Das neue Gold

28. Juli 2007, 15:00
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Wasser als Ware ist zurück auf der globalen Wirtschaftsbühne und damit die Diskussion um die Privatisierung der Wasserversorgung

Die Sätze könnten aus einem Spendenaufruf stammen: "Bereits heute leben 1,1 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser. Mehr als drei Millionen Kinder sterben jährlich weltweit an durch Wasser übertragene Krankheiten. Im Jahr 1995 litten über 430 Millionen Menschen in 29 Ländern an Wasserknappheit. Bis 2025 werden 48 Länder und mehr als 1,4 Milliarden Menschen betroffen sein, 2035 sogar drei Milliarden. Eine Entwicklung, die sich auch in Industrieländern fortsetzen wird." Doch es folgt kein Aufruf zu spenden, sondern eine Investitionsempfehlung für Wasser – und die Analyse stammt nicht von der Caritas, sondern vom Finanzportal Wallstreet Online.

Wasserfonds boomen: 2000 brachte die Schweizer Privatbank Pictet den ersten auf den Markt, vor einem Jahr lagen schon 2,3 Milliarden Dollar in Wasserfonds, mit Juni 2007 sind es bereits 6,5 Milliarden Dollar, die in Wasserversorgung veranlagt werden wollen und durchschnittlich 25,6 Prozent Rendite pro Jahr erwirtschaften. "Auf Öl oder Gold kann man leichter verzichten als auf Wasser – Wasser ist daher ein Anlagethema mit Zukunft", meint Hans-Peter Portner, Manager des Pictet-Wasserfonds, nüchtern.

Wasser als Ware ist zurück auf der globalen Wirtschaftsbühne und damit die Diskussion über die Privatisierung von Wasserversorgung und -quellen. Derzeit werden nur fünf bis neun Prozent der Menschheit von privaten Anbietern versorgt, in die man auch investieren kann. Geht es nach den Fondsmanagern und den globalen Wasserkonzernen, soll sich dieser Anteil in den nächsten Jahren vervielfachen.

Privatisierung als Ausweg

Wasser ist überlebensnotwendig, die Versorgung über Leitungen ein natürliches Monopol, das keine Konkurrenz erlaubt: nicht die besten Voraussetzungen für den freien Markt. Trotzdem riefen in den 1990ern Weltbank und EU-Kommission die Privatisierung als Allheilmittel gegen mangelnde Versorgung und Qualität aus. Auf der Wasserkonferenz der Weltbank 1992 in Dublin startete der Weltbank-Wasser-Chef Ismael Serageldin eine folgenreiche Privatisierungsoffensive: Wer künftig Kredite von der Weltbank und vom IWF brauchte, musste mit der Auflage rechnen, seine Wasserversorgung zu privatisieren.

Modelle waren kaum vorhanden – in den Industrieländern ist die Wasserversorgung nur in Frankreich großteils privat. Großbritannien folgte 1989 mit der Totalprivatisierung des Wassernetzes, andere Länder schlossen sich zögerlich an. Doch in Entwicklungsländern wurde mithilfe von Weltbank-Krediten und Entwicklungshilfegeldern ein Wasserversorger nach dem anderen privatisiert und an Konzerne aus den ehemaligen Kolonialstaaten vergeben.

Gewinner waren die europäischen Player: Nur zwanzig Konzerne teilen sich den globalen Wasserversorgungs-Markt, die sieben größten kommen aus der EU. Allein die französischen Traditionskonzerne Suez und Veolia kontrollieren mehr als die Hälfte des globalen Marktes. Zur Nummer drei stieg mit dem Kauf der britischen Thames Water der deutsche Konzern RWE auf. Wasser galt als das blaue Gold.

Lobbying

Die Wasserkonzerne treiben die Privatisierungswelle mit intensivem Lobbying voran: So ist Etienne Davignon, der Berater in Wasserfragen des EU-Entwicklungskommissars Louis Michel, zugleich ein Direktor von Suez. Die Konzerne sind durch Partnerschaften und Sponsoringprogramme fest in Unesco und Weltbank verankert und eröffneten 2005 als "Verband der privaten Wasseranbieter" an prominenter Adresse eine eigene Lobbying-Agentur für die Privatisierung von Wasser in Europa: Aquafed residiert in Brüssel an der Place Schuman, genau gegenüber der EU-Kommission. Diese handelt durchaus im Interesse der Konzerne. In Europa selbst ist Wasserprivatisierung zwar ein unbeliebtes Thema, doch im Rahmen der (derzeit auf Eis liegenden) Dienstleistungsverhandlungen GATS in der Welthandelsorganisation fordert sie von mehr als 70 Ländern die Privatisierung der Wasserversorgung, darunter 14 der ärmsten Länder der Welt und die Schweiz.

Doch die Privatisierungen der vergangenen Jahre stellten sich als Fiasko heraus – sowohl für die Empfänger, die mit höheren Preisen und sinkender Qualität zu kämpfen hatten, als auch für die Konzerne, deren Gewinnerwartungen sich in armen Ländern nicht erfüllen ließen – trotz Verträge auf 20 bis zu 95 Jahren mit fixen Renditen.

Die Liste der Misserfolge ist lang:

  • 1999 verkaufte Berlin 49 Prozent der Wasserversorgung an Veolia und RWE. Die Wasserpreise sind die höchsten Europas, es wird ein Volksbegehren vorbereitet.

  • In Bolivien mussten der US-Konzern Bechtel die Wasserversorgung 2000 der Stadt Cochabamba nach tagelangen Straßenkämpfen wegen erhöhter Preise zurückgeben.

  • Atlanta reverstaatlichte sein Wassernetz, weil die Versorgung durch den Konzern Suez teurer und schlechter war als die kommunale.

  • In Kolumbien kaufte sich die Stadt Bogotá kürzlich mit 80 Millionen Dollar aus einem Vertrag mit Suez frei: Das kam billiger als die zehnfach überhöhten Preise des Konzerns.

  • In Buenos Aires tätigte Suez seit 1993 nur die Hälfte der vereinbarten Investitionen, Argentinien stieg aus dem Vertrag aus. Im April 2007 zog Suez die Schadensersatzklage zurück.

  • In Manila stoppten Suez und Bechtel wegen Finanzproblemen die Lizenzzahlungen, 2006 wurde die Wasserversorgung zu 85 Prozent vom Staat zurückgekauft.

  • In Gabon führten Wassersperren durch Veolia zum ersten Ausbruch von Typhus in der Geschichte des Landes, in Südafrika wurden bei Aufständen wegen Wasser-Preiserhöhungen und Sperren 15 Menschen erschossen.

    Die Erwartungen von Weltbank und UNO, dass der private Sektor die Armen mit Wasser versorgen könnte, erfüllten sich nicht: In den vergangenen acht Jahren schloss der private Sektor nur 600.000 Menschen in Entwicklungsländern an das Wassernetz an, fast ausschließlich in Städten. Ein Tropfen auf den heißen Stein: Bis 2015 müssten 550 Millionen folgen, um das Ziel der UNO zu erreichen, die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser zu halbieren.

    In die Bresche springen nun andere Konzerne: Der Markt für Wasser in Flaschen explodiert, Weltmarktführer Nestlé Water trägt zum Konzerngewinn des größten Lebensmittelkonzerns der Welt bereits zehn Prozent bei. Die größten Steigerungsraten sind in Entwicklungsländern zu verzeichnen, wo die Versorgung über Leitungen nicht funktioniert: Unter den zehn größten Abnehmern von Wasser in Flaschen sind Indien, China, Mexiko und Brasilien.

    Marktbereinigung

    Die Misserfolge der Privatisierung führten ab 2003 zu einer Bereinigung unter den Konzernen: Außer Veolia und zwei spanischen Konzernen ziehen sich seit 2003 die Großen aus dem Geschäft mit dem Durst des Südens zurück. RWE, die globale Nummer drei, verkaufte 2006 Thames Water an den Finanzinvestor Macqarie. Suez bündelt derzeit seine Auslandsagenden in einer Tochtergesellschaft, um sie problemloser loszuwerden. Der Energiekonzern Eon verkaufte wiederum seine Tochter Gelsenwasser an die Kommunen Dortmund und Bochum.

    Doch Käufer für Wasserversorger sind derzeit nicht leicht zu finden – außer auf den Finanzmärkten. So wandern immer mehr Wasserversorger in die Hände von Private-Equity-Firmen, Banken und Fonds. Fünf der zehn größten Wasserversorger in Großbritannien sind an der Börse, und auch Österreich hat nun einen Privatisierungsfall auf den Finanzmärkten: 40 Prozent der Energie-AG Oberösterreich, die auch für Wasserversorgung zuständig ist, sollen nach Landtagsbeschluss (vom 4. Juli 2007) ab 2008 frei gehandelt werden.

    Die Folgen einer Übernahme durch Private Equity bekamen die Kunden des drittgrößten Wasserkonzerns in Frankreich, SAUR, zu spüren. SAUR kontrolliert 13 Prozent des französischen Marktes und wurde 2004 vom Private-Equity-Unternehmen PAI übernommen. Der neue Eigentümer setzte schnell Personalkürzungen durch, erhöhte die Preise und verzichtete auf Wartungsarbeiten am Leitungsnetz, was die Rendite erhöhte, aber Proteste von Konsumenten nach sich zog. Im April 2007 schritt der Staat ein und kaufte SAUR zurück. Für PAI ein gutes Geschäft: Sie hatten SAUR 2004 um eine Milliarde Euro gekauft. Die staatliche Bank zahlte drei Jahre später 2,7 Milliarden.

    Im Sog des Finanzkapitals, das aus Angst vor einer Finanzkrise auf solide Investments wie Wasser und Boden setzt, haben nun die Wasserkonzerne wieder Aufwind. An Entwicklungsländern will man sich die Finger nicht mehr verbrennen. Derzeit sind Schwellenländer Hoffnungsmärkte: China will bis 2010 die Wasserversorgung in 100 Städten privatisieren, und Saudi-Arabien schreibt derzeit die Versorgung von Rijad aus und plant die Privatisierung von mehr als der Hälfte des Wassernetzes.

    Das Match ist offen

    Das große Geschäft wird aber in Industrieländern gewittert. In Österreich ist der Mehrheitseinstieg des Wasserriesen Veolia bei den Klagenfurter Stadtwerken ein erstes Zeichen für den Umschwung, der Milliardengewinne verspricht. Allein in den USA stehen laut Environmental Protection Agency in den nächsten zwölf Jahren Investitionen von 100 Mrd. Dollar an, in Europa stammen die Wasserleitungen zum Teil aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

    Ob die Investitionsgelder an Private fließen oder von Kommunen verwaltet werden, ist derzeit Gegenstand eines intensiven Lobbying-Wettstreites: Auf der einen Seite stehen die Konzerne und Fonds mit Milliarden-Volumina und großen Lobbying-Agenturen, auf der anderen eine zunehmend global organisierte Koalition aus Konsumenten, Organisationen wie Attac und Gewerkschaften, die das Menschenrecht auf Wasser einfordern und die Versorgung in öffentlicher, demokratisch kontrollierter Hand sehen wollen. Das Match um den globalen Wassermarkt ist wieder eröffnet – der Ausgang offen. (Corinna Milborn, DER STANDARD, Album, 28./29.7.2007)

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      Misserfolge der Privatisierung: Mehr als drei Millionen Kinder sterben jährlich weltweit an durch Wasser übertragene Krankheiten.

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