Die Rückseite des Traditionsspiegels: "Die Meistersinger von Nürnberg"

27. Juli 2007, 09:25
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In ihrem Bayreuth-Debüt gelingt Wagner-Urenkelin Katharina Wagner eine intelligente und mutige Neudeutung der Künstleroper

... als Diskurs von Moderne und Tradition – und eine Aufarbeitung der NS-Geschichte des Werks.


Bayreuth – Obligates Familienfoto-Posing am Rande der Begrüßung von Bayreuth-Gästen. Danach aber wurde sie unsichtbar, hat ihre eigene Premiere nicht gesehen. Zu nervös, so die zuletzt medial überdeutlich sichtbare Katharina Wagner in einem der Statements im Vorfeld ihres Regiedebüts am Grünen Hügel. Verständlich. Wiewohl sie selbst jeden Zusammenhang zwischen Inszenierungserfolg und der vom Stiftungsrat bald zu klärenden Frage, wer ihren Vater, Wolfgang Wagner, beerben soll, bestritt, hat sie selbst den Konnex zur Nachfolgefrage hergestellt – durch eine Präsenz (an die 160 Interviews), die sie als (vom Vater) unabhängige, dem Innovativen verpflichtete Regisseurin mit Appetit auf die Übernahmen der Macht promoten sollte.

Die Inszenierung musste da zwangsläufig in den Rang einer Bayreuth-Habilitation aufsteigen. Und der Papa, der beredt schweigt, wird sich nicht wenig dabei gedacht haben, als er seine Tochter (29) engagierte, nachdem er vor ein paar Jahren seine Frau Gudrun beim Stiftungsrat nicht durchgesetzt hatte, stattdessen die ungeliebte Tochter aus erster Ehe, Eva, als Nachfolgerin präsentiert bekam. Diese Entscheidung demaskierte er als Wunsch und schob ihn durch ein Nein auf die lange Intrigenbank – schließlich hat er einen Vertrag auf Lebenszeit. Katharina, dermaßen zum Nachfolgerennen verdammt, hätte aus alledem und den operntauglichen Beziehungen des Wagner-Clans durchaus ein Meistersinger-Konzept drechseln können. Sie zog es allerdings zum Glück vor, die Künstleroper als Diskurs um Tradition und Moderne ernst zu nehmen und auf die unsympathische Rezeptionsgeschichte des Werkes einzugehen, das Hitlers Lieblingsoper war und ob der finalen Beschwörung des Deutschen entsprechend instrumentalisiert wurde.

Nun denn: Alle Folklore ist weginszeniert, man ist in einer Art Kunstinternat/Museum, das Räume für Malerei, Bildhauerei, Instrumental- und Ballettunterricht bietet. Die Zöglinge sind uniform gekleidet, sie vollführen maschinenhaft-dienstbar Rituale, setzen Tische und Stühle für die auf Kunstregeln versessene Meistergesellschaft zusammen. Es ist ein Ambiente der Tradition, des erstarrten Akademismus. Nur Hans Sachs (Franz Havlata ist nur im Wahnmonolog souverän, er bricht am Schluss vokal ein) ist da ein bisschen anders. Er geht barfuß, raucht Kette und wirkt wie ein gelangweilter Existenzialist zwischen Malpinsel und Schreibmaschine, der an der Herrenrunde, die sich an Reclamhefte klammert, nur als skeptisch teilnehmender Beobachter mitwirkt.

Opernintoleranz ...

Für Ritter ist kein Platz. So schlüpft Walter von Stolzing (kantabel, aber nicht immer sattelfest Klaus Florian Vogt) aus einem Klavier als impulsiv malender Dandy, als alles mit Gestaltungszwang formende, übermalende Figur à la Schlingensief. Katharina Wagner würzt das Ganze mit hübschen Pointen, lässt Walter mit Beckmesser ein Puzzleduell absolvieren. Mitunter regnet es Turnschuhe (den sonoren Norbert Ernst als David trifft einer auf den Kopf). Und Sachs hat mit Eva (vokal eher blass Amanda Mace) ein sehr körperbetontes Fastverhältnis.

Zwei Akte lang ist das eine keck angelegte Komödie, die in einen anarchischen Akt der Befreiung von Regelzwängen mündet. Perücken fallen, die Jungen rebellieren, mit Farben aus Warhol’schen Campbell-Suppendosen wird kollektives Actionpainting zelebriert.

Sehr freundlicher Applaus, aber die Oper hat nun einmal einen dritten Akt, über den Wandel der Charaktere wird plötzlich der Konnex zum Opernkonservativismus und zur NS-Geschichte des Werkes hergestellt. Da wird aus Beckmesser (grandios, die Entdeckung des Abends: Michael Volle) ein provokanter Kunstaußenseiter, der mit dem Betrieb nichts mehr zu tun haben will. Aus Walter wiederum hat seine Etablierung einen glatten Mainstreamtypen geformt, der – in der Mitte der Ehegesellschaft angelangt – als eine Art Hansi Hinterseer harmlos trällert. Am deutlichsten wird Katharina aber bei Sachs: Aus dem Liberalen wird ein militanter Traditionalist.

... und Totalitarismus

Glänzend: Um ihn herum baut Wagner eine Verquickung zwischen Operintoleranz des (auf die Bühne gebrachten) Publikums und politischem Totalitarismus. Auf den Puppentanz deutscher Kulturgrößen (u. a. Goethe, Schiller) samt Wagner (in Unterhosen) und Hitler (der sein Gesicht verkehrt trägt) folgt die Simulation einer Verbeugungsszene von Regie und Dirigent. Als beide in eine Kiste gesteckt werden, gibt es natürlich höhnischen Szenenapplaus. Als Sachs dann aber die Kiste anzündet, die Künstler verbrennt und aus der Kiste einen goldenen Hirschen zieht, herrscht eher wohl wütende Ruhe. Ungestört kann Sachs zornig seinen finalen Deutschtum-Gesang im sich langsam verdunkelnden Raum als gestisch Hitler nachempfundener Führer absolvieren. Bayreuth hat erstmals seine Meistersinger-Geschichte thematisiert.

Klar, das musste Ärger geben. Als nach Sängerlob zur Sängerschelte angesetzt wurde (Eva, Sachs), kam Katharina zu Hilfe und steigerte den Zornpegel nur noch. Unangenehm. Aber langfristig wohl eine gute Investition für die Nachfolgeschlacht. Da fiel Dirigent Sebastian Weigle nicht mehr wirklich auf, was allerdings auch seiner Performance entsprach. Alles klang transparent, das Lyrische auskostend, aber auch nie über das Solide hinausragend. (Ljubiša Tošic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.7.2007)

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    Vom Neuerer zum diktatorischen Traditionalisten mit deutlicher Nähe zu Hitler wandelt sich Hans Sachs (Franz Hawlata, li.) in Katharina Wagners Neudeutung der "Meistersinger". Beckmesser (Michael Volle) hingegen mutiert zum provokanten Kunst-Außenseiter.

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