"Es geht darum, Zeit zu gewinnen"

30. Juli 2007, 14:11
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Kosovo-Experte Vedran Dzihic sieht in Verhandlungen in Wien "Scheingespräche"

Wien – "Ausgeschöpft" seien die Möglichkeiten für Verhandlungen zwischen Serben und Albanern, sagte UN-Vermittler Martti Ahtisaari noch im März. Der UN-Sicherheitsrat solle über den künftigen Status des Kosovo entscheiden. Die Verhandlungen, bis dahin in Wien geführt, wurden nach New York verlegt.

Seit Mittwoch ist das diplomatische Streitstück wieder zurück in Österreich. Weil die Russen bei ihrem Nein gegen ein unabhängiges Kosovo blieben, arbeitet die internationale Kontaktgruppe in Wien nun an einem Fahrplan für eine neue Runde serbisch-albanischer Direktverhandlungen.

"Scheingespräche" nennt das der Wiener Politologe Vedran Dzihic. "Eigentlich geht es nur darum, Zeit für die Verhandlungen zwischen Moskau und Washington zu gewinnen." Russland soll doch noch ins Boot geholt werden, um einen "abgespeckten" Ahtisaari-Plan zu unterstützen, sagt der Balkanspezialist, der am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien forscht.

Ahtisaaris Empfehlung war ein unabhängiger Kosovo und weit gehende Rechte für die serbische Minderheit. Die Serben wollen dagegen den Verbleib des Kosovo und bieten der albanischen Minderheit Autonomie an. "Schon die letzten direkten Verhandlungen waren durch die Sturheit der beiden Seiten verloren. Diese Verhandlungen werden es umso mehr sein, als sich der Fokus der Gespräche aus der Region hin zu den Großmächten verlagert hat", sagt Dzihic. Eines der Hauptprobleme sieht der Politologe darin, dass sich die politischen Eliten der Albaner keine Gedanken darüber machen, wie der Kosovo "am Tag danach", also nach der Lösung der Statusfrage, aussehen soll.

Die sozialen Fragen seien ungelöst, die wirtschaftlichen Probleme würden nur drängender. "Jedes Jahr kommen 30.000 ausgebildete junge Kosovaren auf den Arbeitsmarkt, doch es gibt nur 6000 Arbeitsplätze", sagt Dzihic. Für Europa bedeute das ein großes "Destabilisierungspotenzial". Die Europäische Union müsse ein Hilfsprogramm für den Tag nach der Unabhängigkeit parat haben und einen Fahrplan für den Kosovo in Richtung EU-Beitritt. Scheitern die Gespräche in Wien, wird erneut ein Versuch im UN-Sicherheitsrat gestartet werden, sagt Dzihic voraus. Dann zieht der Kosovo-Tross eben wieder nach New York. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print, 26.7.2007)

  • Vedran Dzihic
    foto: privat

    Vedran Dzihic

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