Zahlenspiele vor der Herbstrunde

10. September 2007, 14:17
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Alois Guger, Einkommensexperte des Wifo, tritt angesichts stagnierender Lohnquoten für die Rückkehr zur produktivitätsorientierten Lohnpolitik ein

Wien – "Das Hauptproblem ist, dass er eine genaue Zahl genannt hat. Eine Zahl darf man nur nennen, wenn sie weit weg ist." Alois Guger, Einkommensexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo hält Sozialminister Erwin Buchingers Forderung nach vier Prozent Lohnerhöhung wohl für keinen Beinbruch, aber auch nicht für besonders hilfreich. "Einen Dreier kann man wahrscheinlich sagen", meint Guger mit Blick auf die gute Konjunkturentwicklung, die auch 2008 anhalten sollte. "Wir versuchen grundsätzlich, Prozentsätze zu vermeiden, denn dadurch hat die eine Seite den Druck, drunter zu bleiben und die andere unbedingt drüber kommen." Das erschwere Verhandlungen und erhöhe nur den Druck, das zeigte Deutschland, wo die Metaller Warnstreiks durchführten.

"Benya-Formel"

Auch wenn die österreichischen Tarifpartner traditionell keine Zahlen nennen: Die Juni-Prognose des Wifo gibt die Bandbreite für die am 28. September startende Herbstlohnrunde der 180.000 Metaller und Industrieangestellten in Zahlen vor: Der gesamtwirtschaftliche Produktivitätszuwachs wird mit 1,6 Prozent prognostiziert und die Inflationsrate mit 1,8 Prozent – ergibt nach der traditionellen "Benya-Formel" 3,6 Prozent, die dem Vierer vor dem Komma näher sind als dem Dreier (siehe Grafik). "Eigentlich", wendet Guger ein, "müsste man auch die Änderung in den Außenhandelspreisen berücksichtigen." Stark steigende Importpreise für Öl etwa würden drei Zehntelprozentpunkte kosten, denen wiederum steigende Exportpreise gegenzurechnen seien.

Auf diese Rechnungen würden sich wohl die Arbeitgeber, nicht aber die Arbeitnehmer einlassen. Was das Wifo bei den kommenden Verhandlungen für wichtig hält: Dass die Lohnpolitik nach Jahren der Zurückhaltung wegen hoher Arbeitslosigkeit wieder stärker produktivitätsorientiert ausgerichtet und dadurch die Massenkaufkraft gestärkt wird. Es sei volkswirtschaftlich wichtig, dass die unteren Einkommen nicht mehr stagnierten, wie das seit Jahren der Fall sei.

Dass bei einem höheren Lohnabschluss mehr gespart statt konsumiert werde, fürchtet Guger nicht, wenn die höheren Ist-Gehälter weniger stark angehoben würden als die niedrigeren. Dieser Ausgleich sei enorm wichtig.

Kaufkraft stärken

Den von einigen Industriellen geforderten Ersatz der Kollektivvertragsverhandlungen durch automatische Inflationsanpassung und innerbetriebliche Gewinnverteilung hält Guger wohl für betriebswirtschaftlich, nicht aber für volkswirtschaftlich sinnvoll. Das käme in der Praxis einer Lohnsubvention gleich. Ein Betrieb, der schlecht wirtschafte, würde dabei aber die Arbeit billiger bekommen. "Dann stellt sich die Frage, warum liefern wir ihm nicht auch das Öl billiger, oder den Strom, weil er ein schwacher Betrieb ist?" fragt Guger. Das sei nicht klug, denn erstens solle es für gleiche Arbeit gleiche Bezahlung geben, schließlich sei Lohnpolitik auch Strukturpolitik, und zweitens wäre es der Produktivität abträglich, was langfristig Wettbewerbsfähigkeit kosten würde.

Von Investivlohn oder einer Kapitalbeteiligung für Arbeitnehmer statt höherer KV-Erhöhungen rät Guger dringend ab. Das würde die hohe Liquidität im Markt noch weiter erhöhen und gleichzeitig den Haushalten weitere Kaufkraft entziehen. Das Gegenteil sei notwendig, nämlich Kaufkraft zuführen. Nachhaltige, produktivitätsorientierte Lohnpolitik heiße auch, dass flexible Gewinnanteile zusätzlich gezahlt würden. Damit könne man die Konjunktur "vielleicht sogar verlängern". (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.7.2007)

  • Wifo-Experte Alois Guger: Kaufkraft wichtig für Konjunktur.
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    Wifo-Experte Alois Guger: Kaufkraft wichtig für Konjunktur.

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