Kommt uns die Gegenwart abhanden?

25. Oktober 2007, 15:59
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Ketzerische Fragen an uns "Kinder des Fortschritts" auf der Suche nach der zeitgenössichen Identität in der Kunst - Auszüge aus der Eröffnungsrede von Intendant Jürgen Flimm

Die Gegenwart spiegeln, die Welt spiegeln – die Geschichten müssen nicht immer von heute sein, auch alte, neu gedacht, dienen solchem Zweck. Regisseur Hamlet benutzte für seine Rachegelüste eine wohl oft gespielte Tragödie, den Murder of Gonzaga. Er selbst war ja auch eine ziemlich alte Nummer, die Shakespeare für seine Globe-Truppe neu fasste.

Die Haydn’sche Armida, die morgen hier Premiere hat, ist Stoff des Tasso (aus Gerusalemme liberata) und hat schon vielen anderen Tonsetzern zum Anlass gedient. Aber es gab auch immer in reichlichem Maß Stücke "frisch aus der Pfanne" (wie es Goethe flapsig formulierte), wütende Attacken zorniger Zeitgenossen, leidvolle Bilder, wie Kabale und Liebe und Minna und Die Räuber, eine Reihe radikaler Zeitgenossen, die bis zu Bernhards Heldenplatz und weiter reicht. Unsere Spielpläne sind überfüllt von Ereignissen dieser alten Art, die auf frühe Texte und Musiken zurückgreifen. Solche Pläne hatte schon der Weimarer Intendant Goethe auf dem Zettel: Sophokles, Shakespeare, Racine, Molière, Goldoni, immerhin aber eben auch viele seiner später hochgerühmten Zeitgenossen wie Kleist, Schiller und noch nah: auch der kluge Lessing. Für seine Oper galt Gleiches: Gluck, Mozart, Beethoven, diese aber alle quasi Zeitgenossen, welch ein wichtiger Unterschied, der uns noch beschäftigen soll. (…)

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Lassen Sie uns einen kleinen Moment zurückblicken, ohne Zorn. Mozart, unser aller Liebling, hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass er heute zum ehernen Bestandteil dieser Interpretationsriten gehörte, mal so, mal so, mal hoch, mal tief. Samt Divertimenti und anderem Tagwerk. Auch unser anderer Heros, Bach, hatte seine Kantaten doch nur für den jeweiligen Sonntag geschrieben. Kunst also für den täglichen Verbrauch mit einem Verfallsdatum, schnell wie der Blitz.

Wir aber, Kinder des Fortschritts, sind anders geworden: Wir haben uns die Literatur ganzer Millennien verfügbar gemacht. Die Frage muss – als advocatus diaboli – gestellt werden: Ist das unendlicher Reichtum oder kurzatmige Schwäche, wenn wir in staubigen Folianten stöbern, in Bibliotheken durch die Jahrhunderte kriechen, alles ordnen, archivieren: Musik und Theater auf Knopfdruck. (…)

Noch eine weitere ketzerische Frage: Warum erfüllt uns die Welt des Barock, der Klassik, der Romantik mit mehr Wohlgefühl als bei Werken der zeitgenössischen Moderne? Warum haben wir so wenig Gegenwart, sind wir denn tatsächlich im 21. Jahrhundert angekommen? Da sind Zweifel angebracht, oder? (…)

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Wir wissen wohl, dass unsere Fähigkeit zu rezipieren von dem Phänomen der Erinnerung bestimmt ist. In dem Zusammenhang wird gerne darauf hingewiesen, dass das Ohr das allererste Organ ist, wir hören schon im Mutterleib, ehe wir schreiend in die blendende Welt geraten.

Zur Erinnerung gehört naturgemäß ein reicher Fundus an Gedanken und Gefühlen, die in einem riesenhaften Assoziationsgeflecht verankert sind. Und freilich ein tiefes, kollektives Gedächtnis für Errungenschaften der Tradition. Vielleicht ist ja dieser Speicher der Erinnerungen durch das letzte, gerade eben vergangene schreckliche Jahrhundert nachhaltig verletzt: Zweimal fiel die Welt übereinander her: Katastrophen, Auflösungen alter hegemonialer Bereiche, auch kultureller wohlgemerkt, Vertreibungen, Völkermord und Holocaust, unzählige regionale Auseinandersetzungen in aller Welt. Das ist das 20. Jahrhundert gewesen. Über allem steht in Flammenschrift: Tod und Zerstörung. Wie soll sich da wohl ein Speicher musikalischer Tradition bilden? Wie konnte also dieses Jahrhundert den Fortschritt bewahren? Die, die diese Fackel einstmals trugen, waren im Exil gestorben, verhungert, verbrannt, ausgelöscht. Die Überlegung, ob wir heute ein anderes Verhältnis zu zeitgenössischer Musik hätten, hätte es eine konsequente Entwicklung der musikalischen Parameter gegeben, ist wohl angebracht. Irgendwann einmal, wohl an der Wende des vorigen Jahrhunderts, hat eine Entwicklung eingesetzt, die unsere Ohren an bislang völlig Neues gewöhnte: Ich spreche von der Unterhaltungsmusik, von der Operette und deren Cousin, dem Musical, die beide ganz enorme Erfolge gefeiert hatten: willkommen, bienvenue, welcome! (…)

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Wer wollte ernsthaft in Zweifel ziehen, dass in den letzten 50 Jahren die leichte Kunst die hohe autonome als Schatten begleitete, wie ein schlechtes Gewissen derselben. Diese leichte Kunst ist allerdings, lehrt Adorno, kein Verrat am idealen Ausdruck. Die ernste Kunst habe sich stets denen verweigert, deren Druck des Daseins den Ernst zum Hohn machte. Das können wir uns alle hinter unsere Löffel schreiben.

Wer will wohl abstreiten, dass diese leichte Kunst längst aus dem Schatten getreten ist und eine neue und sehr gegenwärtige Kultur, eine vitale Kunstform, die sich ständig nach vorne bewegt, entwickelt hat, dass Texte und Musik von Bob Dylan, Paul Mc Cartney, Jonny Cash, Tom Waits, Lou Reed, Laurie Anderson und vielen anderen zur großen Poesie des 20. Jahrhunderts zu zählen sind! Warum ist uns eine Musik nah und eine andere immer noch so fern? (…)

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Was ist denn bloß passiert mit unserer Zeitgenossenschaft. Und dem Ausdruck unserer Gegenwart? Wie leicht geht dies doch in der Literatur, in der Poesie – sogar in der bildenden Kunst.

Ja, unsere Erinnerungszentren sind überfüllt, wir hatten eben zu viele Anfänge und zu wenige Verknüpfungen von Alt und Neu, vielleicht zu viel Theorie für den Kopf und zu wenig Klang für das Ohr.

Das zeitgenössische Drama hat freilich in den letzten Jahren einen großen Aufschwung genommen. Es gibt hunderte von Uraufführungen jedes Jahr im deutschsprachigen Raum. Die wenigsten werden nachgespielt, aber immerhin sucht ein Teil der Theaterkünste nach einer zeitgenössischen Identität. Der große Gründer Reinhardt würde heute sicher Autoren wie Jelinek, Turrini, Jonke, Handke, Röggla, Dinev – auch Strauß, Rinke, Richter, Schimmelpfennig, Loher, Mayenburg und Kollegen aus den deutschen Landen zu sich bitten.

Die Musik ist aber – wie wir in Wilhelm Meister lesen können – "vielleicht am eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden müsste. Sie ist ganz Form und Gehalt und veredelt alles, was sie ausdrückt". Das macht sie für uns Hörer so schwer fassbar, sie sucht gerade in den neuen Zeiten nach ihrem Ort und hat oft die Zuhörer verloren, die in anderen Arenen jubeln. Die autonome Musik dieser unserer Gegenwart verlor ihren Boden nicht nur an das flackernde U, sondern auch gegen viel Kommentargeplärre des Theaters, das aber auch Ausdruck unserer Gegenwart ist. Im Theater werden alte Stoffe in den Schraubstock gespannt, gepresst, gedehnt, gezerrt, geschnitten, geschüttelt. Das hat ursächlich mit einem Materialbegriff zu tun, der von Brecht bis Müller ein wesentlicher Ausdruck eines säkularisierten Kulturbegriffs war, der uns in ein hoffnungsloses, auch hässliches Tränental stößt. Und doch müssen wir in den alten Stoffen das suchen und retten, von dem Schönberg gesprochen hat: "Ich bin auch ein Konservativer, ich bewahrte den Fortschritt." Vielleicht auch die Hoffnung, verehrter Meister. Oder wenigstens ein Licht, von dem eben Armida sang. Ein Licht in der Nacht.

Warum sind viele von uns über Herheims Interpretation der "Entführung" so gekränkt; zugleich sollten wir uns doch darüber unterhalten, dass es heute keine – mir bekannte – Oper über dieses schreckliche Thema des kulturellen Gap gibt. Ein Thema, dessen sich der vorbildliche Daniel Barenboim mit solch leidenschaftlichem Herzen angenommen hat!

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Wir wissen ja: Das Neue hatte es immer schwer, das Bekannte gibt uns Schutz. (…) Selten sind wir wie heute von Altem so überflutet worden, wir müssen klug sein, dass uns die Gegenwart nicht abhanden kommt. Wir wissen, wie unerlässlich kreatives Denken, Schaffen heute für morgen sein muss. Die Uhr geht nach vorne. Unsere Zukunft – eben auch die ästhetische, das Abbild also – wird vom Heute gespeist. Sonst vergreisen wir und sitzen zahnlos in alten Sälen und muffeln vor uns hin. Wenn die alten Griechen so ängstlich mit Neuem gewesen wären wie wir, fragt ein römischer Philosoph, was hätten wir wohl heute an Altem?

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Klees berührendes Bild vom Angelus Novus hat Walter Benjamin unübertrefflich interpretiert: als den Engel der Geschichte, der sein Antlitz der Vergangenheit zugewandt hat: "Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm." – Das hängt eben zusammen: Gegenwart ist dieser so schier unwirkliche Schritt in unserem Dasein. Der saust dahin und vergeht wie sonst nichts. Nur so können wir überleben: heute, das ewig ist und morgen, das so vergänglich wird. Nur so werden wir erfahren, was unsere Welt im Innersten zusammenhält (…)

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Der geplagte Freischütz, unser Bruder Max, wird sich nun fürchten, dass der Himmel ihn verlassen habe. Kein Strahl dringt mehr durch die Nächte, hoffnungslos! Wir könnten auch auf die bewunderungswürdige Leonore hören, die den schönsten aller Sätze singt: "Komm, Hoffnung, laß den letzten Stern der Müden nicht erbleichen … " (Jürgen Flimm/ DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.07.2007)

  • "Aber ein Sturm weht vom Paradiese her ..." –  Walter Benjamins Interpretation des Angelus  Novus von Paul Klee als geschichtsphilosophische Orientierungshilfe.
    foto: wbenjamin.org

    "Aber ein Sturm weht vom Paradiese her ..." – Walter Benjamins Interpretation des Angelus Novus von Paul Klee als geschichtsphilosophische Orientierungshilfe.

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