Toren tanzen Dante mit Sartre und Godot: "Myth"

25. Juli 2007, 18:04
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Die jüngsten Arbeit des belgischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui im Wiener Volkstheater

Wien – Ein Grüppchen von Leuten verharrt im Fegefeuer. Auf die Bühne wird ein chinesisches Sprichwort projiziert: "Wer zu warten weiß, dem öffnet die Zeit ihre Türen." Der belgische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui spielt in seiner jüngsten Arbeit, "Myth", die bis Freitag bei ImPulsTanz im Volkstheater zu sehen ist, mit dem Feuer der Sartre'schen geschlossenen Türen und des Beckett'schen Wartens.

Eingesperrt in einer Bibliothek (höllisch: lauter Gesamtausgaben und Sammelwerke von der Stange) gehen einander Dante'sche Seelen und schwarze Dämonen auf die Nerven. Das italienische Micrologus Ensemble mit der Sängerin Patrizia Bovis sitzt in einer Kaverne über den Büchern und zerrt gnadenlos mittelalterliche Musikleichen aus dem Orkus des Vergessens. Ein Paradies für Genießer dieser Klänge, eine gnadenlose Folter für jene, die sich dabei unwohl fühlen.

Zwei der Verdammten, der Amerikaner Darryl E. Woods und die aus Chris Harings Stück "kind of heroes" bekannte Tänzerin Ulrika Kinn Svensson, bringen etwas Witz in den schier endlosen Ablauf redundanter Szenen, die großteils wie performative Untermalungen der Musik daherkommen. Doch das ist auch der Inhalt dieser Arbeit. Es passiert nichts, das aber mit beachtlichem Aufwand.

Und an diesem Punkt greift das Stück aus dem Gebrauch der historischen Mythen hinüber in die Sphären der Mythen des Alltags, in die Vorhölle der Wirklichkeit mit ihrem unaufhörlichen Lärm um nichts.

Shakespeare winkt

Diese Cherkaoui durchaus andichtbare Konspiration mit Shakespeare ist aus Tanzszenen gewoben, gehäkelt und gestrickt, deren Torheit nur schwer zu unterbieten und deren choreografisches Grundmuster von einer geradezu nihilistischen Biederkeit ist.

Das darf aber nicht als Eigenart dieses einen Werks gelten, sondern ist vielmehr eine Eigenschaft des Choreografen. Schon bei Foi tanzte Erna Omarsdottir einfach Motive aus ihren eigenen Arbeiten, und hier bringt Ulrika Kinn Svensson Materialien aus "kind of heroes" ein. Cherkaoui schlachtet sein Ensemble schamlos aus – und trifft damit wieder auf einen für die Gegenwart charakteristischen Punkt: die Tendenz, Vorhandenes über Kopie und Abklatsch bis zur Ungenießbarkeit weiterzuverbraten. So kennt man's aus Politik, Film und Fernsehen, aus der Popkultur und der Esoterik.

Zurück zu Cherkaouis Sartre-Recycling: In der Mitte der Bühne ragt ein gewaltiges Doppeltor auf, das sich erst nach der Ewigkeit von zwei Stunden auftut. Auf die Bühne taumelt, Beckett ist ja tot, ein Godot mit zwei Stangen, aus denen er ein Kreuz formt.

Der Erlöser! Nicht nur, dass er die tanzenden Toren aus ihrem Purgatorium ins Ungewisse führt, auch das Publikum weiß: Jetzt ist das Ende nah. So vollbringt der Reserve-Dante Cherkaoui Unverhofftes. Am Ende des Stücks feiern die Zuschauer dasselbe mit begeisterten, aber kurzen Ovationen. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.7.2007)

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    foto: impulstanz / koen broos
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