Fahrradabstellblues

4. Juli 2007, 18:00
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Ein Innenhof ist kein Autoparkplatz. Deswegen musste N. sein rad bei einer Abschleppfirma auslösen

Es war vorhin. Da hat sich N. gemeldet. Und erzählt, wie das mit den Fahrradabstellplätzen wirklich ist. Zumindest in seinem Haus. Denn in N.s Fall war es so, dass er sein Rad eines Tages nimmer vorgefunden hatte. Obwohl er es doch an der Klopfstange im Innenhof angehängt hatte: N. war vier Wochen auf Urlaub gewesen – und als er zurückkam war das Rad weg. Und gerade als N. das Naheliegende dachte, erzählt er, sei eine Nachbarin vorbeigekommen: Ja, auch ihr Rad sei verschwunden. So wie alle Fahrräder im Hof. Über Nacht und ohne Vorwarnung. Aber zwei Tage danach, so die Nachbarin, sei dann ein Zettel im Hauseingang gehangen: Eine Abschleppfirma gab ihre Sprechstunden bekannt – da könne man wegen der abgeschleppten Fahrräder nachfragen. Und sie abholen.

N. sagt, er sei fassungslos gewesen: Wieso er sein und seiner Freundin Rad abholen solle? Und wieso er dafür in die Pampa des Speckgürtels fahren müsse, wollte er wissen. Aber diese Frage hatte sich die Nachbarin auch schon selbst gestellt: Im Innenhof waren die Räder seit Ewigkeiten gestanden. Nie hatte sich jemand beschwert. Und im Weg waren sie auch nicht gewesen.

Hausverwaltung

N. rief die Abschleppfirma an. Die sagte, sie habe im Auftrag der Hausverwaltung gehandelt. Und das, bestätigte man N. danach ebendort, stimme. Dafür, dass der Aushang mit der Aufforderung, alle Räder zu entfernen, Wochen zuvor verschwunden war, könne man nichts. Und es stimme auch nicht, dass es keine Beschwerden gegeben habe: Ein Nachbar, der den Hof gerne als Parkplatz für sein Auto genutzt hätte, habe seinen Anwalt einen Brief schreiben lassen. Von wegen Gleichbehandlung der Hausparteien: Wenn die Radfahrer gratis parken dürften, müsse man doch auch ihm Einfahrt und Abstellerei genehmigen. Und um sich Mühsal zu ersparen, so die Hausverwalterin, habe sie dann eben das generelle Verbot im Hof ver- und ausgehängt. Aber – noch einmal – es sei nicht ihre Schuld, dass kein einziger Mieter den Wisch je gesehen habe.

Weil Diskussionen mit Hausverwaltungen sinnlos sind, erzählt N, habe er geseufzt, aufgelegt und eine Woche danach das Abschleppunternehmen angerufen. Er beschrieb sein Rad, man sah nach und bestätigte ihm: ja, der Drahtesel sei da. Er könne ihn jederzeit abholen – aber wenn möglich bar zahlen. Das sei einfacher.

Bezahlen?

N. fiel aus allen Wolken: Bezahlen? Wofür? Man gab ihm Auskunft: Nun, da wären einmal 120 Euro fürs Abschleppen zu entrichten. Und dann noch ein Lagerbetrag von 3 Euro pro Tag. Und N. habe da ja gerade von zwei Fahrrädern gesprochen – also falle der Betrag doppelt an. Derzeit wären das also 225 Euro. Pro Rad – zuzüglich Mehrwertsteuer. Als er, erzählt N., wieder halbwegs klar denken konnte, habe er dem Abschlepp-Mitarbeiter gesagt, dass das mehr sei, als die beiden Billig-Räder vor Jahren gekostet hätten: Er denke nicht im Traum daran, diese Summen zu zahlen. Er werde neue Sonderangebote kaufen.

Der Abschlepper habe darauf ruhig geantwortet, es stehe N. natürlich frei, sich Fahrräder zu kaufen wann, wo und zu welchem Preis er wolle – aber da man nun seine Daten habe und er sein Rad soeben identifiziert hätte, könne er sich aussuchen, die Räder jetzt auszulösen – oder in zwei Jahren. Da kämen dann aber noch Anwalts- und Verfahrenskosten dazu. Er könne schon mal 2500 Euro zur Seite legen. Pro Fahrrad.

Saurer Apfel

N. fragte seinen Anwalt. Der bedauerte: Die Abschleppfirma sei im Recht. N. müsse in den sauren Apfel beißen. Aber, fragte der Anwalt, das Rad der Freundin habe er doch hoffentlich nicht auch im Detail beschrieben, oder?

Und so, erzählt N., sei er dann im Lager der Abschleppfirma gestanden, habe sein Fahrrad zähneknirschend zurückgekauft und tausend heilige Eide geschworen, dass das daneben lehnende Bike nicht das seiner Freundin sei. Die habe zwar ein bisserl Abschiedsschmerz gehabt - aber im Katalog eines Sportgeschäftes habe sie das aktuelle Sonderangebot schon angekreuzt gehabt.

Zwei Monate später, sagt N., sei dann geschehen, was unvermeidlich war: N.s Rad war seither – wie alle Räder des Hauses (Kellerabteile waren nur bei wenigen Wohnungen mitvermietet worden) - an einem grünen Bügel auf der Straße gestanden. Eines Morgens war es verschwunden. Und die Nachbarn gäben langsam auf, die ständig von Dieben und Vandalen heimgesuchten Fahrräder alle paar Tage zu reparieren oder mit neuer Hardware zu bestücken.

Aber der Innenhof, sagt N., sei seitdem leer. Neulich hätten ein paar Kinder auf der Teppichstange geturnt. Aber da habe ein Nachbar die Polizei gerufen: Wenn er da sein Auto nicht abstellen dürfe, dürfe den Hof eben auch niemand anderer verwenden. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 26.7.2007)

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