Die Halleiner Riten des Selbsthasses: "Molière. Eine Passion"

26. Juli 2007, 17:47
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Ein kolossales Projekt des belgischen Theatermachers Luc Perceval und seines Neufassungspartner Feridun Zaimoglu

Hallein – Der belgische Theatermacher Luc Perceval kann nicht genug kriegen von seiner obsessiven Idee eines unter Höchstdruck verdichteten Welttheaters der gigantischen Figuren und monströsen Gefühlsentladungen.

Schon lange genügen ihm nicht mehr einzelne Stücke. Die Werkgebundenheit an Lebensumstände langweilt ihn, besonders bei Molière, dem janusgesichtigen, auf Existenzsicherung und maskierte Kritik schielenden Kunstdiener des Sonnenkönigs.

Und so kommt es, dass nach dem mittlerweile legendären Salzburger Shakespeare-Marathon Schlachten von 1999 nun das komprimierte Stückquartett der Selbstauflösungen erdrückender Männer-Egos gegen den Mythos des zwölfstündigen Königsdramenblutbades von einst antritt.

Der Theaterprometheus hat keine Angst vor dem eigenen Schatten, sonst hätte man längst aufhören müssen, gestand Perceval kokett im Probenendspurt – die Premiere des kolossalen Projekts findet am Montag auf der Halleiner Perner-Insel statt (17 Uhr).

Ihm genügen natürlich keine vermanschten Schnittfassungen. Er will ewige Inhalte in neuen Tönen, und man darf füglich davon ausgehen, dass Neufassungspartner Feridun Zaimoglu die superprallen Lebenspanoramen des Menschenfeindes, des Don Juan, des Tartuffe und des Geizigen nicht unter den berühmt-berüchtigten Drastikpegel des gemeinsamen Münchner Othello drücken wird.

Um Spekulationen über die Explosion allzu deftiger Fleischlichkeit und deutlichen Fäkaldufts in einer enthemmten Wortschmiede zu dämpfen, legt der türkische Autor Wert auf die Vielfalt der sprachlichen Ebenen. Alles wird sich jedenfalls um Percevals dampfende Existentialismus-Diva Thomas Thieme drehen, der wie immer bei Leidenschaftsprojekten mit Perceval fundamentale Einbrüche ins Physische und Psychische genießt.

Man jagt sich gegenseitig in Extreme und brennt alles ab, was nebensächlich an den Gestalten und am eigenen Ich herumhängt. Jeder Theaterabend wird vom Perceval-Team als eine Art Fegefeuer darstellerischer Eitelkeiten, als kochender Prozess der Selbstentäußerung empfunden. Was zählt, ist die Erotik des Kunst-Verwischens und Leben-Entzündens. Darauf legen es Perceval und seine Vollstrecker an. Zur Entwicklung seiner Ekstase hat Thieme diesmal fast vier Stunden Zeit. Mit Überhitze geht er an den Eiskern des modernen, von Sexkonsum und Geldmagie umgetriebenen Menschen, der ausgerechnet am französischen Hof entdeckt wurde. Es schneit idyllisch in der Molière-Passion, und es wird im Dröhnpunk geröchelt von der verdammten Liebe.

Sollte die Kostprobe Rückschlüsse auf die gesamte Molière-Leidensgeschichte zulassen, so ist die Enthüllung eines kolossal tragischen Selbsthassers zu erwarten. (Anton Gugg / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.7.2007)

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    F. Zaimoglu: Der deutsche Autor türkischer Abstammung liebt Drastik.

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