Konvertieren Sie bitte!

28. Juli 2007, 17:00
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Und bauen Sie künftig Ihre Paradeiser selbst an, empfiehlt Ute Woltron

Diese Kolumne wird heute auf die Gefahr hin geschrieben, alle kommerziellen Paradeiserzüchter der Welt nachhaltig zu erzürnen, doch damit muss man als eingefleischtes Grünzeug leben. Die These lautet: Wenn Sie es heuer schon versäumt haben, an die Privatparadeiserzucht zu denken - warum eigentlich? -, begehen Sie diesen Fehler im kommenden Jahr auf gar keinen Fall wieder und bauen Sie dringend Eigenware an. Jeder noch so kleine Balkon mit Sonnenecke ist dafür geeignet. Talentierte reüssieren sogar indoor auf Fensterbrettern.

Erst der Vergleich macht sicher: Alles, was Sie selbst zusammenbringen, auch wenn Sie gärtnerisch noch komplett unterbelichtet sein mögen, ist mindestens zehnmal besser als die auf Haltbarkeit, Schönheit und sonst schon gar nichts gezüchteten Hydrokultur-Massenwaren der EU-genormten Supermarkt-Obst-Gemüse-Tristesse.

Was zum Teufel isst man hier?

Wirklich wahr: Was dort gewöhnlich als "Tomate" recht fesch rot glänzt, verdient den Namen nicht. Man sollte dieses Gemüse umtaufen, zum Beispiel auf Rusgn (= Rot und sonst gar nichts) oder auf (Toe = Tomate ohne Eigenschaften). Kein Geschmack, widerliche grüngelbliche Fleischstellen im Inneren, Schalenkonsistenzen, die in ihrer Festigkeit an die Qualitäten moderner Kunststofffolien heranreichen. Was, zum Teufel, isst man hier? Transkontinental verschipperte Massenware.

Ein Lokalaugenschein im Exportparadeiserland Nummer eins, Holland, offenbarte die Qualen der Paradeisermutterpflanzen im Dienste des Kommerzes. In den unendlichen Weiten der dortigen Glashauslandschaft versehen diese geknechteten Kreaturen unter widernatürlichen Umständen ihren Dienst. Kernstück der Anlagen ist jeweils eine Art kleine Raffinerie. In dieser kistenförmigen Angelegenheit wird voll automatisch eine Nährlösung abgemischt, die sodann computerkontrolliert über Schläuche in das Nährsubstrat gepumpt wird.

Die Wurzeln der Paradeiserknechte sind in Kokosmatten oder anderen Faserstoffen verankert, die selbstverständlich ungefähr das Gegenteil von Erde und Humus sind. Die Pflanzen selbst erreichen abnorme Längen von bis zu acht, neun und mehr Metern, und da sie ihr eigenes Gewicht natürlich nicht mehr selbst zu tragen vermögen, die armen überzüchteten Bastarde, fesselt man sie in der Horizontalen an entsprechende Gestänge.

Für die Befruchtung der Blüten sorgen Hummelvölker, und weil keines dieser pelzigen Insekten freiwillig in Glashäusern lebt, werden sie in autobatterieartigen Gefäßen gezüchtet und samt diesem Haus strategisch zwischen den Pflanzen verteilt.

Auch wenn die kommerziellen Glashausparadeiserunternehmer beteuern, man bemühe sich ständig um die Züchtung neuer, süßer, geschmacksintensiver Sorten, so dominieren trotzdem jene, die möglichst lang halten und möglichst schön ausschauen.

Vergessen, wie ein Paradeiser schmeckt

Der Gegenentwurf dazu stammt im Optimalfall aus dem Gemüsegarten, sieht häufig weniger makellos aus, aber belohnt dafür mit saftstrotzendem, aromatischem Wohlgeschmack. "Ich hab schon ganz vergessen gehabt, wie ein Paradeiser schmeckt!", entfuhr es unlängst einem Gast auf der Grünzeug-Scholle, und derlei Aussage lässt das Gärtnerherz schon weite Sprünge tun.

Der Mann mit dem Paradeiser-Déjà-vu verkostete übrigens zweierlei Sorten: Black Russian und Marmande - für Paradeiserinsider quasi Grundausstattung. Über die unzähligen weiteren und sehr unterschiedlichen Sorten können wir uns an dieser Stelle nicht auslassen, da wir den RONDO-Kollegen und -Kolleginnen nicht den Platz wegnehmen dürfen. Also: Bei der Arche Noah nachfragen, ein wenig in Google blättern - und spätestens kommenden Sommer sind auch Sie Konvertit. (Der Standard/rondo/27/07/2007)

Tipp:
Bei welchen Sorten Sie auch landen - alle kann man sehr einfach aus Samen ziehen. Doch Achtung: Paradeiserpflanzen bedürfen der Erziehung, die in diesem Fall "Ausgeizen" heißt. Alle Nebentriebe, die in den Blattachseln, also exakt zwischen Stamm und Blattstiel sprießen, müssen ständig abgezwickt werden, um die Kräfte der Pflanze in die Fruchtproduktion zu lenken. Für Fensterbrettgärtner: Da man sein Heim selten mit Bienen- und Hummelvölkern teilt, sollten die blühenden Paradeiserpflanzen gelegentlich zum Zwecke der Selbstbestäubung geschüttelt werden.
  • Alles, was Sie selbst zusammenbringen, ist besser als das, was Sie in Geschäften kaufen können.
    foto: der standard

    Alles, was Sie selbst zusammenbringen, ist besser als das, was Sie in Geschäften kaufen können.

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