Köln: "Wir brauchen hier keine Schariasäule"

16. Oktober 2007, 19:48
57 Postings

Ausgerechnet im katholischen Köln soll die größte Moschee Deutschlands gebaut werden - Um das Bauwerk tobt schon jetzt ein wahrer Glaubenskrieg

Und dabei geht es um weit mehr als die Angst vor zwei zu hohen Minaretten.

* * *

Der Weg zu Allah führt über den Hinterhof. Ein paar Treppen hoch, dann drängen sich 600 Menschen auf dem Gebetsteppich in einer alten Fabrikhalle mit Wellblechdach. Kommen noch mehr Gläubige nach Köln-Ehrenfeld, müssen diese am Parkplatz beten. "Sehen Sie, wir platzen aus allen Nähten", sagt Ikbal Kiliç, Sprecherin der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) und fügt fast ein wenig entschuldigend hinzu, dass ja auch die angeschlossenen Unterrichtsräume nicht wirklich schön seien. Dort, wo Kinder Deutsch lernen, Frauen nähen oder am Computer üben, blättert der Verputz von der Wand. Es sieht so ärmlich aus wie in einer 50er-Jahre Volksschule.

Doch bald soll alles besser, weil schöner werden. Modern, transparent, großzügig, repräsentativ - und auch mit einer Prise Selbstbewusstsein angereichert. Die Ditib, Dachverband für die Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten ihrer 870 deutschlandweit angeschlossenen Moscheen, will ein neues Gotteshaus bauen. Und nicht irgendeines. Es soll die größte Moschee Deutschlands, wenn nicht sogar Europas werden. 34,5 Meter wird die Kuppel hoch ragen, 55 Meter hoch sollen die Minarette sein. Stolz zeigt man bei der Ditib das Modell. "Die zweite Generation der Migranten hat noch in den Kellerräumen gebetet. Aber die dritte und vierte Generation ist selbstbewusster geworden", sagt Kiliç.

Das konnten die meisten Kölner zunächst nachvollziehen. Raus aus den uneinsehbaren Hinterhöfen, lautete die Devise. Doch als dann Paul Böhm, einer der renommiertesten deutschen Kirchenbauer, seinen Entwurf vorlegte, waren viele geschockt. Soooo hoch! Muss das sein? Seither tobt in Köln-Ehrenfeld, dem studentischen Multi-Kulti-Viertel ein Glaubenskrieg, der deutschlandweite Beachtung findet. Denn natürlich geht es nicht allein darum, ob die Minarette zu hoch sind. Sondern darum, ob Muslime selbstbewusst auftreten dürfen.

"Kölle alaaf" "Das Grundgesetz garantiert Religionsfreiheit. Der Ditib gehört das Grundstück seit 22 Jahren, sie darf dort ihre Moschee bauen", sagt Josef Wirges, während in seinem heißen Büro die Käsebrötchen vor sich hinwelken. Wirges ist sozialdemokratischer Bezirksbürgermeister und hat seit neuestem immer ein paar Häppchen parat. Schließlich gibt sich jetzt die internationale Presse wegen der Moschee bei ihm die Klinke in die Hand.

Rund zehn Prozent beträgt die Ausländerquote in Deutschland, in Ehrenfeld spricht die Statistik von 35 Prozent "Menschen mit Migrationshintergrund". "Viele sind deutsche Bürger, die haben genauso Rechte, auch wenn sie nicht jeden Tag 'Kölle alaaf' singen", ärgert sich Wirges. Ihn bedrückt, dass "hier der alte Rassismus wieder hochkommt". Dass das "alte Muttchen" vielleicht Angst hat, kann er ja noch verstehen (und in vielen persönlichen Gesprächen auszuräumen versuchen). "Aber", sagt Wirges, "diese Moschee wird gezielt dafür eingesetzt, um Ängste zu schüren." Weil er sich für den Moscheebau stark macht, bekommt er neuerdings Drohungen. Die schlimmsten leitet er gleich per Fax an den Staatsschutz weiter.

Wie erbittert der Kampf geführt wird, zeigt auch der Umgang mit einer Umfrage des Kölner Stadtanzeigers. Ein Drittel der Kölner sind für die Moschee, ein Drittel dagegen, die restlichen 33 Prozent wollen einen kleineren Bau, ermittelte die lokale Tageszeitung. Zwei Drittel seien also für eine Moschee, schlussfolgert Wirges.

CDU-Chef: "Zwei Drittel dagegen"

Jörg Uckermann, Ehrenfelds CDU-Chef, sieht es genau umgekehrt: "Zwei Drittel wollen diese Moschee nicht. Die Architektur ist auf Hegemonie und Dominanz ausgerichtet", stellt er klar. Es folgt ein Exkurs durch die Kölner Bauordnung und das Landesbaugesetz von Nordrhein-Westfalen, es geht um Stadtplanung und gewachsenes urbanes Umfeld, bevor Uckermann dann doch erklärt: "Wir sind kein Besiedelungsland, wir brauchen hier keine Schariasäule." Dass der Kölner Dom mit seinen 157 Metern Höhe noch viel dominanter ist, interessiert ihn nicht: "Der war immer schon da."

Wie Uckermann denkt auch "pro Köln", eine rechte Bürgerinitiative, die auch schon FP-Chef Heinz-Christian Strache als Ehrengast nach Köln zur Demonstration gebeten hat. Dessen Botschaft: "Die schweigende Mehrheit der Kölner, die schweigende Mehrheit Deutschlands und Europas steht auf eurer Seite."

Kleinere Minarette Bekir Alboga, Dialogbeauftragter der Ditib, kann die Aufregung nicht nachvollziehen: "Wir wollen Offenheit demonstrieren. Gerade eine Hinterhofmoschee trägt doch nicht zur Integration bei." Doch dem Druck war man letztendlich nicht gewachsen. Mitte August will die Ditib zwei neue Entwürfe für ihre Moschee vorlegen: Statt 55 Meter sollen die Minarette unweit des 270 Meter hohen Fernsehturms dann nur 45 bis 50 Meter in den Kölner Himmel ragen. (Birgit Bauman aus Köln/DER STANDARD-Printausgabe, 31.7.2007)

  • Um die Größenverhältnisse der Kölner Gotteshäuser zu zeigen und sich für den Bau der Moschee stark zu machen, hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) diese Postkarte herausgebracht. Sie zeigt von links nach rechts den Dom, die evangelische Trinitatiskirche, die Synagoge und ein Modell der geplanten Moschee.
    foto: dgb köln

    Um die Größenverhältnisse der Kölner Gotteshäuser zu zeigen und sich für den Bau der Moschee stark zu machen, hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) diese Postkarte herausgebracht. Sie zeigt von links nach rechts den Dom, die evangelische Trinitatiskirche, die Synagoge und ein Modell der geplanten Moschee.

  • Nicht im Karneval, sondern auf Dienstreise in Köln: FP-Chef Strache (2. v. r). Neben ihm demonstrieren junge Männer auf Niederländisch gegen eine "Djihad-Straße" in Köln-Ehrenfeld.
    foto: pro köln

    Nicht im Karneval, sondern auf Dienstreise in Köln: FP-Chef Strache (2. v. r). Neben ihm demonstrieren junge Männer auf Niederländisch gegen eine "Djihad-Straße" in Köln-Ehrenfeld.

Share if you care.