.

Von seinen Mitstreitern hob sich Antonioni, der einer wohlhabenden Mittelschichtfamilie entstammte, bald durch sein bestimmtes Beharren auf einen durch und durch zeitgenössischen Blick ab: Er sei der einzige unter ihnen gewesen, schrieb der Filmhistoriker Sam Rohdie einmal, der die Gegenwart zu akzeptieren vermochte, ohne eine besondere Ansicht über sie zu vertreten. Soll heißen: Er nahm sie unbefangen wahr. Nichtsdestotrotz erklärten ihn nicht nur Kritiker seiner Zeit vorschnell zum Ankläger einer allumfassenden Entfremdung des Menschen im postindustriellen Zeitalter und Analytiker aller Kommmunikations- und Beziehungsunfähigen.

Subjekt der Zeit

Das stimmt allerdings nur zum Teil, denn Antonioni war kein Kulturpessimist. Von Beginn an rückte er zwar in Filmen wie Cronaca di un amore (1950) oder Il Grido (1956) Figuren ins Zentrum, die sich in Liebeskrisen verirren: Aldo, der Fabriksarbeiter aus Letzterem stürzt sich nach seinem orientierungslosen Driften durch desolate Schauplätze der Po-Ebene von einem Turm, weil er über das Ende einer Affäre nicht hinwegkommt. Doch schon dieser Held ist ganz Subjekt der Zeit, das Antonioni wohlgemerkt nie psychologisch erklärt. Er macht sich vielmehr Aldos Wahrnehmung zu Eigen, vermittelt dessen Unmöglichkeit zu handeln. Immer wieder sind es dabei Landschaften, die keinen Trost spenden, sondern äußerst materiell bleiben.

Mit L’avventura (1960), La notte (1961) und L’eclisse (1962), die oft als Trilogie verstanden wurden und ihm zu internationalem Ruhm verhalfen, radikalisiert Antonioni dieses Wechselspiel aus bürgerlichem Gesellschaftsporträt, Entfremdungsstudie und Phänomenologie der Gegenwart noch. Die Filme werden abstrakter und das narrative Gerüst lässt Lücken zu, in denen die Kamera befreit und autonom agiert.

Ersetzte Liebe

Wenn in L’avventura eine Figur auf einer Insel verloren geht, bald aber auch ihre Begleiter sich für andere Dinge als für die Suche nach ihr interessieren, sind darin Form und Inhalt trefflich gespiegelt: Wie sie "vergisst" der Film darauf, bestimmte Erwartungen zu erfüllen.

Monica Vitti, mit ihrer kühl-sinnlichen Präsenz zu dieser Zeit die bestimmende Darstellerin Antonionis, ersetzt ihre Freundin auch bei deren Liebhaber: Die Unsicherheiten moderner Identitäten und Beziehungskonstellationen, die hier verhandelt wurden, boten im katholisch bestimmten Italien immer wieder Anlass für Erregung. Nach Il deserto rosso (1964), seinem ersten Farbfilm, in dem die Wahrnehmungsstörungen der Heldin explizit auf eine beeinträchtigte Psyche verweisen, verlagert Antonioni seine Arbeit ohnehin ins Ausland und internationalisiert seinen Modernismus des aktuellen Lebensstils: Blow Up (1966), sein bekanntester Film, atmet das Zeitgefühl des Swinging London, Zabriskie Point (1970), in den USA gedreht, aber mehr ein Film "über Amerika", wie der Regisseur stets betonte, ist schon ein Nachspiel zur Hippie-Bewegung, Professione: Reporter (1975) mag als Roadmovie, in dem Jack Nicholson als westlicher Journalist im afrikanischen Nirgendwo verfällt, dafür als Vorbote eines Globalisierungsdramas gelten.

Als Beispiele eines Weltkinos, das schon stärker von Produktionsabsichten und -zerwürfnissen verunreinigt ist, sind diese späteren Filme zwar im Detail weniger konzise als die italienischen Arbeiten. Ihre selbstreflexiven Freiheiten – man denke an die Bildmanipulationsanalysen von Blow Up oder die stärker ins Kreativ-Existenzielle gerichtete Auseinandersetzung von Professione: Reporter – blieben aber stets dem filmischen Experimentiergeist verpflichtet.

Am Montag ist Michelangelo Antonioni im Alter von 94 Jahren in Rom gestorben, wie es der Zufall will, am gleichen Tag wie Ingmar Bergman. Man käme nicht umhin zu sagen, dass hier ein Kapitel europäischen Kinos geschlossen wird, das im Anspruch, künstlerische Aussagen über das Hier und Heute des Menschen zu treffen, kompromissloser als das gegenwärtige auftrat – wenn dies nicht Antonionis Prinzip widerspräche: Jeder Zeit einen Autor wie diesen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 01.08.2007)

  • Mit ungerührtem Blick auf das Dasein in der Moderne: Der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni 1994 bei seinem Wienbesuch.
    foto: r. newald

    Mit ungerührtem Blick auf das Dasein in der Moderne: Der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni 1994 bei seinem Wienbesuch.

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    Ein Paar auf kurze Zeit: Alain Delon und Monica Vitti in Michelangelo Antonionis "L’eclisse", in dem mehr das Trennende als das Verbindende zwischen den Menschen im Mittelpunkt steht.

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