Baltikum: Die SS-Veteranen marschieren

31. Juli 2007, 16:15
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Ehemalige NS-Soldaten wollen als Freiheitskämpfer anerkannt werden - Abgleiten der Geschichtsaufarbeitung Richtung Verherrlichung der Wehrmacht

SS-Veteranen und Ex-Soldaten anderer Einheiten des Hitlerregimes haben am Wochenende in Estland und Lettland eine Würdigung ihrer historischen Rolle verlangt. Die Veteranen der 20. estnischen SS-Division wollen gesetzlich fixiert haben, dass die "Esten, die in deutscher Uniform gekämpft haben, für die Demokratie gekämpft haben". Hinter der Grenze finde sich noch immer ein "feindlicher Staat", meinten sie am Samstag im ostestnischen Volost Vaivara.

Verteidigungsminister Jaak Aawiksoo richtete eine Grußbotschaft an sie, in der er die Auffassung teilte, der Kampf estnischer Soldaten unter Adolf Hitler sei als zweiter Freiheitskampf - nach dem ersten 1918-1920 - zu sehen. Unter den bis zu 330 Versammelten befanden sich auch SS-Veteranen aus Österreich und Norwegen sowie Vertreter von Jugendverbänden.

Zeitgleiches Treffen in Riga

Beim zeitgleichen Veteranentreffen in der lettischen Hauptstadt Riga sind erstmals die SS-Veteranen gemeinsam mit den lettischen Ex-Partisanen ("Waldbrüder") aufmarschiert. Schließlich sei die Sowjetunion der gemeinsame Feind beider Verbände gewesen, erklärte der Vizepräsident der "Gesellschaft lettischer Nationalkämpfer", Leonid Rose. In Lettland schickte gar der neue Präsident Waldis Zatlers eine Grußbotschaft.

Mit dem Abgleiten der Geschichtsaufarbeitung Richtung Verherrlichung der Wehrmacht und der Waffen-SS haben Lettland und Estland nicht nur das Drittel der Russen im Land und Russland selbst, sondern auch den Westen brüskiert. Im jährlichen und 2005 erstmals offiziell erlaubten Aufmarsch der SS-Veteranen am 16. März (Jahrestag der Kämpfe zwischen Waffen-SS und Roter Armee) sieht Russland die Duldung bedenklicher Tendenzen.

Kriegsende

Über das Kriegsende herrschen große Auffassungsunterschiede zwischen dem Baltikum und Russland. War nämlich das Kriegsende 1945 für Westeuropa eine Befreiung, so folgte im Baltikum auf die faschistische die stalinistische Diktatur, unter der bis zu 20 Prozent der Bevölkerung vernichtet wurden.

Im April erst hatte die Verlegung eines sowjetischen Kriegerdenkmales aus dem Zentrum an den Rand der estnischen Hauptstadt Tallinn zu Verstimmungen mit Russland und zu Unruhen geführt. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Printausgabe 30.7.2007)

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