"Es ist angespannt, Herr Intendant"

27. Juli 2007, 15:15
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Die 87. Ausgabe der Salzburger Festspiele ist eröffnet - Intendant Flimm wünscht allen "schöne, aufregende und streitlustige Festspiele"

Salzburg - Die 87. Ausgabe der Salzburger Festspiele ist eröffnet: Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler begrüßte am Vormittag in der Felsenreitschule alle Freunde der Festspiele, allen voran Bundespräsident Heinz Fischer, EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner, Kunstministerin Claudia Schmied, Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Nationalratspräsidentin Barbara Prammer sowie viele andere Mitglieder der Bundes-, Landes- und Stadtregierung.

In ihrer Rede wünschte die Präsidentin allen Gästen der Festspiele, sich "verzaubern" zu lassen von den insgesamt 205 Veranstaltungen dieses Festspielsommers. Besonders hob Rabl-Stadler das West-Eastern Divan Orchester von Daniel Barenboim hervor, der mit seinem Orchesterprojekt direkt an die Friedensidee der Festspielgründer anknüpfe.

Der "alte Kutscher"

Landeshauptfrau Gabi Burgstaller erklärte, mit dem Intendanten Jürgen Flimm übernehme wie in der Gründerzeit der Festspiele "ein leidenschaftlicher Theatermann" die künstlerische Gesamtleitung. "Mit freudiger Erwartung sehen wir der ersten Saison des - wie er sich selbst sieht - 'alten Kutschers' entgegen. Es ist angespannt, Herr Intendant", ermunterte sie Flimm. Bezug nehmend auf ein Zitat des Intendanten, wonach in Salzburg "der Bär steppt", traute Burgstaller dem "Salzburg-geeichten Intendanten" zu, dass er "auch noch den Salzburger Stier zum Tanzen bringt".

Kulturministerin Claudia Schmied nahm sich zentrale Themen der diesjährigen Salzburger Festspiele wie "Aufklärung" und "Vernunft" zum Leitfaden ihrer Rede, in der sie für ein friedliches Miteinander, Toleranz und Respekt eintrat. Als Bildungs- und Kulturministerin werde sie alles tun, um "die Helligkeit der Aufklärung in unseren Schulen und Kultureinrichtungen zu verstärken, damit die Sonne der Vernunft auf viele, auf alle unsere jungen Menschen trifft."

Diese Sonne treffe leider immer wieder auch auf hohe, scheinbar unüberwindbare Mauern des Beharrens, aufgebaut von Menschen, die nicht bereit seien, über ihre eigenen Interessen hinaus zu denken. "Die nicht bereit sind, mit uns gemeinsam Grenzen zu erweitern. Ich werde in meinen Bemühungen beharrlich darin bleiben, diese Mauern - im Sinne der Kultur und der Bildung unseres Landes - zu überwinden", versprach die Kulturministerin.

"Nachtseite der Vernunft"

Auch zum Motto der Festspiele fand Schmied mahnende Worte: Am Beginn des 21. Jahrhunderts gehöre es zur "Nachtseite der Vernunft", dass großzügige Investitionen und Veränderungen in Bildung und Kultur oft nicht als Chancen verstanden würden, sondern als Bedrohung. "Für die heutigen und kommenden Herausforderungen investieren wir zu wenig Geld und Mut. Noch haben wir Zeit, die Dunkelheit in unserer Gesellschaft durch eine Fackel für mehr Bildung und Kultur zu beseitigen. Auch die Salzburger Festspiele würden davon profitieren", ist die Ministerin überzeugt.

Die Pflichten der demokratischen Gesellschaften würden in der Verantwortung für die künftigen Generationen liegen. "Wer nur im Hier und Heute handelt, zerstört das Gemeingut und Gemeinwohl. Daher darf sich Politik weder mit der Verteidigung des Bestehenden zufrieden geben, noch darf sie den Diskurs verweigern, von welcher Seite er auch immer angeregt wird", betonte die Ministerin und rief die Politiker auf, ihren Gestaltungsauftrag wahr zu nehmen. Man dürfe die Gestaltung der Veränderung nicht den Marktkräften überlassen.

"Der Glanz der Roben und der Partys"

Bundespräsident Heinz Fischer mahnte in seiner Eröffnungsrede die gemeinsame Verantwortung aller Staaten Europas für das Europäische Projekt und damit "für Menschenrechte und für das über Jahrhunderte entwickelte europäische Menschenbild" ein. Alle Staaten hätten "aber auch Verantwortung gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit", sagte das Staatsoberhaupt, bevor er das Festival offiziell eröffnete.

Erfahrungen zur Nachtseite der Vernunft seien es gewesen, die Hugo von Hofmannsthal vor genau 80 Jahre veranlasst hätten, sich mit der "Idee Europa" zu befassen. Die Schrecken des Ersten Weltkriegs habe Hofmannsthal als "Zusammenbruch, aus dem nur die Idee eines ganz neuen Europas Rettung erhoffen ließ", empfunden, meinte Fischer. Dieses Europa sei weder geographisch noch ethnisch streng begrenzt gewesen. "Die Rettung ist zunächst gründlich misslungen; oder genauer gesagt, erst Jahrzehnte später, nachdem sich Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiter Weltkrieg als noch viel dunklere Nachtseiten der Geschichte erwiesen hatten." Mehr als 50 Jahre nach der Unterzeichnung der Römer Verträge wage er die optimistische Überzeugung zu vertreten, dass es doch Fortschritte im historischen Prozess gebe und dass der berühmte Satz, wonach die Geschichte lehre, aber keine Schüler finde, zwar eine Gefahr aufzeige, aber kein unentrinnbares Schicksal definiere, erklärte Fischer.

Wenn Jahr für Jahr rund um den Beginn der Festspiele das Rundherum und "der Glanz der Roben und der Partys" mehr Aufmerksamkeit finde als die Qualität der künstlerischen Darbietungen, dann denke er sich: "Was können eigentlich die Salzburger Festspiele bzw. die Künstlerinnen und Künstler für die überdurchschnittliche Aufmerksamkeit für das weniger Wichtige", meinte Fischer. Das sei ein Grund mehr, sich auf das Wesentliche - die Kunst - zu konzentrieren.

"Schöne, aufregende und streitlustige Festspiele"

"Komm, Hoffnung, lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen", mit diesem Titel und zentralen Satz wünschte der neue Intendant der Salzburger Festspiele, Jürgen Flimm, in seiner Festrede seinem Publikum und Mitarbeitern "schöne, aufregende und streitlustige Festspiele". Der künstlerische Direktor machte seinen Zuhörern Mut auf Neues.

Der Intendant arbeitete in seiner Rede die Bedeutung des Neuen und Kreativen der Gegenwart heraus. "Wir wissen ja: Das Neue hatte es immer schwer, das Bekannte gibt uns Schutz. Selten sind wir wie heute von Altem so überflutet worden. Wir müssen klug sein, dass uns die Gegenwart nicht abhanden kommt. Wir wissen, wie unerlässlich kreatives Denken und Schaffen heute für morgen sein muss. Die Uhr geht nach vorne. Sonst wird die Gesellschaft vergreisen und zahnlos in alten Sälen sitzen und vor sich hin muffeln". (APA)

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    Spalier der Polit-Prominenz: Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, Margit Fischer, Bundespräsident Heinz Fischer, Landeshauptmann-Stellvertreter Wilfried Haslauer und Bürgermeister Heinz Schaden

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