Idylle einer gelebten Sozialutopie

27. Juli 2007, 17:23
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Der Hippie-Traum ist Geschichte und Mainstream geworden. Im zunehmend konservativen Klima ist Retro Konsumgut, argwöhnt Brigitte Marschall im Gespräch mit Tanja Traxler

Der Standard: Was assoziieren Sie mit dem „Summer of Love“?
Marschall: Sechzigerjahre, Happykultur, Hippiekultur.

Der Standard:  Wie viel ist heute noch davon übrig?
Marschall: Wenig. Damals war der Zusammenhang mit den gesellschaftspolitischen Verhältnissen sehr wichtig. Sehr stark hatte das zu tun mit _Vietnamkrieg, Friedensbewegung, Grünbewegung, gegen Establishment, gegen Kapitalismus, dieser Wunsch nach einer gelebten Sozialutopie.

Der Standard:  Können Sie dieses Utopiedenken heute noch erkennen?
Marschall: Da sehr vieles, was man damals gefordert hat, schon im Mainstream drinnen ist, hat sich das verwischt.

Der Standard: Wie erklären Sie sich, dass das sozialutopische Denken im zunehmend neoliberalen Klima abnimmt?
Marschall: Das Klima wird konservativer. Ich sehe einen Rückschritt zu konservativeren Werten, die für mich fast mit reaktionären Dingen in Verbindung stehen.

Der Standard: Woran liegt das?
Marschall: Ich habe dafür keine Erklärung, doch ein wichtiger Punkt ist – das fällt mir auch auf der Uni auf –, dass sich die Jungen wenig mit Politik beschäftigen. Es herrscht eine gewisse Politikverdrossenheit und ein Zurückgehen in Dinge, die nicht einer Ideologie oder kritischen Hinterfragens bedürfen. Es ist vielmehr ein Verharren in Selbstreflexion und geht nicht darüber hinaus.

Der Standard: Wie hängen konservativere Werte und Politikverdrossenheit zusammen?
Marschall: Um Inhalte geht es in der Politik schon lange nicht mehr. Die Bilder, die wir von ihr vermittelt bekommen, sind teilweise sehr konservativ.

Der Standard: Gibt es auch heute noch Vertreter einer Jugendkultur, die man als Hippies bezeichnen kann?
Marschall: Ich glaube, es gibt mehrere Jugendkulturen gleichzeitig. Es ist heute nicht mehr so, dass man sich nur zu einer bekennt, Clubbing-Kultur herrscht vor – man fühlt sich zu mehreren zugehörig.

Der Standard: Was heißt es in der heutigen Zeit, Hippie zu sein?
Marschall: Gelebte Sozialutopie. Es ist immer das Utopische dabei gewesen. Doch das kann immer nur für einen kurzen Zeitraum bestehen, dann muss die Utopie wieder durch eine andere abgelöst werden. Das, was damals gewesen ist, ist ja jetzt nur Wiederholung, nur Retro. Es kann heute diese Hippies nicht mehr geben. Vieles heute ist nur Zitat, ein Rückblick und eher ein bisschen Romantik und Idylle „Ach wie schön ist diese Hippie-Bewegung doch gewesen“.

Der Standard: Sehen Sie andere Utopien statt der damaligen?
Marschall: Es gibt viele andere Werte. Heute sind Arbeit und Umweltschutz wichtige Faktoren – aber nicht auszusteigen und etwas gegen das System zu machen.

Der Standard: Hippie- und Retro-Look sind präsenter denn je, woran liegt das, dass sich Jugendliche so geben, auch wenn die ursprünglichen Werte nicht mitgetragen werden?
Marschall: Weil es Geschichte ist. Alles, was einmal Geschichte ist, kommt irgendwann in die Mode, kommt in den Film, kommt in die Ästhetik. Die, die das tragen, sind die später Geborenen, die sich erinnern. Dieser Blick hat immer etwas Romantisches.

Der Standard: Hat dieser Kleidungsstil mitunter nur modische Gründe?
Marschall: Ja, das sind Accessoires geworden. Und sie wurden stark vereinnahmt, sind zum Konsumgut geworden. Das hat man gesehen bei Prada-T-Shirts mit Che Guevara oder Baader Meinhof.

Der Standard: Wie sehen Sie diese Vermarktung?
Marschall: Sehr negativ, weil es mit dem Ursprünglichen konträr im Widerspruch steht. Es ist angepasst und Mainstream geworden. Und das ist ein wesentlicher Grund, warum es nicht mehr funktioniert. (Der Standard, Printausgabe 28./29.7.2007)

  • Zur Person:
Brigitte Marschall ist Profes_sorin für Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Sub- und Gegenwartskulturen.
    foto: andy urban

    Zur Person:
    Brigitte Marschall ist Profes_sorin für Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Sub- und Gegenwartskulturen.

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