Reputationsverfall

28. Juli 2007, 17:00
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An der Spitze von Unternehmen und Verbänden geht es nicht immer mit rechten Dingen zu. Wird die Zerstörung des guten Rufes zur Normalität?

Der Bawag-Prozess ist endlich am Laufen. Doch trotz dramatischer Eröffnungsplädoyers scheint man sich irgendwie daran gewöhnt zu haben, dass es an der Spitze von Unternehmen und Verbänden nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Dieser Gewöhnungseffekt verwundert nicht, schaut man sich die lange Liste der Skandale an, die es auch außerhalb von Österreich gibt: von Enron und ihrer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen über den Chef der Deutschen Bank, der sich für 3,2 Millionen Euro quasi aus seinem Prozess freikaufen konnte, bis hin zu Siemens und anderen Unternehmen mit Reputationsverfall.

Unter Reputation versteht man das in der Öffentlichkeit wahrgenommene Ansehen von Unternehmen, also eine Kombination aus „ehrlich“, „verlässlich“ und „verantwortungsvoll“. Diese Reputation befindet sich bei den meisten Unternehmen im freien Fall. Dadurch ergibt sich eine interessante Frage für die Arbeitswelt der Zukunft: Was passiert, wenn niemand mehr der Spitze der Unternehmen wirklich traut?

Gerade Führungsnachwuchskräfte geben auf diese Frage erstaunliche Antworten, wie jüngst ein High Potential einer bekannten Hochschule: „Natürlich weiß ich, was Leute wie Ackermann machen – das stört mich aber nicht. Auch ich will zwölf Millionen Euro im Jahr verdienen.“ Die klare Botschaft: Die Reputation spielt keine Rolle mehr, wenn man davon ausgeht, dass sowieso alle Unternehmen unehrlich sind und man selber davon profitieren kann.

So paradox das klingt – gerade darin liegt eine Chance für unsere zukünftige Arbeitswelt: Ist der allgemeine Ruf erst ruiniert, können Unternehmen anfangen, ehrlicher zu kommunizieren. Denn den schönen Prospekten glaubt sowieso niemand mehr. Die Produzenten von Hochglanzbroschüren und Sonntagsreden können sich dann ihre reflexartigen Lügen verkneifen, wonach der Mensch im Mittelpunkt steht, wonach jeder einzelne zählt und wonach edle Motive das unternehmerische Handeln prägen. Auch brauchen Vorstände nicht mehr länger eine heile Welt vorzuspielen, wenn in Wirklichkeit eine harte Realität herrscht.

Dies alles darf trotzdem nicht dazu führen, Entwicklungen wie bei der Bawag als „akzeptabel“ einzustufen. Deshalb werden wir in der _Arbeitswelt der Zukunft eine verstärkte Unternehmensüberwachung (Corporate Governance) und neue interne Strukturen erleben. Zudem werden sich Unternehmen im Kampf um Arbeitskräfte nicht mit ihrer beschädigten Reputation abfinden dürfen, sondern Reputation zurückgewinnen müssen – was aber nur ohne verlogene PR funktioniert: Denn Aufbau von Reputation bedeutet in der zukünftigen Arbeitswelt nicht das Malen schöner Bilder, sondern realistische Kommunikation. Doch das dürfte vermutlich schwer fallen ...(Christian Scholz*, Der Standard, Printausgabe 28./29.7.2007)

*Christian Scholz ist Professor für Personalmanagement an den Unis Wien und Saarbrücken sowie fachlicher Leiter der PoP – Das Jahresforum für die Personalwirtschaft.
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