Träumen von der YouTube-Generation

26. Juli 2007, 18:29
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Während YouTubefür manche Filmemacher ein Albtraum ist, sieht US-Produzent Jon Landau darin eine riesige Chance

... neue Talente zu entdecken und die Reichweite von Filmen zu erhöhen.


Wer dachte, dass die kleinen Videoclips im Internet eine vorübergehende Mode von Teenagern mit viel freier Zeit ist, sollte seine Einschätzung überdenken. YouTube, die populärste Plattform für Internetvideo, verbrauchte 2006 bereits so viel Bandbreite wie das gesamte Internet im Jahr 2000. Und die jüngste Erhebung des Pew Internet Reports, eines der verlässlichsten langfristigen Online-Forschungsprojekte, zeigt jetzt, dass 57 Prozent erwachsener US-Online-User Video über Internet anschauen, und ein Fünftel (19 Prozent) tut es bereits täglich.

Während manche in der Film- und TV-Branche diesen Trend billig produzierter, meist amateurhafter Videos argwöhnisch als möglichen Killer für ihr teures und ertragreiches Geschäft sehen, gibt es auch professionelle Stimmen der Begeisterung für die Entwicklung. "Man könnte die YouTube-Generation für einen Albtraum halten. Ich glaube aber, sie ist eine riesige Chance für Filmemacher", sagt der oscargekrönte Filmproduzent Jon Landau, der unter anderem mit Regisseur James Cameron "Titanic" produzierte.

"Die Fähigkeit, heute einfach eine Kamera zu nehmen und zu filmen ist ein fruchtbarer Boden für die künftigen Jim Camerons oder Jerry Bruckheimers", erklärt Landau in einem Gespräch bei der Networkers-Konferenz des Internetausrüsters Cisco. Gefahr für die Filmstudios sieht er nicht: "Das Kino hat immer gefürchtet, dass es gefährdet sei, vor 50 Jahren durch das aufkommende Fernsehen, später durch die VHS-Rekorder. Ich glaube nicht, dass die Kino-Erfahrung verschwinden wird, weil das Gemeinschaftsgefühl im Kino wichtig ist, das Gefühl, das Erlebnis einer Komödie oder eines Drama mit anderen zu teilen."

Hingegen sieht Cameron in Online-Communitys eine ausgezeichnete Möglichkeit, die Reichweite von Filmen zu erhöhen. "Community zu schaffen steht im Mittelpunkt unserer Arbeit", sagt er, "je stärker es einem Film gelingt, ein Thema zu schaffen, das die Leute aus dem Kino mitnehmen können, während sie die Handlung vergessen, desto mehr ist es ein ‚Clutter Buster‘", ein Film, dem es gelingt, das "Grundrauschen" des Alltags zu übertönen.

"Internet bringt selbstbewusste Konsumenten hervor, Leute, die sich in einem Thema vertiefen und Teil der Community sein wollen, die sich darum bildet."

Online-Häppchen

"Wir haben bisher gerade mal an der Oberfläche gekratzt um herauszufinden, wie wir mit einer Website unser Publikum engagieren können", bestätigt auch Produzentenkollege David Lenner, der die Erwartungen seines Publikums für den Film "Transformer" mit Online-Häppchen schüren will.

"Die Kunst ist es herauszufinden, wie viel man preisgeben muss, damit Leute Anteil nehmen können, ohne zu viel zu verraten, und trotzdem immer wieder mit Details über unseren neuen Film die Spannung zu steigern."

Die Pew-Studie bekräftigt die Erfahrungen der beiden Filmproduzenten. "Community" ist für die neue Art, Video zu konsumieren, zentral; Videos erlangen ihre Bekanntheit "viral", durch Weitersagen unter Freunden: Mehr als die Hälfte derer, die sich ein Online-Video anschauen (57 Prozent), schicken den Link zum Video weiter, und drei Viertel der Zuschauer haben auf diese Art von einem Video erfahren. Selbst zum Online-Filmproduzenten zu werden ist offenbar eine Frage des Alters: Während nur acht Prozent der erwachsenen Internetuser angeben, auch selbst schon Videos online gestellt zu haben, sind es in der Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren doppelt so viele (15 Prozent).

Der Gefahr, durch ein wachsendes, selbst produziertes Angebot von Online-Filmchen obsolet zu werden, wird "großes Kino" auch durch die Weiterentwicklung seiner Technik entkommen, ist Landau überzeugt: "Man muss den Leuten im Kino etwas geben, was sie zu Hause nicht bekommen können, 3-D-Filme, aber ohne lächerliche Papierbrillen. Die Filmbranche hat ihre visuelle Darstellungsmöglichkeit in den letzten 50 Jahren nicht verbessert." (Helmut Spudich aus Los Angeles / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.7.2007)

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    Jon Landau, hier 1998 bei der "Titanic"-Oscar-Gala

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