Stefan Zweig: "Maria Stuart"

26. Juli 2007, 17:00
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Ein Drama wie von Shakespeare, Versuch einer psychologisch-historischen Wahrheitssuche ohne Parteigeist

Im Oktober 1933 reiste Stefan Zweig nach London, um durch Arbeit und Entfernung von der deutschen Grenze Ruhe vor den politischen Wirren zu finden. Einer alten Leidenschaft folgend, musterte er am dritten Tag seines Aufenthalts einige der im Britischen Museum ausgestellten Autographen. Ein handschriftlicher Bericht über die Hinrichtung Maria Stuarts war darunter. Da er keine bessere Einschlaflektüre zur Hand hatte, kaufte er kurz entschlossen ein Buch über die schottische Königin und ärgerte sich, dass sie so "platt und töricht" gepriesen und gegen alle Anschuldigungen verteidigt wurde. Hatte sie sich am Mord ihres zweiten Gatten beteiligt? Der zweiundfünfzigjährige Zweig wollte es genauer wissen. Wie war das eigentlich gewesen im Schottland des 16. Jahrhunderts?

Er fand Bücher, in denen die Königin attackiert und verdammt wurde, aber keines, das ihm verlässlich schien, in dem die Wahrheitssuche nicht unter dem Parteigeist "katholisch oder protestantisch, schottisch oder englisch" litt. Den einen war Maria Stuart eine Mörderin, den anderen eine Märtyrerin, bald nannte man sie eine "törichte Intrigantin", bald eine "himmlische Heilige". Wie er es in dem "Bildnis eines mittleren Charakters", seiner Biografie Marie Antoinettes getan hatte, suchte er das Lebensgeheimnis Maria Stuarts durch Quellenkritik und psychologische Deutung zu ergründen. Sie war ihm das Mädchen, dem alles zufiel, das im Alter von sechs Tagen Königin von Schottland, und mit siebzehn Jahren Königin von Frankreich wurde. Sie war ihm die Frau, die mit dreiundzwanzig die Liebe entdeckte und in nur zwei leidenschaftlichen Jahren wie eine antike Tragödienheldin agierte. Wie Maria Stuarts Zeitgenossen ließ sich Zweig von ihrer feinen Bildung, ihrer Energie und Lebenslust, ihrer Schönheit, die reizender gewesen sein muss, als die Bildnisse es verraten, hinreißen.

Zweig erzählt dieses Leben, als sei es wie eine Shakespeare-Tragödie verlaufen. Es gipfelt in dem Augenblick, in dem die Königin den Mann, den alle für den Mörder ihres Gatten halten, heiraten muss und doch nicht heiraten darf, in dem die Leidenschaft zu einem Schritt gegen alle politische Vernunft zwingt. Psychologische Deutungen altern rasch wie aller Zeitgeist, aber Stefan Zweigs Schilderung wirkt kaum verstaubt, sondern ungebrochen suggestiv. Sie scheint auch dort plausibel, wo er in uns ganz fremd gewordenen Worten von der Natur der Frau oder dem Wesen der Liebe wie von ewigen, unabänderlichen Gesetzen spricht. Er bedient sich des Kunstgriffs, Geschichte, das zufällige, verworrene Geschehen erst in ein klares Bild zu fassen, Spieler und Gegenspieler zu charakterisieren, als habe er sie gekannt wie man Macbeth oder Richard III. eben kennt. Dann erst, nachdem ihm alles Poesie, Episode eines Romans, Novelle oder Szene eines Dramas, geworden ist, deutet er. Historiker mögen ihn korrigieren, unsere Einbildungskraft gibt ihm Recht. (Jens Bisky / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.7.2007)

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