Altern auf Mallorca: "Hauptsache, sie fühlen sich zu Hause"

26. Juli 2007, 17:11
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Viele Deutsche kommen erst im Alter nach Mallorca, erklärt Uwe Daude, Leiter der deutschen Seniorenresidenz "El Castellot", im derStandard.at-Interview

Mallorca ist erklärtes Ziel der Deutschen, und auch der älteren: Rund 20.000 deutsche Senioren und Seniorinnen überwintern auf der Mittelmeerinsel. In der Seniorenresidenz "El Castellot" können sie auch ihren Lebensabend verbringen: bei deutscher Pflege, Küche und Liederabenden, erklärt Geschäftsführer Uwe Daude im derStandard.at-Interview mit Heidi Weinhäupl.

 

 

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derStandard.at: An wen richtet sich die Seniorenresidenz "Es Castellot" auf Mallorca, wie entstand die Idee dazu?

Uwe Daude: Schon vor vielen Jahren hatte die deutschsprachige evangelische Gemeinde das Problem erkannt, dass auf Mallorca auch viele Deutsche leben, die dort alt geworden waren und nicht entsprechend versorgt wurden. Häufig waren auch die Kontakte nach Deutschland abgebrochen und eine Rückkehr wurde sehr, sehr schwierig – beinahe unmöglich. Vor etwa 20 Jahren begann dann die deutschsprachige evangelische Gemeinde nach einem Investor für eine Seniorenresidenz vor Ort zu suchen; Anfang der 90er-Jahre gab dann die norddeutsche Gesellschaft für Diakonie aus Schleswig-Holstein den Startschuss zur Gründung.

derStandard.at: Wie war das anfängliche Interesse, wurde das Angebot angenommen?

Daude: Ja, allerdings wurde das Konzept leicht verändert, da einige, die zunächst zugesagt hatten, dann aber doch nicht kamen oder ihre Übersiedelung hinauszögerten. Viele wollen eben so spät wie möglich in eine Seniorenresidenz umziehen – sogar, wenn sie so schön ist wie unsere. Andere konnten es sich nicht leisten, schließlich sind wir zwar gemeinnützig, aber privat finanziert und erhalten keine Zuschüsse. Wir haben daher auch bei Senioren in Deutschland Werbung gemacht. Wir haben beispielsweise ein Programm, bei dem die Leute ein halbes Jahr hier und ein halbes Jahr in Deutschland leben. So muss man sich nicht von heute auf morgen zwischen den Ländern entscheiden.

derStandard.at: Woher kommen die Senioren und Seniorinnen?

Daude: Generell richten wir uns an Deutschsprachige, die hier alt geworden sind und an Deutsche auf Mallorca, die ihre Eltern nachholen wollen, als Familienzusammenführung sozusagen. Aber es kommen eben teilweise auch Leute direkt aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Deutsche Immobilienbüros für Senioren gibt es auf Mallorca viele, aber wir sind die einzige deutsche Senioren-Residenz. Wir haben aber auch anderssprachige Interessenten – beispielsweise haben wir gerade eine französischsprachige Schweizerin aufgenommen.

derStandard.at: Was ist das typisch Deutsche an Ihrer Residenz – die Pflege? Die Küche? Das Personal?

Daude: Das Personal im Speisesaal ist überwiegend spanischsprachig, einige haben aber bei der Arbeit auch deutsch gelernt. Das Pflegepersonal ist deutsch; der Arzt ist Spanier, aber spricht Deutsch. Und die Küche ist eine Mischung, aber ich würde sagen: Überwiegend deutsch. Kartoffeln spielen eine größere Rolle als in der mediterranen Küche (lacht). Das Mediterrane bereichert natürlich den Speiseplan, aber nicht jedes Gericht wird von den Herrschaften auch vertragen; der mallorquinische Tintenfisch liegt einem sicher noch drei Tage im Magen. Der Speiseplan wird vom Seniorenbeirat regelmäßig mit dem Koch besprochen.

derStandard.at: Wie sieht es denn mit den Sprachkenntnissen der Senioren und Seniorinnen aus?

Daude: Das Publikum ist generell internationaler als in einer normalen deutschen Residenz – einige haben Jahre oder Jahrzehnte im Ausland gelebt. Viele sprechen Englisch.

derStandard.at: Und Spanisch?

Daude: Von den Bewohnern haben vielleicht 15 Prozent sehr gute Spanischkenntnisse; rund 20 Prozent sprechen gebrochen, der Rest gar nicht. Viele kommen erst sehr spät nach Mallorca.

derStandard.at: Und im Alter lernt man oft schwerer.

Daude: Ja, wobei ich oft überrascht war, wie schnell und gut Einige das noch im Alter gelernt haben. Das ist natürlich Begabungssache, aber auch eine Sache der Vorbildung, also ob man bereits früher Fremdsprachen gelernt hat. Aber andere sagen: Ich hab keine Lust mehr. Und schließlich wird man auf Mallorca ja auch auf Deutsch angesprochen: Wenn ich in die Bank gehe und auf Spanisch frage, antwortet man mir auf Deutsch.

derStandard.at: Bieten Sie auch Spanisch-Kurse an?

Daude: Ja, aber überwiegend für die, die schon Spanisch können, und es erhalten wollen. Es gibt Konversationskurse und einen Kurs für Fortgeschrittene. Wir planen zwar, das Angebot zu erweitern, sind aber nur eine kleine Residenz: Zur Zeit haben wir 73 Bewohner hier, davon sind 15 Pflegefälle; rund 10 sind die Hälfte des Jahres in Deutschland. In der Höchstzahl wären es 100. Aber wir organisieren immer wieder Konzertbesuche, Vorträge in Zusammenarbeit mit der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Teilweise kommen auch ehrenamtliche Helfer aus Deutschland, die dann zum Beispiel Liederabende veranstalten oder auf der Pflegestation helfen. Die Philosophie dahinter ist: Hauptsache, sie fühlen sich zu Hause, wohl, geborgen und kommunizieren untereinander.

derStandard.at: Wie ist denn die generelle Reaktion der mallorquinischen Bevölkerung auf die Deutschen auf Mallorca? Gibt es Probleme?

Daude: Ja, und irgendwie dann doch wieder nicht. Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, dann kann man nur sagen: Man muss die Mallorquiner bewundern, dass sie so viele Fremde aufgenommen haben. Ich komme ja auch aus einer Touristenregion, dem Timmendorfer Strand. Und wenn dort plötzlich 10.000 Russen auftauchen würden, das wäre sicher nicht so problemlos.

Auf Mallorca spricht mittlerweile nur noch die Hälfte der Haushalte mallorquinisch. Da gibt es dann natürlich Reaktionen. Es gibt auch Deutsche, die es dann überziehen – gewisse Händler oder Handwerker, die dann eine eigene deutsche Partei gründen wollten, da kam es dann zu größeren Auseinandersetzungen und Unannehmlichkeiten. Aber so im Großen und Ganzen gibt es keine Probleme.

derStandard.at: Profitieren die Mallorquiner von dieser Zuwanderung?

Daude: Der Tourismus ist sicher auch immer ein Geschäft gewesen – diese Generation ist mit ihm aufgewachsen und durch ihn von einer armen Region zu einer reichen geworden. Alles hier dreht sich um den Tourismus. Die Bauwirtschaft, alle Geschäfte, Versorgung, Autovermietung, Werkstätten – alles. Gleichzeitig aber verderben die Deutschen natürlich auch die Immobilienpreise. Und die Lebenserhaltungskosten sind mit den deutschen zu vergleichen; das Lohnniveau der Mallorquiner aber geringer.

derStandard.at: In deutschen Medien wurde über die teilweise traurige Situation älterer Deutscher auf Mallorca berichtet, die keine sozialen Kontakte mehr nach Deutschland haben und auf der Insel vereinsamen. Wie schätzen Sie die Situation von deutschen SeniorInnen auf Mallorca ein, die sich Ihre Einrichtung nicht leisten können?

Daude: Danach, was man immer von Pastoren und den Ärzten hört, dass einzelne Personen vereinsamen: Das ist ein Problem, eindeutig. Das ist aber nicht eine Frage des Geldes, sondern eher der sozialen Kontakte. Es gibt schon solche sozialen Dramen, wo Menschen dann vereinsamen, verwahrlosen. Aber ich weiß nicht, ob das in Deutschland so anders ist, vor allem in Großstädten.

Mir scheint das Problem teilweise ein bisschen von den Medien hochgespielt. Schließlich kostet ein Flug mittlerweile nur noch 40 Euro – da kann jeder zurück, der will. Und es gibt auch Sozialdienste auf Mallorca, die allerdings vielleicht aufgrund der sprachlichen Barriere wenig in Anspruch genommen werden.

Wir selbst haben zwar auch Sozialwohnungen mit geringeren Mieten bzw. ohne anfänglichen Bauzuschuss. Wir würden auch in einzelnen Situationen helfen und haben das auch getan. Doch wir können natürlich nicht alle Sozialhilfeempfänger Deutschlands bei uns aufnehmen. (Heidi Weinhäupl, 26.7.2007)

Zur Person
Der Psychologe Uwe Daude ist seit 2006 Geschäftsführer von "Es Castellot". Davor leitete er eine Ausbildungsstätte für 500 Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen in Timmendorfer Strand, Deutschland.

Links
Seniorenresidenz Es Castellot
Die Zeit: Verloren im Paradies
Süddeutsche: Traurige Residenzen

  • Die Seniorenresidenz "Es Castellot" in Santa Ponça bietet barrierefreie Wohnungen mit Küchen, wobei ein Einzelapartment rund 1100 bis 1700 Euro kostet; für ein Doppelapartment fallen zwischen 1600 und 2400 Euro an. In diesem Preis sind die geringfügigen Pflegeleistungen der ersten Pflegestufe inkludiert (Medikamenten-Verteilung, Blutdruckmessung, Pflege im Apartment im Krankheitsfall). Es gibt auch Sozialwohnungen, in denen die Preise deutlich geringer sind oder das anfängliche Darlehen (eine Art Baukostenzuschuss von 5200 bis 35.000 Euro) entfallen kann.
    foto: es castellot

    Die Seniorenresidenz "Es Castellot" in Santa Ponça bietet barrierefreie Wohnungen mit Küchen, wobei ein Einzelapartment rund 1100 bis 1700 Euro kostet; für ein Doppelapartment fallen zwischen 1600 und 2400 Euro an. In diesem Preis sind die geringfügigen Pflegeleistungen der ersten Pflegestufe inkludiert (Medikamenten-Verteilung, Blutdruckmessung, Pflege im Apartment im Krankheitsfall).

    Es gibt auch Sozialwohnungen, in denen die Preise deutlich geringer sind oder das anfängliche Darlehen (eine Art Baukostenzuschuss von 5200 bis 35.000 Euro) entfallen kann.

  • Geboten werden auch Sprachkurse, Gymnastik, Konzertbesuche. Wer dazu nicht mehr in der Lage ist, kann sich auch auf der kleinen Pflegestation mit zehn Plätzen einmieten, erzählt Geschäftsführer Uwe Daude. Dort müssen Pflegebedürftige, die vorher mindestens zwei Jahre in "Es Castellot" gelebt hatten, mit rund 2500 Euro rechnen. Wer direkt auf die Pflegestation kommt, zahlt 3100 Euro pro Monat.
    foto: es castellot

    Geboten werden auch Sprachkurse, Gymnastik, Konzertbesuche. Wer dazu nicht mehr in der Lage ist, kann sich auch auf der kleinen Pflegestation mit zehn Plätzen einmieten, erzählt Geschäftsführer Uwe Daude. Dort müssen Pflegebedürftige, die vorher mindestens zwei Jahre in "Es Castellot" gelebt hatten, mit rund 2500 Euro rechnen. Wer direkt auf die Pflegestation kommt, zahlt 3100 Euro pro Monat.

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