Pädagogische Misset(h)öne

29. Juli 2007, 18:47
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Wetten, dass in der ÖVP irgendwer irgendwann auf die Idee kommt, für den Besuch eines Gymnasiums Schulgeld zu verlangen

Wetten, dass in der ÖVP irgendwer irgendwann auf die Idee kommt, für den Besuch eines Gymnasiums Schulgeld zu verlangen? Muss den Eltern doch etwas wert sein, ein geschultes Kind. Und Bildung? Die gibt es halt nicht kostenlos. Wo kämen wir da hin.

Stufe eins hat jetzt der ÖVP-Generalsekretär Hans Missethon gezündet. Eine Aufnahmeprüfung in die AHS will er, der steirische "Reformer" aus Leoben.

Die schwache Begründung: um zu verhindern, dass Volksschüler in die (auf dem Land nicht so schlechte) Hauptschule kommen, würden die LehrerInnen viel zu gute Noten in die Zeugnisse schreiben.

Das heißt: Man macht die Lehrer indirekt für eine verfehlte Schulpolitik verantwortlich. Und baut neue Selektionshürden ein.

In Wirklichkeit sind jene Pädagogen, welche die Kinder vier Jahre durch die Grundschule begleiten, ausreichend legitimiert, um über die gymnasiale Reife der von ihnen Trainierten zu entscheiden.

Immerhin gibt es aus der Steiermark selbst Widerstand: Die zuständige Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder hat sich ja zu einer Verfechterin der differenzierten Gesamtschule durchgerungen und sagt daher konsequenterweise: "Wir brauchen keine Aufnahmeprüfung".

Womit natürlich ein weiterer Punkt in den pädagogischen Misset(h)önen der Bundespartei offenkundig wird: Man baut weitere Hindernisse auf, um die Gesamtschule zu verhindern. Und die Schulpolitik mit dem Ideologie-Staberl zu dirigieren.

Ideologie war die Schubkraft bei der Ablehnung der Ganztagsschule durch Schüssel/Gehrer. Dass sie in den Klöstern passieren darf, störte sie nicht. Bloß auf dem säkularen Sektor war man dagegen. Unausgesprochener Grund: zu viel roter Einfluss.

Ähnlich die Haltung bei der Gesamtschule. Man hatte und hat panische Angst vor dem "hessischen" Modell der 70er-Jahre, als mit der Gesamtschule auch "linke" Unterrichtspläne etabliert wurden. Also: Wehret den Anfängen. So als wäre der Ex-Juso Gusenbauer immer noch ein Sozialist.

Die ÖVP wird im Bildungsbereich immer mehr zur Retro-Partei, der zuzutrauen ist, dass sie für den Biologie-Unterricht offiziell auch den Schöpfungsglauben ("Kreationismus") als Unterrichts-prinzip einführen möchte. Denn das sind Fantasien, die so manches rabenschwarze Gehirn umtreiben.

Dass man zu den Musikschulen auch Seh- und Malschulen fügen könnte, um die musischen Begabungen zu unterstützen, kommt den Parteihengsten offenbar nicht in den Sinn. Dass man auch den Tanz (siehe die Begeisterung anlässlich der gerade laufenden ImpulsTanz-Veranstaltungen) in Österreich schon bei den Kindern forcieren könnte, ist Herrn Missethon auch noch nicht eingefallen. Er kann ja nicht an alles denken, der steirische Erz-Konservative.

Übrigens hat es in der Erz-Region rund um Leoben einmal einen richtigen Reformer gegeben. Erzherzog Johann, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der hätte die Hände zusammengeschlagen ob solcher Hinterwäldlerei. Aber man muss ja nicht in die Fußstapfen des progressiven Habsburgers treten. Man kann sich auch dessen Bruder Franz anschließen, der viele Reformen aus der josephinischen Zeit wieder rückgängig gemacht hat.

In dieser geistigen Landschaft hat sich die Bundes-ÖVP offenbar angesiedelt, wozu zwei weitere Begriffe passen: Biedermeier und Metternich. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 30. Juli 2007)

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