"Ölplattform-Gehälter in Moskau"

12. September 2007, 10:14
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Henkel CEE-Präsident Thumser im Interview über das Potenzial in der Ukraine, Rechts­sicherheit, den Kampf um Fachkräfte und regionale Feinheiten beim Wäschewaschen

STANDARD: Henkel investiert in Osteuropa stark in neue Produktionen. Wann wird Waschmittel nicht mehr von Wien in den Osten, sondern von dort aus nach Österreich exportiert?

Thumser: Das kann man nicht schwarz-weiß sehen, denn Ös- terreich und Osteuropa unterstützen sich wechselseitig. Die Produktion in Wien bleibt die technologische Speerspitze.

STANDARD: Aber die Infrastruktur-Anbindung verläuft schleppend. Bremst das neue Investitionen von Henkel in Wien?

Thumser: Ich sehe das ab 2009 kritisch. Die Autobahnverbindung von Wien nach Bratislava wird auch heuer nicht fertig. Und der Lobau-Tunnel soll erst 2014 beendet werden. Das ist für mich eine Drohung.

STANDARD: Um bei Waschmittel zu bleiben: In Österreich liegt die jährliche Pro-Kopf-Ausgabe im Schnitt bei 16 Euro. Im Osten sind es vier Euro. Lässt sich da überhaupt Geld verdienen?

Thumser: Es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Wir haben in fast allen den Break-even erreicht. Aber wir müssen dort hohe Qualität bieten, ohne die gleichen Preise wie im Westen zu erzielen. Ich hoffe, das ändert sich in fünf bis acht Jahren.

STANDARD: Henkel ist seit rund 20 Jahren im Osten aktiv. Wie kommen Sie mit der oft fehlenden Rechtssicherheit zurecht?

Thumser: Es muss keiner mehr Angst haben, dass wesentliche staatliche Strukturen kippen. Es gibt eine ziemliche Rechtssicherheit, was die Restitutionen und das Baurecht betrifft. Legistische Willkür ist ausgeschlossen. Nicht auszuschließen ist, dass man bei Behörden vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Man muss Wege finden, sein Ziel zu erreichen, ohne dem Druck nachzugeben.

STANDARD: Wie stark ist die regionale Konkurrenz?

Thumser: Nationale Anbieter, die sich konsolidieren, entwickeln sich in vielen Ländern enorm. Sie nehmen westliche Gepflogenheiten an, verfügen über moderne Vertriebsstrukturen. Es ist erstaunlich, wie schnell da manche lernen.

STANDARD: Henkel führt Marken wie Persil, Somat, Fa, Pattex. Lassen sich die so einfach auf andere Länder übertragen?

Thumser: Eine Marke ist leicht transferierbar, Konzepte nicht - im Osten gab es ja bis vor 15 Jahren keine Werbung. Es gibt daher auch keine Markenloyalität, die älter ist. Das Einkommen ist beschränkt. Wir sind daher dort, etwa mit Persil, mit anderen Konzepten vertreten. Beim Waschen gibt es technologische Unterschiede, Tragegewohnheiten sind andere. Es gibt auch große regionale Unterschiede und eine starke gesellschaftliche Dynamik. Wir sind gut beraten, nichts über einen Kamm zu scheren.

STANDARD: Welche Rolle spielen billige Handelsmarken?

Thumser: Die Konsumenten in Osteuropa haben anders als etwa in Deutschland eine starke Orientierung zu Marken. Im Zweifel werden sie gekauft.

STANDARD: Wo liegt das größte Wachstumspotenzial?

Thumser: Das Baltikum ist ein sensationeller Hotspot. Dort wurde alles weggeräumt, was an russisches Territorium erinnert. Auch die Ukraine wird unterschätzt. Wir wachsen dort jährlich bis zu 50 Prozent. Westliche Handelskonzerne konnten sich aber bis auf Rewe und Metro nicht festsetzen, das Markenartikelgeschäft ist noch Pionieren vorbehalten.

STANDARD: Es wird im Osten immer schwieriger, an gute Fachkräfte zu kommen.

Thumser: Erfahrenes Personal ist starker Fluktuation unterworfen. Wir versuchen, diese Effekte gering zu halten, investieren viel in Ausbildung. Das Einkommensdifferenzial, mit dem wir kämpfen, wo bewusst versucht wird, Leute rauszukaufen, ist aber sehr hoch. In Moskau und Petersburg ist es besonders schlimm. Niemand kann sich von den Ölplattformgehältern abkoppeln, die dort bezahlt werden. Wir hatten das auch in Prag und Warschau. Jetzt hat es sich dort zumindest etwas abgekühlt.

STANDARD: Wer wirbt um Ihre Leute?

Thumser: Bisher waren es westliche Firmen, zunehmend sind es einheimische Betriebe. Sie haben massiven Nachholbedarf, und den können sie am leichtesten kompensieren, indem sie Mitarbeiter westlicher Unternehmen teamweise einkaufen. Das ist vor allem in Russland extrem, Geld spielt da ja keine Rolle. Und es ist nicht so, dass wir in Moskau Schandlöhne bezahlen. Jeder Wiener würde sich über diese Gehälter freuen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.7.2007)

ZUR PERSON: Günter Thumser (51) studierte an der Wiener Wirtschaftsuniversität und trat 1978 in die Henkel-Gruppe ein. Seit 2005 ist er Präsident von Henkel Central Eastern Europe (CEE).
  • Günter Thumser, Präsident von Henkel CEE: "Jeder Wiener würde sich über diese Gehälter freuen."
    foto: standard/henkel cee

    Günter Thumser, Präsident von Henkel CEE: "Jeder Wiener würde sich über diese Gehälter freuen."

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