Gejagte Opernbilder

27. Juli 2007, 19:03
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Es geht Schlag auf Schlag: Nach "Armida" am Samstag folgt bei den Salzburger Festspielen am Sonntag mit "Eugen Onegin" gleich die zweite Opernpremiere

Der ORF überträgt live und vertraut wieder auf die Künste von Brian Large. Ein Gespräch mit dem TV-Regisseur.

Salzburg – "Es ist noch ‚work in progress‘", so TV-Regisseur Brian Large nach der vierstündigen Hauptprobe zu Peter Iljitsch Tschaikowskys Eugen Onegin, der heuer erstmals in Salzburg zu sehen ist. Schließlich hat sich das letzte Bild der "Lyrischen Szenen in drei Aufzügen" seit der letzten Probe entscheidend verändert.

Regisseurin Andrea Breth hat den endgültigen Abschied zwischen Tatjana und Onegin aus einer Winterlandschaft doch in das Raum-Karussell verlegt, das dem Zuschauer die gesellschaftlichen und seelischen Windungen des Werkes vor Augen führt.

Der erfahrene Large wird auch heuer wieder dafür sorgen, dass sich am Sonntag nicht nur für das Premierenpublikum im Großen Festspielhaus der Vorhang hebt, sondern auch Opernfreunde am Fernsehbildschirm das Ereignis in allen Nuancen live miterleben können.

974 Einstellungen von 10 Kameras hat der Brite in seinem Regieplan notiert. "Bis jetzt", sagt er schmunzelnd. "Ich werde noch einiges umarbeiten und korrigieren."

Er weiß, wovon er spricht. Bei der Übertragung von Mozarts Figaros Hochzeit im vergangenen Jahr benötigte er letztlich über 1600 Einstellungen. Aber Vergleiche winkt der TV-Regisseur ab. "Jedes Werk hat seinen eigenen Charakter, diktiert seinen eigenen Stil. Eugen Onegin ist eine wenig ‚opernhafte‘ Oper. Da gilt es, Momente der Stille genauso zu vermitteln wie die sich steigernde Wildheit und Verrücktheit. Es kommt darauf an, die subtilen Stimmungen und Atmosphären zu transportieren."

Die musikalische Dramaturgie gibt für Large stets den Ton an – und das Tempo. "Eine lange lyrische Linie versuche ich auch mit einem großen visuellen Bogen zu unterstreichen. Wenn sich im letzten Akt die Verrücktheit auf der Bühne und in der Musik steigert, ziehe ich auch das Tempo der Schnittfolge an."

Zwischen Plan und Umsetzung hatte Large bisweilen manch reflektierendes Hindernis aus dem Weg zu räumen. "In der Briefszene, bei der Tatjana in ihrem gläsernen Zimmer steht, bekam ich zu viele Spiegelungen von Daniel Barenboim und den Musikern ins Bild. Genauso bei den drehenden Wänden beim Fest im Haus des Fürsten Gremin. Wir mussten die Kameras um zwei Meter senken, um alles ins rechte Bild zu rücken."

Auch die Lichtverhältnisse – Andrea Breth betont die Düsternis des Gesellschaftspanoramas – stellten Large vor knifflige Aufgaben. "Die Dunkelheit einzuarbeiten war schwierig, aber nicht unmöglich", sagt er lächelnd. Das Ergebnis: "Ein ‚film noir‘, dunkel und schwer."

Video-Dokument

Trotzdem wird das Nebeneinander von Bühnen- und Fernsehproduktion jedem Zuschauer gerecht, sagt Large: "Es gibt ganz klar die Bühnenversion. Dazu gibt es etwas, was ich Video-Dokumentation nennen möchte. Sie entwickelt ein eigenes Leben und ermöglicht eine ganz spezielle zusätzliche Perspektive. Wenn man in der Oper sitzt, ist jeder sein eigener Regisseur. Niemand sieht immer nur die Totale. Im Fernsehen bin einfach ich derjenige, der über den Blick entscheidet."

Interessante Einblicke bieten auch die beiden Pausen. Zwei weitere Kameras begleiten zu Künstlerinterviews und hinter die Kulisse. Außerdem begibt sich der ORF auf die Spuren von Puschkin und Tschaikowsky. Die Reise beginnt in Tschaikowskys Haus in Klin, 80 Kilometer nördlich von Moskau, und beleuchtet die Beziehungen zwischen dem Leben der beiden Künstler, ihrem jeweiligen Eugen Onegin und Andrea Breths Inszenierung. Überraschungen inbegriffen.

Auffallend an der Salzburger Produktion ist die Besetzungsliste. Eine Anna Netrebko, die letztes Jahr 547.000 Zuseher an den Bildschirm brachte, fehlt bei dieser zweiten Opernpremiere des Sommers heuer. Brian Large: "Es ist eine Produktion ohne große Namen – sieht man von Ferruccio Furlanetto als Fürst Gremin ab."

Neuer Star

Vor allem bei Anna Samuil, der neuen Tatjana, könnte sich das allerdings bald ändern, ist Large überzeugt. "Sie ist nicht nur eine großartige Sängerin, sondern auch eine wunderbare Musikerin, von einer Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit, die unter die Haut geht. Warten wir ab, ob dieser Name am Montag nicht doch vielen ein Begriff ist." (Petra Haiderer/ DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.07.2007)

"Eugen Onegin"
Sonntag, ORF 2, 20.15
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Romantischer Operntumult - inszeniert von Andrea Breth und dirigiert von Daniel Barenboim: Ekaterina Gubanova (als Olga) und Joseph Kaiser (als Lenski.)

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