Langer Frühling, kurzer Sommer

28. Juli 2007, 11:19
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Das Lebensgefühl der Jungen an der Westküste hatte seine Wurzeln in den Fünfzigerjahren. Sein Ende fiel mit dem Beginn der Neuen Rechten zusammen

Als der kalifornische Summer of Love verkündet wurde, waren seine Tage schon gezählt. Wie viele es waren, dar_über stritten schon die Zeitgenossen. Ging es für die neu Zugereisten erst richtig los, als Medien wie das Time Magazine die Hippies im Juli 1967 zum Titelthema machten, war es für die Pioniere bereits gelaufen, als im April die ersten Busse einer „Hippie Hop Tour“ durch die Haight-Ashbury-Gegend von San Francisco kurvten. Der Frühling war jedenfalls lang gewesen, der Sommer sollte schnell zuende gehen. Und er war bestimmt nicht nur von Liebe erfüllt.

Die Sonne hatte Pate gestanden, als im Kalifornien der Fünfziger kaum wahrnehmbare Teile der Gesellschaft sich abspalteten. Die angenehme Wärme in der Bucht von San Francisco, mehr noch im Süden, wo es nie regnet, die Hitze, die landeinwärts tödlich wird und Ungeheuer gebiert: Das Leben war billig, die Sehnsucht nach einem anderen Amerika als dem selbstzufriedenen der Eisenhower-Ära wuchs. Sie kristallisierte in Gruppen und versprengten Individuen, die in der Literatur, im Unterwegssein, in sexuellen Experimenten nach Sinn suchten – und im Jazz: Hip und Beat waren Ausdrücke aus dieser Musikwelt, die man sich merken würde.

Die Beatniks, die sich ihrerseits auf Wurzeln von Thoreau bis Buddha beriefen, bereiteten den Boden. Er war fruchtbar, als 1964 die Bewegung für freie Rede in Berkeley und auf anderen Unis zur radikalen studentischen Alternative anwuchs.

Eine Zeit lang sah es so aus, als könnten die damals unter 25-Jährigen (sie machten fast die Hälfte der gesamten US-Bevölkerung aus!) bzw. die politischen und alternativen Strömungen unter ihnen zu einer gesellschaftlichen Kraft amalgamieren. Aber die Spannungen zwischen Studentenrechtlern, Black Panthers, Beat-Literaten und Drogenreisenden waren zu groß. Im Electric Kool-Aid Acid Test hielt Tom Wolfe meisterhaft und zynisch den Zerfall in Stämme fest, die keine gemeinsame Sprache mehr hatten.

Was blieb, war ein Gefühl dafür, an etwas Großem teilzunehmen, in welcher Form auch immer. Wer dem Rat Timothy Learys, des Handlungsreisenden in Sachen Drogen und Ex-Harvard-Dozenten, folgte, der ließ die bürgerliche Laufbahn bleiben und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt, am besten mithilfe von Musik und bewusstseinsverändernden Mitteln aller Art. Die stärkste Droge diesseits schwerer Suchtmittel war LSD. Ihr Verbot im Herbst 1966 markierte eine Wende. Psychedelika wurden nun illegal produziert, der Markt wurde mafiös.

Denkmäler und ein Grab

Doch auch ohne diese Wende hätte die Jugendkultur an der Westküste die Entwicklung 1967 nicht überlebt. Diese begann zu Silvester mit einem „Human Be-In“. Sie setzte sich fort mit selbst verwalteten Hippie-Zentren, die immer mehr zu Interventions- und Intensivstationen gerieten. Sie explodierte musikalisch im Juni mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Beatles und dem furiosen Monterey Pop Festival. Sie schuf sich mit ihren Auftritten und Konzerten, mit ihrer Postille S. F. Oracle Denkmäler – und ein Grab.

Denn als die Mainstream-Medien von Flower-Power Wind bekamen und den Trek der 100.000 an die Küste zugleich dokumentierten und verstärkten, da war die friedlich geplante Infrastruktur bereits kaputt. Im Oktober 1967 wurde „Der Tod des Hippie, des ergebenen Sohnes der Massenmedien“ mit einem Umzug betrauert.

Die Wirklichkeit holte den Sommer der Liebe ein. Die Zahl der US-Truppen in Vietnam wuchs 1967 auf 500.000 an. Ronald Reagan wurde mit dem Versprechen Gouverneur von Kalifornien, die Kommunisten in Berkeley zu bekämpfen. Der lange Marsch der Rechten zur Macht begann. Den kommenden 2. September hat der Bürgermeister von San Francisco zum „Summer of Love 40th Anniversary Day“ deklariert. Am Tag danach, am Labor Day, wird der US-Sommer wie immer zuende gehen. (Michael Freund, Der Standard, Printausgabe 28./29.7.2007)

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    Der Fünfmeilenmarsch für Frieden in Vietnam, der 1967 in San Francisco abgehalten wurde.

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