Lehren aus der Asienkrise

25. Oktober 2007, 16:04
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Könnte sich eine Krise wie im Juli 1997 wiederholen? Droht eine weitere Krise? - Von Joseph E. Stiglitz

Die Finanzkrise in Ostasien jährt sich zum zehnten Mal. Im Juli 1997 fiel der thailändische Baht steil ab. Kurz darauf breitete sich die Finanzpanik bis nach Indonesien und Korea aus, dann nach Malaysia. In kaum über einem Jahr wurde aus der Asienkrise eine globale Finanzkrise, die den russischen Rubel und den brasilianischen Real abstürzen ließ.

Welche Lektionen gab es, und hat die Welt sie gelernt? Könnte sich eine solche Krise wiederholen? Droht eine weitere Krise?

Es bestehen einige Ähnlichkeiten zwischen der Situation damals und heute: Vor der Krise von 1997 war eine rasche Zunahme der Kapitalbewegungen aus Industrieländern in Entwicklungsländer zu verzeichnen – eine Versechsfachung in sechs Jahren. Danach stagnierten die Kapitalflüsse in die Entwicklungsländer.

Vor der Krise meinten einige, dass die Risikoprämien für Entwicklungsländer irrational niedrig waren. Diese Beobachter sollten Recht behalten: Merkmal der Krise waren in die Höhe schnellende Risikoprämien. Das heutige globale Übermaß an Liquidität hat wieder zu vergleichsweise niedrigen Risikoprämien und einer erneuten Zunahme der Kapitalbewegungen geführt, trotz allgemeiner Übereinstimmung, dass enorme Risiken auf die Welt zukommen (einschließlich der Risiken durch eine Rückkehr der Risikoprämien auf ein normaleres Niveau).

Schon 1997 schoben der IWF und das Finanzministerium der Vereinigten Staaten die Krise auf mangelnde Transparenz in den Finanzmärkten. Doch als die Entwicklungsländer mit dem Finger auf geheime Bankkonten und Hedgefonds zeigten, schwand die Begeisterung des IWF und der USA für mehr Transparenz. Seitdem ist die Bedeutung von Hedgefonds gestiegen, und geheime Bankkonten florieren.

Es gibt auch Unterschiede

Doch gibt es einige große Unterschiede zwischen damals und heute. Die meisten Entwicklungsländer haben massive Devisenrücklagen angehäuft. Was Ländern wie ihnen sonst geschehen kann, haben sie auf die harte Tour gelernt, als der IWF und das US-Finanzministerium einmarschierten, ihnen die wirtschaftliche Souveränität nahmen und Verfahrensweisen verlangten, um die Rückzahlungen an die westlichen Kreditgeber zu erhöhen, wodurch ihre Wirtschaften in tiefe Rezessionen und Depressionen gestürzt wurden.

Tatsächlich wurden die beiden wichtigsten Lektionen aus der Krise nicht aufgenommen. Die erste lautet, dass die Liberalisierung der Kapitalmärkte gefährlich ist. Es war kein Zufall, dass die einzigen beiden großen Entwicklungsländer, die von einer Krise verschont blieben, Indien und China waren. Beide hatten sich gegen eine Liberalisierung der Kapitalmärkte gesträubt.

Die zweite Lektion lautet, dass in einer stark integrierten Welt ein glaubwürdiges internationales Finanzinstitut gebraucht wird, um die "Verkehrsvorschriften" so zu entwerfen, dass die globale Stabilität gestärkt und das Wirtschaftswachstum in Entwicklungsländern gefördert wird. Da der IWF derart von den USA und Europa dominiert wird, wurde der Fonds lange Zeit als Interessenvertreter der internationalen Kreditgeber angesehen. Sein Versagen in der Krise von 1997 hat seine Glaubwürdigkeit weiter untergraben, und sein Versäumnis, etwas gegen die massive finanzielle Unausgewogenheit weltweit zu unternehmen, die derzeit die Hauptgefahr für die globale finanzielle Stabilität darstellt, hat seine Grenzen unterstrichen.

Reformen sind nach wie vor vonnöten. Vielleicht stehen wir nicht vor einer Wiederholung der globalen Finanzkrise von 1997, aber eines steht fest: Mängel im globalen Finanzsystem können immer noch teuer werden, sowohl für den globalen Wohlstand als auch für die Stabilität. (©Project Syndicate, 2007. Aus dem Englischen von Anke Püttmann, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.7.2007)

Zur Person
Joseph Stiglitz ist Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften.
  • Joseph E. Stiglitz
    foto: standard/fischer

    Joseph E. Stiglitz

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