Römische Verhältnisse

31. Juli 2007, 07:00
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Die "historische" Perspektive der TV-Serie Rom schafft Genuss ohne Reue von (sexualisierter) Gewalt - ein Kommentar

Das Leben in der res publica war kein Zuckerschlecken, das ahnen mit der TV-Serie "Rom" auch jene, die ihr Geschichtswissen bis jetzt gut und gerne den Unterhaltungsfilmen der Marke Kostümschinken entlehnten.

Wie es wirklich war

Dabei ist es genau dieses Stigma des seichten Historienfilms, dem sich die TV-Serie entziehen wollte: Die verantwortlichen TV-Sender HBO, BBC und RAI scheuten keine Mühen und Kosten, dem Geschehen in der römischen Republik einen "realistischen" Anschein zu verpassen: Kostüme, die sich nach den historischen Vorlagen richten, ein riesiges Set direkt in der ewigen Stadt, eine Story, die nahe an den historischen Fakten angelegt ist. An die 100 Millionen Dollar kostete die Produktion der Serie, die in den USA vor kurzem mit sieben Emmy-Nominierungen belohnt wurde.

Soziologischer Zugang

Glaubt man den Worten eines Co-Autors der Serie, BBC-Schreiber Bruno Heller, besteht der realistische Aspekt der Serie weniger in einer faktengetreuen Aneinanderreihung der zum Fall der römischen Republik führenden historischen Ereignisse, sondern in der authentischen Darstellung der damaligen Lebensverhältnisse und Umgangsweisen des populus romanus. Auf diesen anthropologischen und soziologischen Zugang der Serie, wie Heller es nennt, sind die Drehbuch-AutorInnen besonders stolz.

Anders gesagt: Im antiken Rom wird geschlachtet, geflucht, intrigiert und geliebt wie in jeder anderen massenkompatiblen Action-Unterhaltung auch, lediglich die Vorzeichen für diesen derben Sex and Crime-Spaß präsentieren sich in einem authentischen Licht. Die "schonungslose Darstellung von Gewalt und Sex im alten Rom" , wie es ein Kommentator auf "Vieraugen-Kino" nennt, klingt - wenn schon nicht pädagogisch wertvoll - so doch wie ein lehrreiches Stück Zivilisationsgeschichte.

Zensurdebatte

Der Start der Serie in Deutschland und Österreich im Juli 2007 war neben der Zensurdebatte (angeblich ist auf RTL2 und ORF eine bereinigte Version zu sehen) begleitet von der Begutachtung der sozialen Verhältnisse im antiken Rom - aus heutiger Sicht: Durch „Rom“ komme nun endlich die Rolle der Frau in der Weltgeschichte zur Sprache, resümierte beispielsweise die Süddeutsche Zeitung äußerst positiv über die dargestellten Geschlechterverhältnisse. Als Beispiel diente dem Autor Willi Winkler die skrupellose Atia, die ihren Körper und ihre Kinder verkauft, um die eigene Macht zu sichern und die von Cäsar abgelegte Geliebte Servilia, die ihrerseits intrigiert, um sich an ihrem Schmäher zu rächen. Die Legende über Frauen, die im Hintergrund die Fäden der Macht ziehen, indem sie Männer manipulieren, ist jedoch nichts weiter als die Reproduktion eines der gängigsten weiblichen Stereotype der Unterhaltungsindustrie.

Sexualisierte Gewalt

Und noch etwas fehlt bei der Analyse der römischen Verhältnisse: Einige der Sexszenen zeigen nicht einfach Sex, sondern viel mehr sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen. Etwa, wenn Marc Anton im Beisein seiner Soldatentruppe eine Schäferin vergewaltigt (die dabei verklärt in den Himmel starrt) oder Pompejus vorzeitig von seinem "ehelichen Recht" Gebrauch macht. Auch darin liegt der "Reiz" dieser Serie: Dass sie aus heutiger Sicht nicht tolerables Verhalten als gängige Umgangsformen darstellt und dabei verharmlost.

Geschichte und Unterhaltung

Für die MacherInnen von „Rom“ ergibt sich durch das Authentizitätsargument eine Art Narren-Freiheit: Schließlich zeigt man doch nur, wie im alten Rom gelebt wurde! Dass es sich lediglich um den Geschichtsentwurf der Serien-MacherInnnen handelt, ist dabei nicht weiter von Bedeutung. Gleichzeitig vermögen die Gesetze der Dokumentation die Darstellungen aber nicht einzugrenzen, weil es sich im letzten Sinn doch nur um "Unterhaltung" handelt. Beim Betrachten von „Rom“ und seinen Gewalt- und Sexszenen stellt sich ein unbehagliches Gefühl ein. Die Bilder und der Plot laden die ZuseherInnen zu „Genuss ohne Reue“ ein und lassen Gewalt unter Männern und sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen als fast so etwas wie eine anthropologische Konstante erscheinen.

Der Umgang mit Vergangenheit, so wissenschaftlich haltlos er bei „Rom“ auch sein mag, ist immer auch verbunden mit der Gegenwart, in der wir leben. Schließlich muss an ein Stück Geschichte, das "Rom" zumindest aus vermarktungstechnischen Gründen sein will, gefragt werden, welche Motivation und auch Nutzbarmachung für die Gegenwart hinter einer derart imaginierten "Vergangenheit" steht. (Ina Freudenschuss, 31.7.2007, dieStandard.at)

31.07.2007
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    foto: standard/home box office, inc. all
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